merken
PLUS

Riesa

Waschbär gerettet, Denkmal abgerissen

Für das verängstigte Tier hatte der Abrissbagger auf dem Brauereigelände in Riesa extra einen Fluchtweg angelegt. Das hat offenbar funktioniert.

Donnerstag saß der Waschbär noch im Dachstuhl.
Donnerstag saß der Waschbär noch im Dachstuhl. © Sebastian Schultz

Riesa. Vom letzten denkmalgeschützten Brauereigebäude in Riesa war am Freitag nur noch ein Schutthaufen übrig. 

Nachdem die Behörden angesichts des schlechten Zustands des Gebäudes doch noch ihre Zustimmung für den Abbruch gegeben hatten, hatte am Donnerstag das Auftauchen eines Waschbären die Abrissarbeiten zeitweise gestoppt: Das Tier hatte sich in den Dachstuhl zurückgezogen, von wo es für den Waschbär nach dem Abriss des Treppenhauses kein Entkommen mehr gab.

Anzeige
Wie leben Familien in Sachsen?

Die große Umfrage zur Familienzufriedenheit geht in eine neue Runde. Jede Antwort zählt!

Stadtjäger und Tierparkchef Gerhard Herrmann hatte deshalb empfohlen, den Abriss des Backsteinbaus an der Brauhausstraße auf zwei Tage zu strecken – und vor dem Einbruch der Dunkelheit noch eine Art Rampe als Fluchtweg für das Tier anzulegen. Die Arbeiter des Abbruchunternehmens Bothur kamen dem Wunsch nach. „So was ist uns noch nie untergekommen“, sagt ein Mitarbeiter. 

Offenbar ist die Aktion geglückt: Denn als die Männer am Freitagvormittag den Abbruch des halb umgelegten Gebäudes fortsetzten, war vom pelzigen Raubtier keine Spur mehr zu entdecken. Auch Reste eines Nestes oder Ähnliches ließen sich im Staub der Arbeiten nicht ausmachen.

Laut Stadtjäger Gerhard Herrmann haben Waschbären um diese Zeit Nachwuchs. Der kann zwar schon etwas laufen, aber nicht so gut klettern wie die Großen. Ein Abstieg über Blitzableiter oder Regenrinne wäre also für die Tiere nicht infrage gekommen. Aus der extra abgeschrägten Ruine sei eine Flucht für den Waschbären aber kein Problem.

„Der kann die Jungen wegtragen, wenn draußen die Luft rein ist“, sagt Gerhard Herrmann. Er hatte den Abbruch-Kräften extra seine Handynummer gegeben, falls der Waschbär noch einmal auftauchen sollte. Eine Rettungsaktion per Feuerwehr-Drehleiter und Kescher war zuvor erfolglos geblieben.

Freitag war vom Kontorhaus nicht mehr viel übrig. 
Freitag war vom Kontorhaus nicht mehr viel übrig.  © Sebastian Schultz

Üblicherweise werden Waschbären erlegt, wenn sie in aufgestellte Fallen gehen. Das hätte er mit Rücksicht auf die Nachwuchszeit in diesem Fall aber nicht gemacht, sagt Gerhard Herrmann. „Auch wenn Waschbären ganzjährig gejagt werden dürfen: So was gehört sich nicht.“

Deshalb hätte er das Tier, wäre es ergriffen worden, woanders wieder ausgesetzt. Nun muss sich der Waschbär – aufgrund der Körperfülle offenbar ein Männchen – mit oder ohne Jungen einen neuen Unterschlupf suchen: Mit dem Abriss des einstigen Kontorgebäudes ist diese Stelle an der Brauhausstraße für ihn passé. Dort hatte bis zum Donnerstag das Kontor- und Fabrikgebäude der einstigen Bergbrauerei Riesa gestanden.

Die Denkmalschützer hatten es unter anderem wegen seiner gründerzeitlichen Klinkerfassade als „ortsgeschichtlich von Bedeutung“ eingeschätzt – obwohl der Bau von 1872 später überformt worden sei. Weil aufgrund des Zustands nach Jahrzehnten des Leerstands ein Erhalt dem Eigentümer nicht mehr zuzumuten sei, erteilte das Amt kurzfristig doch noch eine Abrissgenehmigung.

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Rettungsaktion für Waschbär-Familie

Ein denkmalgeschütztes Gebäude der einstigen Brauerei wird abgerissen. Dabei taucht ein echtes Problem auf.

Der Hamburger Gunnar Thies hatte das frühere Brauereigelände vor mehr als zehn Jahren gekauft. Jetzt will er dort rund 30 Einzel- und Doppelhäuser bauen lassen. Geplant ist ein ruhiges Wohnviertel für Familien – mit Spielstraße, ohne Durchgangsverkehr. An die Brauerei soll eine beim Abriss gesicherte Turmhaube erinnern.