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Was, so alt?

Eine Scheune in Kreba-Neudorf hat mehr Jahre auf dem Buckel als gedacht. Nun erhält sie eine Notsicherung.

© André Schulze

Von Thomas Staudt

Kreba-Neudorf. Eine Seite neigt sich bedenklich nach links. Dahinter liegt Gemeindeland. Davor, auf dem Hof, spielen die Kinder. „Wäre es da nicht besser, die alte Scheune abzureißen – bevor etwas passiert?“ Manja Fietze und ihr Mann Sandrino sind unentschieden: Was, wenn das alte Ding plötzlich einstürzt? Sie fragen beim Denkmalamt nach. Schließlich steht die Schrotholzscheune unter Schutz. Ja, heißt es da, wenn der Einsturz drohe, werde man nichts gegen den Abriss haben. Ob Fietzes denn einverstanden seien, wenn man Holzproben zur Altersbestimmung ziehen komme? Sind Fietzes. Als die Ergebnisse der dendrochronologischen Untersuchung, bei der anhand der Jahresringe das Alter von Holz bestimmt werden kann, vorliegen, sind nicht nur Fietzes verblüfft: Zumindest ein Teil der Scheune stammt aus der Zeit um 1700 und hat über dreihundert Jahre auf dem Buckel. Das älteste der Hölzer gehört zu einem Stamm, der 1688 geschlagen wurde.

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Eine kleine Sensation, für die sich nicht nur die Untere Denkmalbehörde, sondern auch das Landesdenkmalamt in Dresden interessiert. Denkmalpfleger Thomas Noky, ein ausgewiesener Kenner der ländlichen Baukultur im östlichen Sachsen, kommt ins Dorf und erstellt eine Dokumentation. Danach ist der rechte Teil der Scheune hundert Jahre jünger als der Kernbau links. Der Aufbau aus Fachwerk, der Dachstuhl und die Eindeckung stammen aus der Zeit um 1850.

Insgesamt gesehen gehört Fietzes Schrotholzscheune zu den ältesten Blockbauten in der Oberlausitz. Noky braucht nicht lange, um Fietzes davon zu überzeugen, dass ein so wichtiges Zeugnis der Baugeschichte erhalten bleiben muss. Zusammenfallen könne es auf Grund der Bauweise wohl nicht, meint er. Dennoch soll die Scheune im Laufe des Sommers restauriert werden. Innen wird ein Stützkorsett für die notwendige Stabilität sorgen. Eine Notsicherung. Die Kosten übernimmt das Amt. Zur Vorbereitung hat die Familie mittlerweile die alten Dachziegel abgenommen. Sie müssen nun mühsam von Hand von Mörtelresten befreit werden. Sobald das Korsett steht, kommen sie wieder aufs Dach. „Wenn Sie mal Langeweile haben, kommen Sie einfach vorbei“, sagt Manja Fietze augenzwinkernd. Das Wissen, wie lange sich das Gehöft – ursprünglich wohl ein Dreiseithof mit Wohn- und Nebengebäude sowie Scheune und einer hölzernen Durchfahrt – schon in Familienbesitz befindet, ist im Laufe der Jahre verloren gegangen. „Aber“, sagt Manja Fietze, „klar ist wohl, dass es schon den Urgroßeltern meines Mannes gehörte.“ Sie will, so bald wie möglich, selbst Nachforschungen anstellen. Alle, die Informationen oder sogar Dokumente über die Scheune oder den Hof haben, lädt sie ein, vorbeizukommen und so bei der Suche mitzuhelfen. „Fotos oder so was würden natürlich wieder zurückgegeben.“ Solange das Gehöft noch landwirtschaftlich genutzt wurde, diente die Schrotholzscheune zum Unterstellen von Geräten und als Heuboden. Heute halten Manja und ihr Mann nur noch Enten und Hühner. Mehr würden sie wohl auch nicht schaffen. Trotz der Kinder, sie sind sechs und acht Jahre alt, arbeitet die gelernte Diplom-Informatikerin als Software-Entwicklerin in Görlitz und Dresden. Ihr Mann ist als Bauingenieur tätig.

Über die rohe, an der Funktion orientierte Bauweise hinaus hat die Scheune eine gute Portion bäuerlichen Charmes bewahrt. Sie dient immer noch als Unterstellplatz. Drinnen bietet sie ein profundes Sammelsurium aus Alt und Neu. Neben einer historischen Schrotmühle, einer Hobelbank aus Holz, einem Schweinetrog oder alten, eisernen Feldpflügen finden sich moderne Aluleitern und Autoreifen, die für den nächsten Wechsel bereitstehen. Ein gummibereifter Anhänger mit hölzernem Aufbau in Grün wartet darauf, zu einem Kremser umgebaut zu werden.

Schrotholzhäuser sind in Blockbauweise errichtet – einer Technik, die laut der Deutschen Stiftung Denkmalpflege typisch ist für sorbische Siedlungsgebiete. Aber auch andere Völker kannten sie. Die ältesten Nachweise stammen aus der Zeit um 2800 v. Chr. und wurden am Federsee in Baden-Württemberg gefunden Eine hübsche Sammlung weit jüngerer Beispiele bewahrt der Erlichthof in Rietschen.

Ihre Kinder sind ihr Lieblingsmotiv, sagt Manja Fietze. In ihrer Freizeit ist sie viel mit ihrer Digitalkamera unterwegs. Aber auch für alles Alte hat sie viel übrig. Dass die Scheune nun doch stehen bleibt, findet sie gut. Das wird im Herbst sogar gefeiert. Dann ist die Scheune offizieller Anlaufpunkt zum Tag des offenen Denkmals. Schon vor zwei Jahren räumten Fietzes dafür die Scheune leer, stellten Biertische auf und luden Freunde und Bekannte zum „Scheunengemunkel“. In diesem Jahr werden am zweiten Septemberwochenende wohl ein paar Besucher vorbeikommen.