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Warum Juden in Löbau kaum Spuren hinterlassen haben

Jüdische Familien gab es nur wenige in der Stadt. Es gibt nicht viel, das an sie erinnert. Eine Betrachtung zum 9. November.

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Von Gabriel Wandt

Es ist erstaunlich: Löbau war einst eine wohlhabende Gemeinde, Konventsstadt, Ort der Treffen und des Handels. Es liegt also nahe, zu vermuten, dass in den zurückliegenden Jahrhunderten auch jüdische Familien sich am hiesigen Handel beteiligt und von ihm gelebt haben. Spuren jüdischen Lebens fallen in der Stadt allerdings nicht auf. Namen oder Häuser künden nicht davon, dass einst Juden hier lebten, auch wurden keine Stolpersteine verlegt, wie in Zittau oder Görlitz, die an jüdische Familien und ihr Schicksal erinnern. Und doch ist die verbreitete Meinung falsch, es hätte gar keine Juden in Löbau gegeben. Zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht hat sich die SZ auf ihre Spuren begeben.

Die Judenkuppe mit dem Blick vom Löbauer Berg auf die Stadt scheint eine Spur jüdischen Lebens in Löbau zu sein. Ihren Namen hat sie allerdings wohl nicht von Juden, die in der Stadt lebten. Foto: Matthias Weber
Die Judenkuppe mit dem Blick vom Löbauer Berg auf die Stadt scheint eine Spur jüdischen Lebens in Löbau zu sein. Ihren Namen hat sie allerdings wohl nicht von Juden, die in der Stadt lebten. Foto: Matthias Weber

Manche dieser Spuren tauchen unvermittelt auf, zum Beispiel vor wenigen Jahren, als der Filmemacher Niels Bolbrinker einen Film über das Haus Schminke drehte. Da zeigte sich, dass die Familie einst ein jüdisches Mädchen versteckte. Villa-Architekt Hans Scharoun hatte die kleine Eleonor Hirschfeld nach Löbau vermittelt. Schminkes nahmen das Kind gern auf. „Es ist bemerkenswert, wie man in so einem transparenten Haus und mit großer Belegschaft jemanden verstecken konnte“, sagt Löbaus Bürgermeister Guido Storch (CDU).

Die meisten der jüdischen Spuren jedoch sind verborgen. Juden hatten es schon immer nicht unbedingt leicht. Sie durften beispielsweise keine Häuser oder Grundstücke besitzen. Das verfügte die böhmische Krone, wie im Buch „Juden in der Oberlausitz“ aus dem Lusatia-Verlag nachzulesen ist. Erst im 18. Jahrhundert, mit Erstarken der Textilherstellung, kommen sie als Wollhändler in die Stadt. Trotzdem lassen sich nur wenige Familien nieder. Wer kam, könnte in der heutigen Johannisstraße gewohnt haben. Wie Jürgen Görner, Leiter des Stadtarchivs, zu berichten weiß, gab es einst eine Judengasse, die wohl die heutige Johannisstraße sein muss. Jüdisches Leben hat sich in Löbau allerdings nie entfaltet, es entstand keine Religionsgemeinde, es gab keinen Betraum oder eine Synagoge.

Eine versteckte Spur jüdischer Händler findet sich am Altmarkt, Ecke Badergasse, im heutigen Sparkassengebäude. Auch das lässt sich in den Unterlagen des Stadtarchivs nachlesen. Am 20. März 1887 gab der Jude Isidor Brauer bekannt, dass er am Markt ein neues Bekleidungsgeschäft eröffnet hat – der Name „Erstes Görlitzer Spezialgeschäft“ weist darauf hin, dass Juden nach wie vor von außerhalb in die Stadt kamen. Einfacher wurde es für sie aber nicht. 1892 sah sich Richard Schönfeld genötigt, im Sächsischen Postillon zu inserieren, dass er nicht jüdischer Herkunft, sondern Christ sei. Er hatte zuvor offenbar das Geschäft eines Juden übernommen und sah sich nun Anfeindungen ausgesetzt.

Zehn weitere jüdische Händler sind Archivar Görner für die 1930er Jahre bekannt. Sie bekamen die nationale Stimmung zu spüren. 1933 verfügte der zweite Bürgermeister Ay, dass Stadtangestellte nicht in jüdischen Geschäften einkaufen durften, dazu kam ein Badeverbot für Juden in städtischen Bädern. 1937 ging Adolf Grünewald mit 57 Jahren in den Freitod, er hatte ein Geschäft in der Nikolaistraße.

Die Nacht vom 9. zum 10. November 1938, in der in ganz Deutschland Synagogen, Wohnungen und Geschäfte von Juden in Flammen aufgingen, die Menschen deportiert wurden oder gleich den Tod fanden, ging auch an Löbau nicht spurlos vorüber. Zu Exzessen kam es nicht, aber national gesinnte Löbauer zogen am Abend zur Filzfabrik in die Georgewitzer Straße, die zu dieser Zeit in jüdischer Hand war. Mehrere Juden wurden verhaftet, den Fabrikmitarbeiter wurde verdeutlicht, für wen sie hier arbeiten würden.

Von all dem ist im Löbauer Stadtbild nichts mehr abzulesen. Auf dem Löbauer Berg scheint noch die Judenkuppe auf Juden hinzuweisen. Sie ist noch heute ein Aussichtspunkt mit einem schönen Blick auf die Stadt. Stadtarchivar Görner erklärt jedoch, dass es sich hier offensichtlich um ein Missverständnis handelt. Der Begriff leite sich wohl eher vom Wort Judute ab, das mit der Gerichtsbarkeit zusammenhängt und so viel wie „zieht aus“ bedeute. So hat es Geschichtsforscher Otto Staudinger (1867-1952) niedergeschrieben. Jedenfalls sei über die Kuppe auch nichts bekannt, was mit Juden in Verbindung gebracht werden könnte, erklärt Görner. Die Nazis wollten diesen Begriff aus dem Gedächtnis streichen lassen, gelungen ist es ihnen nicht.

Sichtbarstes Zeichen jüdischer Geschichte in Löbau ist wohl der Gedenkstein am Amtsgericht, der den jüdischen siebenarmigen Leuchter, die Menora, zeigt. Dort wird diesen Sonnabend, 10 Uhr, den Opfern der Nacht vor 75 Jahren gedacht.