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Wenn Kühe zur Pediküre müssen

Gerd Gräubig ist Klauenpfleger. Mit seinen Mitarbeitern ist er in den Ställen unterwegs. Ein Beruf mit Tücken.

© Thorsten Eckert

Von Kerstin Fiedler

Nein, Kuhflüsterer will er sich nicht nennen. Dennoch halten die Tiere still, wenn Gerd Gräubig sie streichelt und beruhigende Worte spricht. „Ich liebe Kühe. Vielleicht spüren sie das“, sagt er. In dem Stall in Lehn bei Obergurig, wo seine Mitarbeiter diesmal nicht nur Klauen schneiden, sondern bei den Milchkühen kleine Krankheiten behandeln müssen, stehen rund 500 Kühe. Die Behandlungen sind mit dem Herdenmanager und dem Hoftierarzt abgesprochen. „Das ist am allerwichtigsten. Allein dürfen wir hier nichts entscheiden. Und wenn sich herausstellt, dass unsere medizinische Hilfe nicht reicht, rufen wir natürlich den Tierarzt dazu“, sagt Gerd Gräubig.

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Dieser Blauspray ist ein Desinfektionsmittel. Der kommt auf die entzündete Klaue, bevor auf die gesunde dann ein Holzkopf geklebt wird.
Dieser Blauspray ist ein Desinfektionsmittel. Der kommt auf die entzündete Klaue, bevor auf die gesunde dann ein Holzkopf geklebt wird. © Thorsten Eckert
Hufmesser und Trennschleifer mit Spezialscheibe gehören beim Klauenpfleger dazu. Sandro Symmank ist seit einigen Jahren in der Firma von Gerd Gräubig, die in Belgern ihren Sitz hat. Im Klauenstand sind die Tiere gut fixiert, so dass ihre „Füße“ keine Bela
Hufmesser und Trennschleifer mit Spezialscheibe gehören beim Klauenpfleger dazu. Sandro Symmank ist seit einigen Jahren in der Firma von Gerd Gräubig, die in Belgern ihren Sitz hat. Im Klauenstand sind die Tiere gut fixiert, so dass ihre „Füße“ keine Bela © Thorsten Eckert
Dieser Blauspray ist ein Desinfektionsmittel. Der kommt auf die entzündete Klaue, bevor auf die gesunde dann ein Holzkopf geklebt wird.
Dieser Blauspray ist ein Desinfektionsmittel. Der kommt auf die entzündete Klaue, bevor auf die gesunde dann ein Holzkopf geklebt wird. © Thorsten Eckert

Tierlieb muss man sein

Die drei Männer arbeiten hintereinanderweg. Die Kühe stehen schon in einem sogenannten Triebweg und warten, dass sie dran sind. „Kühe sind Fluchttiere. Wenn man ihnen den Weg nicht vorschreibt, würden sie weglaufen“, sagt der Klauenpfleger. Aus dem Weg wird die Kuh direkt in einen Klauenstand geführt. Das muss schnell gehen. Steht das Tier erst einmal drin, gehen vorn die Gitter zusammen, ein Gurt unter dem Bauch der Kuh hebt das Tier an, so dass es im Stand nicht mehr belastet ist. Hier spielt die Routine eine große Rolle. Sandro Symmank ist zum Beispiel seit fast fünf Jahren bei Gerd Gräubig im Betrieb. Der gelernte Teichwirt bekam nach der Ausbildung keinen Job in seinem Beruf. So probierte er sich in anderen Bereichen aus, zum Beispiel im Pflegedienst und Krankenhaus. Doch das gefiel ihm alles nicht. Durch einen Zufall kam er zu seinem jetzigen Beruf. Sein Cousin und Gerd Gräubig wohnen auf derselben Straße in Wurschen. So schulte Symmank um zum Klauenpfleger. „Das ist kein Lehrberuf, sondern eine Umschulung oder Weiterbildung. Grundvoraussetzungen sind Tierliebe und handwerkliches Geschick“, sagt Gräubig.

Letzteres beweist Sandro Symmank bei jeder Kuh. Wenn das Tier im Klauenstand fixiert ist, wird zunächst die Ohrnummer mit dem Zettel verglichen, auf dem steht, welche Probleme die Kuh mit den Klauen hat. Das wird dann in einen extra für Ställe entwickelten Computer eingegeben. Der ist ziemlich stabil, nicht vergleichbar mit einem Flachbildschirm. Die Klauen werden in Augenschein genommen. Dann greift Sandro Symmank zum Schleifgerät. Wie mit einem normalen Flexgeräte nimmt er überflüssiges Horn weg. „Die Außenklaue wächst schneller als die Innenklaue“, erklärt Sandro Symmank. Dann muss er eine Infektion mit Desinfektionsspray behandeln. Zur Entlastung wird Vlies zwischen die beiden Klauen gewickelt. Bei einem anderen Tier muss der gesamte „Fuß“ entlastet werden. Eine der beiden Klauen ist entzündet. Deshalb bekommt die Kuh einen kleinen Holzklotz auf die gesunde Klaue geklebt. Als sich das Gitter des Klauenstandes öffnet, geht das Tier langsam raus. Die Kuh schüttelt das behandelte Bein, doch kurz danach läuft sie normal weiter. „So, jetzt hat sie Stöckelschuhe“, scherzen die Männer. Sie arbeiten immer im Team zusammen. Je nach Stallgröße. Bei zwei Klauenständen sind es auch vier Mitarbeiter. Gerd Gräubig ist zwischen Dresden und Görlitz sowie Weißwasser bis Zittau unterwegs. Zwischen 60 und 1 300 Rinder stehen in den Ställen. Je nach Belag im Stall und Milchleistung müssen die Hufe zwei bis dreimal im Jahr geschnitten werden. „Durch die hohe Milchleistung verlagert sich das Gewicht der Kuh durch das große Euter nach hinten. Und da die Milchkühe im Stall stehen, müssen die Klauen gut gepflegt werden“, sagt der 49-Jährige. „Die Klauen tragen die Milch“ ist ein Sprichwort, in dem wohl viel Wahrheit steckt.

Gerd Gräubig ist durch seinen Vater zu seiner jetzigen Passion gekommen. „Den Betrieb meines Vaters gab es schon seit 1969“, sagt Gräubig. Er war 16, als er das erste Mal mit seinem Vater mitgefahren ist. Dennoch hat er zunächst Landmaschinenschlosser gelernt. Doch er sattelte dann doch um. „Ich war der letzte Lehrling meines Vaters und 1984 der jüngste Klauenschneider“, sagt Gerd Gräubig stolz. Vor Kurzem starb sein Vater mit 82 Jahren. Mit 72 hat er das Klauenschneiden erst an den Nagel gehängt. „Er hat mir viel beigebracht, und meine Eltern waren immer ein großes Vorbild. In 58 Jahren Ehe habe ich sie nie zanken gehört“, sagt er. Nun kann er also den Beruf seines Vaters weiterführen, denn seit diesem Jahr darf Gräubig auch selbst ausbilden. „Das nennt sich dann Instrukteur für Rinderpediküre“, schmunzelt der Vater zweier erwachsener Kinder. Seit 1988 lebt Gerd Gräubig in Wurschen. Und er ist froh, dass auch seine Lebensgefährtin den Beruf und den dazugehörigen Geruch, wenn man nach Hause kommt, akzeptiert.

Tierschutz wird geachtet

Sandro Symmank nimmt die nächste Klaue in die Hand. Mit geübten Griffen schneidet er überflüssiges Horn ab, schaut nach Infektionen oder Entzündungen und entscheidet, welches Medikament gebraucht wird. Es ist eine schwere Arbeit. Allerdings lange nicht mehr so schwer wie zu DDR-Zeiten. Da gab es nämlich noch keinen Klauenstand. Da mussten zwei Männer die Kuh festhalten. Weder für Mensch noch Tier angenehm. „Mit dem Klauenstand ist alles viel tierschutzgerechter“, sagt Gerd Gräubig. Als Chef ist er fast täglich mit in den Ställen unterwegs. „Nur Büroarbeit liegt mir gar nicht. Ich brauche meine Tiere“, sagt er. Am meisten freut ihn, wenn die Kuh wieder gut laufen kann. Firmensitz ist übrigens Belgern. In einer großen Halle hat er neben einem Büro auch das Lager für den Agrarhandel. Der ist das zweite Standbein des Betriebes. „Wenn ich sowieso in den Ställen unterwegs bin, kann ich auch gleich Bestellungen zum Beispiel für Einstreu, Kalk oder Desinfektionsmittel aufnehmen“, sagt Gerd Gräubig.