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Leben und Stil

Was sind die häufigsten Probleme in der Liebe, Herr Thiel?

Unser Single- und Paarberater hat jetzt schon 300 Kolumnen geschrieben. Hier zieht er ein Fazit über Untreue, schnellen Sex und Single-Mangel in Sachsen.

Unser Single- und Paarberater Christian Thiel.
Unser Single- und Paarberater Christian Thiel. © Sven Ellger

Single- und Paarberater Christian Thiel hat jetzt für die Sächsische Zeitung die 300. Kolumne geschrieben. 300 Antworten, warum es mit der Partnersuche, mit der Beziehung oder mit dem Sex nicht klappt. Thiel ist inzwischen auch ein gefragter Referent bei Leserforen – das nächste Mal am 27. September im Haus der Presse in Dresden. Die SZ sprach vorab mit ihm.

Herr Thiel, wir als Redaktion werden oft gefragt, ob die Fragen echt sind, die Sie beantworten. Sind sie das?

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In der Regel schon. Die Leser schreiben mir ihre tatsächlichen Probleme, und genau das macht es so spannend. Die Briefe oder Mails sind oft sehr persönlich und sehr berührend. Nur wenn mal Flaute ist – in der Urlaubszeit zum Beispiel – greife ich auf Fragen zurück, die in meiner Beratung häufig gestellt werden. Meine Frau liest über die fertige Kolumne dann noch mal drüber, ergänzt auch mal etwas.

Ihre Frau? Ist sie auch Beziehungsberaterin?

Nein. Sie ist hat auf eine andere Art mit dem Ende der Liebe zu tun – als Krankenschwester im Hospiz. Dort wird viel über das Leben nachgedacht. Und auch ihr weiblicher Blick auf die Texte ist mir wichtig.

Was ist denn das häufigste Problem, mit dem sich Leser an Sie wenden?

Ganz klar Untreue. Wenn eine Partnerschaft nicht mehr gut verläuft, ist die Verlockung groß, es außerhalb zu versuchen.

Es gibt ja Menschen, die dadurch wieder frischen Wind in ihre Partnerschaft bringen wollen.

Das funktioniert aber nicht – im Gegenteil: Untreue vergrößert die Probleme nur noch. Entweder man bemüht sich ernsthaft, die Ursachen für die Unzufriedenheit zu finden und seine Partnerschaft zu verbessern oder man trennt sich lieber gleich. Das ist moralisch die sauberste Lösung.

Untreue geschieht ja nicht immer mit Vorsatz. Was ist, wenn man sich plötzlich verliebt – zum Beispiel in die Arbeitskollegin?

So plötzlich, wie es scheint, verliebt man sich nicht. Oft ist derjenige schon lange unzufrieden mit der eigenen Partnerschaft. Er bekommt eine Weile lang Flirtangebote, wobei manche Männer halt mehr Angebote bekommen – weil sie viel unterwegs sind oder viel Geld verdienen zum Beispiel. Problematisch wird es bereits dann, wenn Mann beginnt, die nette Kollegin mit der eigenen Frau zu vergleichen: Die Kollegin hört mir viel besser zu, sie lacht viel mehr mit mir. Bei solchen Vergleichen wird die Partnerin immer schlechter abschneiden. Mann wird immer vertrauter mit der Kollegin. Und nach einem halben Jahr ist es nur noch eine Frage der räumlichen Gelegenheit, bis es zum Sex kommt. Das Ganze funktioniert natürlich auch umgekehrt.

Gibt es heute mehr Untreue als früher?

Eine spannende Frage, weil dazu keine genauen Erhebungen existieren. Ich würde aber sagen, Untreue gab es schon immer. Bei einem Blutgruppentest in den 30er-Jahren in den USA kam mehr zufällig heraus, dass etwa zehn Prozent der Kinder nicht vom vermeintlichen Vater stammten. Noch früher, im Mittelalter, herrschten aus heutiger Sicht ziemlich lockere moralische Auffassungen. Auch in adligen Kreisen gab es keine Treue. Das Bürgertum versuchte es, aber dass sich die Männer nebenbei austoben, war klar – in den unteren Ständen ebenso.

Heute haben wir einen viel höheren Anspruch an die Partnerschaft. Sie soll etwas Exklusives sein. Da wird Treue erwartet. Wenn nicht, ist die Bereitschaft groß, sich zu trennen. Denn niemand muss heute mehr nach außen die Fassade aufrechterhalten. Und schon ist das nächste Problem da, um das es sich häufig in meinen Kolumnen dreht: die Suche nach einem neuen Partner.

Warum klagen so viele Menschen, nicht den passenden Partner zu finden?

Weil sie sich oft zu wenig Zeit nehmen. Typischerweise läuft das doch heute so: Man lernt sich kennen – beim Tanzen zum Beispiel –, trinkt Alkohol, findet sich erotisch begehrenswert und landet gemeinsam im Bett. Auch übers Internet geht es oft schnell zur Sache, ohne dass man vorher über die wirklich wichtigen Dinge gesprochen hat: welche Ziele im Leben man hat, welche Vorstellungen von der Partnerschaft. Kinderlose Frauen um die 40 treibt auch schon mal Torschlusspanik. Das kann nicht lange gut gehen.

Ab 35 sind doch aber die meisten vergeben. Und in manchen Regionen mangelt es schlichtweg an Singles.

Es stimmt, dass es zwischen 30 und 60 nicht irre viele Singles gibt. Hinzu kommt noch der schnelle Weg zu Ruhm und Ehre, wie ich es nenne: Junge Damen greifen ältere Herren über 50 ab. Das macht es für Frauen über 50 schwer, in dieser Altersgruppe Männer kennenzulernen. Denn die sind dann schon mit der 35-Jährigen liiert.

Und ab 60 wird das Single-Angebot dann wieder besser?

Ja, denn die Ersten sind dann verwitwet. Früher haben sie sich meist nicht mehr gebunden. Doch heute kennt die Liebe nach oben keine Grenzen. Da gibt es rührende Geschichten vom 90-jährigen Vater zum Beispiel, der sich in eine junge Dame verliebt hat. Sie war 75. Oder von der 101-Jährigen, die sich im Pflegeheim mit ihrer neuen Liebe das Bett teilen wollte.

Ihre Kolumnen sind ja oft schonungslos direkt, und die Antworten werden nicht allen gefallen. Bekommen Sie auch Beschwerden?

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Ja, ab und an. Der Klassiker sind Schwiegermütter, die die Schwiegertochter nicht akzeptieren – und meinen Rat, sich da rauszuhalten. Schließlich hat sich der Sohn entschieden und muss wissen, was er tut. Oder Eltern, die ihre erwachsenen Kinder kritisieren. Sie sollten loslassen, finde ich. Das hören nicht alle gern.

Interview: Katrin Saft

Die 300. Kolumne über die Schuldfrage in der Partnerschaft erscheint am Freitag in der Sächsischen Zeitung.

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