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Warum ein neuer Holunder Blochwitz heißt

Dr. Martin Blochwitz wurde 1602 in Großenhain geboren. Dass er das weltweit erste Standardwerk über den Holunder schrieb, ist hier bisher keinem aufgefallen.

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Wer hat's erfunden? Wenn man nach Holunder fragt, müsste der Name eines Großenhainer Arztes fallen: Dr. Martin Blochwitz. Er schrieb das weltweit erste Standardwerk über das Gewächs, dessen Früchte antibakterielle und antivirale Wirkung haben. Deshalb hat den Mediziner die „Heilpflanze“ auch so interessiert. Weit über Deutschland hinaus war das Buch bekannt. Doktor Martin Blochwitz und sein Werk sind in Großenhain allerdings überhaupt kein Begriff. Das liegt wohl daran, dass der Herr schon fast 400 Jahre tot ist. Bereits 1602 wurde er geboren, starb nur 27-jährig, vermutlich an der Pest.

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Eine Holunder-Neuzüchtung wurde im Mai in Österreich nach dem Großenhainer Mediziner Martin Blochwitz benannt (gr. Foto). Die Taufe fand im Holunderschaugarten bei Feldbach/Steiermark statt (o.). Blochwitz' Arbeit über den Holunder von 1631.Fotos: Schollm
Eine Holunder-Neuzüchtung wurde im Mai in Österreich nach dem Großenhainer Mediziner Martin Blochwitz benannt (gr. Foto). Die Taufe fand im Holunderschaugarten bei Feldbach/Steiermark statt (o.). Blochwitz' Arbeit über den Holunder von 1631.Fotos: Schollm
Eine Holunder-Neuzüchtung wurde im Mai in Österreich nach dem Großenhainer Mediziner Martin Blochwitz benannt (gr. Foto). Die Taufe fand im Holunderschaugarten bei Feldbach/Steiermark statt (o.). Blochwitz' Arbeit über den Holunder von 1631.Fotos: Schollm
Eine Holunder-Neuzüchtung wurde im Mai in Österreich nach dem Großenhainer Mediziner Martin Blochwitz benannt (gr. Foto). Die Taufe fand im Holunderschaugarten bei Feldbach/Steiermark statt (o.). Blochwitz' Arbeit über den Holunder von 1631.Fotos: Schollm
Eine Holunder-Neuzüchtung wurde im Mai in Österreich nach dem Großenhainer Mediziner Martin Blochwitz benannt (gr. Foto). Die Taufe fand im Holunderschaugarten bei Feldbach/Steiermark statt (o.). Blochwitz' Arbeit über den Holunder von 1631.Fotos: Schollm
Eine Holunder-Neuzüchtung wurde im Mai in Österreich nach dem Großenhainer Mediziner Martin Blochwitz benannt (gr. Foto). Die Taufe fand im Holunderschaugarten bei Feldbach/Steiermark statt (o.). Blochwitz' Arbeit über den Holunder von 1631.Fotos: Schollm

Dass die Geschichte dennoch bekannt wurde, begann in Graz in Österreich. Dort gibt es einen Endokrinologen und Stressforscher, Professor Dr. Sepp Porta. Er arbeitet zur Erforschung der Heilkraft des Holunders mit der steirischen Beerenobstgenossenschaft zusammen. Mit circa 1500 Hektar verfügt die über das weltweit größte Holunderanbaugebiet mit 700 Vertragsbauern. Die Hälfte der Weltproduktion des Kulturholunders wird im Steirischen hergestellt – und zu Edelbränden, Fruchtsaft, Marmelade und Sirup verarbeitet. Auch die Pharmaindustrie schätzt den Holunder als Nahrungsergänzungs- und Heilmittel.

Von Graz über Oschatz nach Hayn

Jener Professor Porta stieß bei seinen Forschungen – unter anderem für das im Vorjahr erschienene Buch „Holunder-Wunderwelt“ – auf den Namen Blochwitz. So kam die Idee für die Taufe einer Neuzüchtung zustande. Sie fand am 23. Mai dieses Jahres bei Feldberg in der Steiermark im Holunder-Schaugarten statt. Vorher hieß die schwarze Sorte Klon B2. Doch wer verbirgt sich hinter dem Namen Blochwitz? fragte sich Sepp Porta. Auf dem Titelblatt der Blochwitzschen Arbeit „Anatomie des Holunders“ (siehe Foto) von 1631 steht, dass er Arzt in Oschatz war.

Bei einer seiner jährlichen Urlaubsfahrten an die Ostsee machte der Grazer Professor deshalb in Oschatz Station und fragte in der Stadtinformation nach. Doch keiner konnte ihm helfen. Sepp Porta ließ aber weise sein Holunder-Buch da. Und das geriet einem örtlichen Mediziner in die Hände – dem emeritierten Gynäkologen Dr. Manfred Schollmeyer. Der ist nicht nur als Arzt ebenfalls auf der Spur von Heilmitteln, sondern auch noch Mitglied im Geschichtsverein. Als er las, dass ein Oschatzer Arzt das weltweit erste Fachbuch über den Holunder verfasst haben sollte, war seine Neugier vollends entflammt. Was er in mühevoller Archivrecherche über Dr. Martin Blochwitz herausgefunden hat, kann man seit voriger Woche auf Wikipedia nachlesen:

Blochwitz stammt nicht aus Oschatz, sondern wurde 1602 in Großenhain geboren! Er kommt aus einer wohlhabenden Familie. Nach den Grundschuljahren wurde Martin Blochwitz 1616 in die Fürstenschule Schulpforta bei Naumburg/Saale aufgenommen und erlangte 1622 hier die Hochschulreife. Vier Jahre studierte er Medizin an der Universität Leipzig. Die Doktorwürde erhielt er am 4. Juli 1626 an der medizinischen Fakultät der Uni Basel.

Ab 1628 Stadtphysikus in Oschatz

Nach dem Studium – so Schollmeyer – arbeitete Martin Blochwitz noch einmal in Großenhain. Möglicherweise schrieb er hier schon an seiner „Anatomie des Holunders“. Zumindest lassen Verweise auf Patienten aus Großenhain – natürlich ohne Namen – darauf schließen. Die Rede ist von „Matrone“ und „Adliger“. 1628 ließ sich der Mediziner als Stadtphysikus in Oschatz nieder. Wie Schollmeyer beschreibt, zog er auf der Hohen Straße mit einem „Geschirr von fünf Pferden und drei Knechten“ vom damaligen Hayn nach Oschatz. Doch schon am 10. September ein Jahr später starb Martin Blochwitz dort im Alter von nur 27 Jahren. Dr. Manfred Schollmeyer schließt daraus, dass ihn die damals grassierende Pest erwischt haben muss. Dagegen half auch kein Holunder.

Zwei Jahre nach seinem Tod wurde die „Anatomia Sambuci“ veröffentlicht – von Martins Bruder Johannes. Der hat ebenfalls in Leipzig Medizin studiert und übersetzte das Werk ins Lateinische. Das Erstaunliche ist, dass sein Bruder auf 298 Seiten in drei Bereichen die alte Kulturpflanze ausführlich erforscht hat: Von der Botanik über vielfältige Zubereitungsarten bis hin zur Behandlung diverser Erkrankungen samt Rezepturen zur Herstellung von Medikamenten aus Holunderblüten, -beeren, -mark und -rinde. Schollmeyer ist erstaunt über die zahlreichen Literaturhinweise zu den Ansichten prominenter Ärzte der Antike und des Mittelalters. „In welcher Bibliothek hat Blochwitz das alles gefunden“, fragt sich der Oschatzer Heimatforscher.

Kein Wunder, dass das grundlegende Buch im ausgehenden Mittelalter für erhebliches Aufsehen gesorgt haben muss. Die Schrift gelangte nach England, wo sie übersetzt und ebenfalls publiziert wurde, sogar auf Empfehlung der königlich britischen Gesellschaft. Ein bekannter Königsberger Mediziner nahm Empfehlungen in seine Schrift Nützliche Hausapotheke auf.

Die internationale Beachtung der Forschungen hält bis heute an. 2010 erschien eine neue englischsprachige Übersetzung der 1677 in London erschienenen „Anatomy of the elder“. Das damalige Original liegt in der Bibliothek der Harvard-Universität. Im gleichen Jahr gab sogar eine amerikanische Gesellschaft ein Reprint heraus.

Es gibt Großenhainer Einträge

Eine erste Spurensuche in Großenhain zu Martin Blochwitz ergab zumindest einige Einträge zur Familiengeschichte. Kai-Uwe-Schwokowski, Vorsitzender des Museumsfördervereins und Erforscher der früheren Großenhainer Bürgermeister, weiß aus der Chronik von Chladenius, dass es einen Bürgermeister Martin Blochwitz gab, der aus Nossen stammt und 1634 mit 86 Jahren in Großenhain gestorben ist. Das könnte der Vater oder Großvater des Arztes gewesen sein. Im Totenbuch der Kirche fand Schwokowski auch einen Eintrag zum Bruder Johann Blochwitz, Physikus (Stadtarzt) in Großenhain, gestorben 1634 mit 29 Jahren – auch ein Opfer der Pest? Stadtarchivarin Anke Brekow verweist auf einen M. Johnas Blochwitz mit unbekanntem Geburtsdatum, gestorben am 1. Juni 1660. Der war Diakonus an der Mönchskirche in Hayn, danach 18 Jahre Rektor der Stadtschule.