merken
PLUS

Was Unternehmer von der Forstwirtschaft lernen können

Beim Mittelsachsen-Forum trafen sich 120 Unternehmer aus der Region. Das aktuelle Motto war eigentlich 300 Jahre alt.

Von Jan Iven

Jahrhunderte nach seinem Tod erschien gestern der Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz auf dem Mittesachsen-Forum im Waldheimer Seminar- und Tagungszentrum. Und erinnerte die 120 Teilnehmer des Unternehmertreffens an das von ihm geprägte Prinzip der Nachhaltigkeit, mit dem er 1713 einer Rohstoffkrise in der Holzwirtschaft begegnete. „Schlage nur so viel Holz, wie der Wald verkraften kann“, sagte der Freiberger, bei dem es sich allerdings um einen Darsteller im historischen Gewand und mit bleicher Perücke handelte. Und übersetzte den alten Begriff aus der Holzwirtschaft gleich ins Unternehmerdeutsch: „Lebt von den Zinsen, aber nicht vom Kapital.“

ECHT.SCHÖN.HIER
Sachsen entdecken und erleben
Sachsen entdecken und erleben

Lernen Sie unbekannte Orte der Region kennen - wir geben Ihnen Insidertipps um die Heimat neu zu erkunden und lieben zu lernen.

Das alte, aber schon wieder moderne Thema Nachhaltigkeit hatte sich das 3. Mittelsachsen-Forum zum Motto gewählt, das gestern im Seminar- und Tagungszentrum in Waldheim stattfand. Diskutiert wurde, was der in den vergangenen Jahren schon inflationär verwendete Begriff den Unternehmern heute zwischen nötigem Umweltschutz und staatlicher Überregulierung noch zu sagen hat. Modewort oder ungelöste Aufgabe? „Wohl beides“, befand der Schweizer Manager Werner Tschan der Firma Swap in Frankenberg in seinem Vortrag. Das Unternehmen stellt unter anderem Dämmmaterial aus Altpapier her, die es an die größten Automobilkonzerne der Welt liefert. Doch Werner Tschan bezog die Nachhaltigkeit nicht nur auf die Produkte, sondern auch auf die Aufstellung der Firma. „Das eigene Unternehmen sollte immer als Baustelle betrachtet werden. Es ist nie fertig“, sagte er. Statt immer nur kurzfristige Erfolge zu verfolgen, müssten auch weitsichtige und manchmal unpopuläre Entscheidungen getroffen werden. Gleichzeitig dürften Umweltauflagen nicht zu Überregulierung führen. „Ein zu großer Einfluss des Staates hemmt die Innovationskraft von Unternehmen, die schließlich auch eine Voraussetzung für Nachhaltigkeit ist“, sagte er.

„Wer hat’s erfunden?“ fragte Landrat Volker Uhlig (CDU) mit Bezug auf die Nachhaltigkeit und legte dabei Wert auf die Feststellung, dass Hans Carl von Carlowitz aus Mittelsachsen stammte. „Die Nachhaltigkeit hat ihre Wurzeln im Landkreis. Das ist ein historisches Pfund, mit dem wir wuchern können.“ Zwar werde im Umweltschutz von der Abschaffung der Glühbirne bis hin zum Schutz der Fledermäuse an der Waldschlößchenbrücke so Einiges übertrieben. „Wenn Plastiktüten aber erst nach 400 Jahren verrotten, dann ist ein Verbot auf den zweiten Blick vielleicht doch nicht so doof“, gab Volker Uhlig zu bedenken.

Eine nachhaltige Politik bedeutet für den Landrat vor allem, sich rechtzeitig auf die Folgen des demografischen Wandels einzustellen. „Wir werden uns überlegen müssen, welche kommunalen Angebote von der Abwasserentsorgung über Krankenhäuser bis hin zur Kultur wir in Zukunft noch brauchen und finanzieren können“, sagte Uhlig. Er lud die Unternehmer ein, gemeinsam mit dem Landkreis und den Kommunen an Lösungen für die nächsten Jahre zu arbeiten.

Über Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft sprach Ferdinand Schramm, stellvertretender Vorstandschef der Sparkasse Mittelsachsen. „Das hört sich vielleicht mutig an in Zeiten der Finanzkrise“, sagte er. Als Folge der Krise sehe sich die Branche nun ebenfalls mit einer Überregulierung konfrontiert. Inzwischen müssten die Banken bei Beratungsgesprächen seitenlange Beratungsprotokolle führen. Dabei sei neben dem „Roulette an den Börsen“ auch die überzogene Staatsverschuldung und die negative Realverzinsung, sprich: das billige Geld, für die Probleme verantwortlich. „Selbst der Musterschüler Deutschland hat zu viele Schulden“, sagte Schramm.

Sein Gegenrezept: Sich auf alte solide kaufmännische Tugenden besinnen. Denn: „Die Zeit des Gigantismus ist vorbei.“ Das einseitige Schielen auf kurzfristige Gewinnmaximierung führe letztendlich immer wieder in die nächste Krise. Die Alternative sei die nachhaltige und ausgewogene Entwicklung von Unternehmen, um ein langfristiges Wachstum zu ermöglichen. Deutschland und gerade Mittelsachsen hätten mit ihren dezentralen Strukturen gute Voraussetzungen, um flexibel auf zukünftige Herausforderungen zu reagieren.

Zum Abschied sparte Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz nicht an Kritik: „Ihr Menschen dieser Zeit konsumiert zu viel. Dabei solltet ihr so leben, dass die Erde für eure Kinder erhalten bleibt.“ Gerade die Entscheider in Unternehmen, aber auch alle Verbraucher, hätten es in der Hand, den alten Begriff der Nachhaltigkeit wieder mit neuem Leben zu erfüllen.