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Leben und Stil

Wenn das Kind mit Selbstmord droht

Eine beunruhigte Familie wendet sich an Kinderpsychiater Veit Rößner. Wie reagiert man, wenn die achtjährige Tochter von Suizid spricht?

© dpa/SZ-Montage

"Unsere Tochter (8) hat in einer extremen Streitsituation gedroht, sich umzubringen. Wir verstehen die Welt nicht mehr. Sie wirkt sonst nicht wirklich traurig und hat eigentlich alles, was sie braucht. Wir haben große Angst, dass sie suizidgefährdet und dies der Anfang vieler Besuche in der Psychiatrie ist."

Prof. Dr. med. Veit Rößner, Kinder- und Jugendpsychiater am Dresdner Uniklinikum:

Drohten Kinder früher noch mit „Mama, ich ziehe aus“, scheinen heute immer extremere Worte in familiären Streitsituationen zu fallen. Wenn dabei sogar ein Selbstmord angekündigt wird, entsteht verständlicherweise eine absolute Ausnahmesituation, die Angst und Schrecken verbreitet. Der eigentliche Streitanlass gerät in Vergessenheit, angsterfüllte Augen sind plötzlich eher besorgt auf das Kind gerichtet.

Solche Äußerungen müssen natürlich ernst genommen und gegebenenfalls akut abgeklärt werden, um beispielsweise eine kindliche depressive Störung oder akute Belastungssituation auszuschließen. Aber auch bei reinem Androhen ohne ernste Absicht oder Gründe kann es zu schweren Unfällen kommen. Nichtsdestotrotz zeigt die Praxis, dass gerade bei jüngeren, laut tobenden Kindern oft etwas anderes als ein ernster Todeswunsch dahintersteckt. 

Naheliegender ist, dass Ihre Tochter gerade eigene und familiäre Grenzen austestet, um beispielsweise kindliche Allmachtsfantasien aufrechtzuerhalten, oder dass sie mit überzogenen Drohungen auf ihre Überforderung aufmerksam machen muss. Oft sind betroffene Kinder es gewohnt, alltäglich und in Konfliktsituationen sehr lange das Sagen zu haben. Bei für sie dann eher überraschenden elterlichen Grenzsetzungen reagieren sie als Ausdruck ihrer ungewohnten Hilflosigkeit extrem. Dies tun sie meist so lange, bis sich die Familiendynamik und Hierarchie wieder etwas in eine gesündere Richtung ändert.

Daher müssen Sie das Verhalten unterbinden und trotzdem sachlich darstellen, dass Sie die ausgedrückte Not Ihrer Tochter ernst nehmen. Gegebenenfalls müssen Sie auch Hilfe holen, weil Sie bei solchen Ankündigungen an Ihre Grenzen kommen. Verdeutlichen Sie, dass dies eine derart extreme Situation ist, die eine Notfallvorstellung bei einem Notarzt oder Kinder- und Jugendpsychiater zur Folge haben kann.

Nichtsdestotrotz muss eine geäußerte Suizidalität immer ernst genommen und eventuell akut abgeklärt werden. Mit etwas Abstand zur akuten Situation sollten Sie immer nach Ursachen suchen, wie es so weit kommen konnte.

Liegen eventuell auch außerhäusliche ernste Konflikte vor, die bei Ihrer Tochter eine solche Verzweiflung und Ausweglosigkeit hervorrufen? Fällt es Ihrer Tochter allgemein schwer, sich altersgemäß zu regulieren, oder könnte eher eine Beziehungsproblematik zu Ihnen vorliegen? Bei Letzterem könnte eine fehlende elterliche Verbindlichkeit ursächlich sein. In diesem Fall würden zukünftig engere Grenzen und Strukturen dazu führen, dass sich Ihre Tochter sicherer und damit auch besser fühlt. Vielleicht ist sie mit ihren Möglichkeiten und Freiheiten noch überfordert und benötigt doch noch mehr Regelwerk und eine zeitnahe Grenzsetzung oder die Herausnahme aus fordernden Situationen, bevor sie sich derart hochschaukelt. Auch das Schenken einer von diesem Verhalten gänzlich entkoppelten Aufmerksamkeit durch Sie wäre langfristig eine eventuell passende Strategie, um diese Provokationen zu mindern. Dies ist aus der Ferne jedoch nur ein (zu) allgemeiner Rat.

Wenn Sie persönlich bereits sehr unsicher und stark belastet durch die zugespitzte Gesamtsituation sind, rate ich Ihnen, sich weitere individuellere Unterstützung in einer Erziehungsberatungsstelle oder in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanz zu holen, um eine umfassende Diagnostik und Exploration Ihres Familiensystems zu erlauben. Auch sollte dabei einem möglichen Grundkonflikt Ihrer Tochter auf den Grund gegangen werden. Gemeinsam können dann weitere Hilfe und Therapiemaßnahmen erörtert und eingeleitet werden.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die Sächsische Zeitung, Nutzwerk, 01055 Dresden oder eine Mail an [email protected]