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Was ist enkeltaugliche Politik, Herr Altmann?

Mike Altmann will in den Stadtrat. Wie ein Mann ohne Enkel für eben jene Politik machen will, verrät er im Interview.

Mike Altmann (45) ist Geschäftsführer von Lausitz Matrix, Vereinsvorsitzender von Motor Görlitz und Stadtrats-Anwärter.
Mike Altmann (45) ist Geschäftsführer von Lausitz Matrix, Vereinsvorsitzender von Motor Görlitz und Stadtrats-Anwärter. © © Pawel Sosnowski

Herr Altmann. Wie enkelgerecht ist es heutzutage, Enkel zu bekommen?

Ich bin Vater von zwei Töchtern und finde es wunderbar. Ich würde mich freuen, irgendwann Großvater zu werden. Die junge Generation hat das Zeug, die Welt besser zu machen. Dass Schüler für die Umwelt auf die Straße gehen, motiviert.

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Mentale Belastung kann positiv sein und zu herausragenden Leistungen führen. Allerdings birgt sie auch eine Gefahr für die Gesundheit.

Haben Sie keine Angst, dass die Erde durch Atomkriege und Umwelt für die Enkel ein grausamer Ort sein könnte?

Nein. Ich bin grundoptimistisch. Sonst könnten wir auch gleich Bunker bauen und auf’s Ende der Welt warten.

Sie haben keine Enkel, wollen ihnen in der Politik aber gerecht werden. Wie?

Das Wort enkelgerecht ersetzt den sperrigen, kalten Begriff Nachhaltigkeit. Unser Leben hat Einfluss auf künftige Generationen. Um das auf die Kommune zurückzuführen: Wie wollen wir unsere Stadt entwickeln, ohne das Erbe der nächsten Generationen zu verfrühstücken?

Geht das konkreter?

Beispiel Stadthalle. Es schwingen tolle Erinnerungen mit: Tanzabschluss, Jugendweihe, Costa-Cordales-Konzerte. Die sollen aufleben. Der Wunsch ist legitim. Zu Sanierungskosten steuern Bund und Land viel bei. Was erheblicher ist, sind aber Betriebskosten und Rücklagen für den Erhalt. Jährlich dürften das gut 1,5 Millionen Euro sein. Das kann die Stadt nicht stemmen.

Enkeln wird es ohne also besser gehen?

Man muss das Thema zukunftsträchtig denken. Ich kann die Halle nicht so wieder aufmachen, wie sie mal da gestanden hat. Angesichts eines erodierenden Europas könnte ich mir vorstellen, dass gerade an dieser Stelle eine europäische Nutzung interessant wäre. Auch für Brüssel. Dann gibt es eben nicht ständig Costa Cordales, sondern Ausstellungen, Kolloquien. Wir könnten viel mehr Europastadt werden.

In Görlitz leben mehr Großeltern als Enkel. Für die wollen Sie keine Politik machen?

Das eine schadet dem anderen nicht. Auch ältere Menschen würden sich über mehr Jüngere freuen. Niemand will in einer Stadt mit Altersheim-Charakter leben.

Beeinträchtigt es die Beziehung zu den Enkeln, dass so viele gehen?

Dass Kinder flügge werden, ist normal. Es bringt uns nichts, eine Glocke über Görlitz zu legen, in der alle bleiben. Wir brauchen Austausch. Menschen mit neuen Einflüssen haben immer gutgetan. Was wichtig ist: Wer gegangen ist, soll das Gefühl haben, jederzeit zurückkehren zu können.

Ist es nicht erfreulich, wenn Enkel gute Jobs in Berlin oder Dresden kriegen?

Wenn meine Kinder nach Berlin ziehen, weil sie die Großstadt erleben wollen, ist alles super. Sind Arbeit und Lohn der Grund, würde ich ein großes Fragezeichen setzen.

Haben Sie Ihre Kinder mal gefragt, was sie sich von der Politik wünschen?

Habe ich noch nicht. Werde ich.

Glauben Sie, Ihre Kinder werden Ihnen für ihre Politik danken?

Der größte Dank wäre natürlich, wenn sich die Familie in Görlitz vereint. Aber es sollte nicht das Kriterium sein, alles nur für die eigenen Kinder zu tun. Ich will meinen Lebensabend hier verbringen. In einer fidelen Stadt leben, nicht nur unter Alten rumhängen und von Krankheiten erzählen.

45 ist etwas jung für den Lebensabend.

Klingt pathetisch, aber an einem bestimmten Punkt macht man sich Gedanken, was der Plan ist. Vor acht Jahren konnte ich mir vorstellen, noch mal zu gehen. Da hatte ich Görlitz-Blues, den hab ich überwunden. Das Bleiben ist jetzt zu Ende gedacht.

Wie sehen Sie sich als Großvater leben?

Der Wunschvorstellung nach leben wir in einer toleranten Europastadt, in die junge Menschen gern zurückkehren. Ich sehe die Enkel regelmäßig und hoffe, dass zumindest ein Kind in der Nähe wohnt.

Glauben Sie, Ihre Großeltern haben sich solche Gedanken auch gemacht?

Nein, Abwanderung war in der DDR kein so großes Thema. Alles war in nächster Nähe. Heute verändert sich ständig viel mehr.

Ist es Luxus, an Enkel zu denken?

Es ist absoluter Luxus, in dieser Zeit zu leben. Es gibt viele Optionen, ohne dass man alles mitnehmen müsste. Es gibt noch viele Ungerechtigkeiten und den Klimawandel. Dennoch: Vor 30 Jahren hätten wir an einem Wintertag in Görlitz nicht Fein-, sondern Grobstaub in der Lunge. Heute atme ich bessere Luft als 1988, in 30 Jahren sicher noch mehr. Die Generation, die jetzt groß wird, geht mit einem anderen Bewusstsein durch das Leben. Wir Mittelalte müssen das erst lernen. Auch dafür brauchen wir die Jugend so dringend.

Das Gespräch führte Franziska Klemenz