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Was Sachsens Fußballchef jetzt dem DFB rät

Hermann Winkler hat genaue Ideen, wie sich der Verband neu aufstellen muss. Und er sagt, welche Rolle Matthias Sammer dabei übernehmen könnte.

Der Nächste, bitte!? Für Hermann Winkler (M) ist nach dem Rücktritt von Reinhard Grindel (re.) die Suche nach einem neuen DFB-Präsidenten derzeit nicht vordringlich. Trotzdem macht er einen Vorschlag.
Der Nächste, bitte!? Für Hermann Winkler (M) ist nach dem Rücktritt von Reinhard Grindel (re.) die Suche nach einem neuen DFB-Präsidenten derzeit nicht vordringlich. Trotzdem macht er einen Vorschlag. © Kohring /Eibner-Pressefoto (Archiv)

Dürften Deutschlands Fußball-Fans entscheiden, wäre Rudi Völler der Favorit auf die Nachfolge des zurückgetretenen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel. 35 Prozent stimmten laut einer Umfrage der Bild-Zeitung bei einer Auswahl von sechs Kandidaten für den früheren DFB-Teamchef und aktuellen Geschäftsführer Sport von Bayer Leverkusen.

Wer Grindel tatsächlich beerben wird, ist offen. Der 57-Jährige war am Dienstag zurückgetreten und hatte dabei die Annahme einer Uhr bestätigt, deren Wert er mit rund 6 000 Euro angab. Schon in den Tagen und Wochen zuvor hatte es heftige Kritik an Grindels Führungsstil und Krisenmanagement gegeben, sodass der Rücktritt nicht mehr wirklich überraschend kam – auch nicht für Hermann Winkler, Präsident des sächsischen Fußballverbandes.

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Der 55-Jährige, der für die CDU im Europaparlament sitzt, sagt im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung, was jetzt im DFB passieren muss – und was er eigentlich von Matthias Sammer als DFB-Präsidenten hält.

Herr Winkler, wie haben Sie die vergangenen Tagen und Wochen wahrgenommen und erlebt?

Als sehr turbulent. Am Freitagnachmittag ist Reinhard Grindel noch in seinem Amt als DFB-Präsident in Sachsen unterwegs gewesen, als die ersten Gerüchte und Vorabmeldungen im Internet zu finden waren. Eine gewisse Unruhe ist da schon zu spüren gewesen, die sich übers Wochenende verstärkt hat. Es gab viele Telefonate auch zwischen uns Landesverbandspräsidenten, weil wir natürlich die Sorge hatten, dass es so kommt, wie es am Dienstag dann eingetreten ist. Nämlich, dass wir turbulente Zeiten haben.

Ist Grindels Rücktritt richtig gewesen?

Ja, wenngleich ich auch sage, dass es schade ist. Ich finde, Reinhard Grindel war ein sehr fleißiger Präsident. In den drei Jahren seiner Amtszeit war er allein sechs Mal in Sachsen an der Fußballbasis, selbst bei kleinen Vereinen wie zum Beispiel in Großröhrsdorf. Insofern war er auch Ansprechpartner für den Amateurbereich. Trotzdem ist sein Schritt richtig, denn durch so ein Verhalten, wie die Annahme einer Uhr zum Beispiel, leidet das Ansehen des DFB noch mehr. Und das können wir uns als größter Sportfachverband der Welt nicht leisten.

Die Vorfälle und Verfehlungen sind nicht neu. Bereits Grindels Vorgänger Wolfgang Niersbach ist das zum Verhängnis geworden. Ist das nur Zufall oder warum passiert das offensichtlich immer wieder?

Das kann ich so pauschal nicht beantworten. Aber für mich wird darin deutlich, dass wir nicht nur das Problem Grindel hatten, sondern ein Problem im DFB haben. Deshalb müssen wir im Verband sehr gründlich darüber nachdenken, wie es weitergehen soll. Es kann nicht nur darum gehen, eine Person auszutauschen. Wir müssen stattdessen über Strukturen reden, über Geldzahlungen und Verträge. Wie kann es denn sein, dass es Tochterfirmen im DFB gibt, in denen Aufsichtsratsmandate so hoch vergütet werden? Das müssen wir klären, denn hier liegt der Ursprung. Deshalb bin ich auch bereit, diese Strukturdebatte mit zu führen.

Haben Sie schon einen Lösungsansatz?

Die habe ich noch nicht, dafür sind die Entwicklungen auch noch zu frisch. Aber eine Frage ist zum Beispiel, ob für so einen großen Verband wie den DFB mit mehr als 25 000 Vereinen wirklich eine ehrenamtliche Struktur die richtige ist – oder ob man ehrlicherweise nicht sagen müsste, dass es besser eine Geschäftsführung sowie einen Aufsichtsrat geben sollte mit einer klaren Vergütung und festgelegten, ausgeschriebenen Funktionen. Denn dann hätten wir Klarheit. Ich finde, unsere Ehrenamtlichen brauchen auch in solchen Fragen eine Transparenz und keine Schummelbilder.

Welche Rolle können und sollen die Landesverbände in dem Strukturveränderungsprozess spielen?

Das liegt jetzt an uns selbst. Wir müssen uns natürlich einbringen. Und wir müssen auch aufpassen, dass der Amateurbereich, der größtenteils in den Landesverbänden stattfindet, weiterhin eine entscheidende Rolle im DFB behält. Es kann und darf kein Gegeneinander geben von Profi- und Amateurfußball. Denkbar ist also eine Doppelspitze. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass der Amateurbereich die Grundlage bildet für die Profis. Andersherum benötigen wir die Unterstützung des Profibereichs, so wie das jetzt im Grundlagenvertrag geregelt ist. Das muss Bestand haben.

Ist diese vermeintliche Spaltung, also die vielen Amateure auf der einen und die Profis mit dem vielen Geld auf der anderen Seite, nicht das eigentliche Problem des Verbandes?

Das ist auf jeden Fall einmalig und deshalb auch so schwierig. Aber ich halte es für eine unheimlich spannende Herausforderung, diesen Spagat hinzubekommen. Denn die Profis kommen aus den kleinen Vereinen im Amateurbereich. Und wenn sie dann Geld mit dem Fußball verdienen, geben die Profis wieder etwas zurück. Das ist ein geniales Modell, wir müssen es nur transparent, offen und ehrlich umsetzen.

Überspitzt könnte man entgegnen, dass die Profis diesen DFB doch gar nicht mehr brauchen. Die Liga vermarktet sich selbst, die Nationalmannschaft auch. Was sagen Sie?

Da sage ich ganz klar: Nein. Wir brauchen den DFB als Dach, weil sich sonst beide Seiten zu sehr verselbstständigen. Und dann besteht genau diese Gefahr, dass sich die Profis komplett von den Amateuren abwenden und sich allein um ihren Sport und ihr Geld kümmern. Das kann nicht die Lösung sein. Denn die Profis wären ohne die Amateure keine Profis.

Unabhängig von allen Strukturfragen wird jetzt auch nach einem neuen DFB-Präsidenten gesucht. Sind Sie interessiert, vielleicht auch als Teil der von Ihnen ins Gespräch gebrachten Doppelspitze?

Nein. Ich sehe mich weiter in meiner Verantwortung als Präsident des Landesverbandes.

Und Matthias Sammer? Der gebürtige Dresdner wird jetzt als ein Kandidat gehandelt. Wäre er der Richtige?

Matthias Sammer wäre ein geeigneter Kandidat für viele Dinge, weil er über so viel Erfahrung verfügt und so viele gute Sachen hinterlassen hat. Doch ich möchte ihn jetzt auch nicht verbrennen, in dem ich ihn ins Spiel bringe oder gar öffentlich meine Unterstützung signalisiere. Ich finde, wir müssen erst die Strukturen haben und dann die Personen suchen für diese Strukturen. Und dafür müssen wir uns jetzt auch ein bisschen Zeit lassen dürfen. Aber Sie merken meine uneingeschränkte Sympathie für Matthias Sammer – nicht nur als Person und Fußballer, sondern auch als Manager. Schon als es um die Aufarbeitung des WM-Abschneidens im vergangenen Sommer ging, habe ich ja gesagt, dass man mal einen um Rat fragen müsste wie Matthias Sammer. Ich schätze ihn sehr.

Der neue DFB-Präsident wird erst am 27. September gewählt. Was passiert bis dahin?

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Bis dahin müssen die Strukturen stehen. Und bis dahin führen Reinhard Rauball und Rainer Koch den Verband.

Und gibt es denn schon einen Sondierungstermin für Strukturgespräche?

Nein, doch wir haben untereinander natürlich schon gesprochen. Das wird mit Sicherheit in den nächsten Tagen geschehen.

Das Gespräch führte Tino Meyer.

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