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Wer soll in den Bahnhof Kötzschenbroda einziehen?

Die Stadt will dort eine Bibliothek. Andere favorisieren ein Einkaufsangebot. Das hat jetzt für Zoff gesorgt.

Das Plakat verkündete es schon lange, doch geschehen ist noch nichts am Bahnhof Kötzschenbroda.
Das Plakat verkündete es schon lange, doch geschehen ist noch nichts am Bahnhof Kötzschenbroda. © Norbert Millauer

Radebeul. Vor gut zwei Wochen hat der Stadtrat mehrheitlich festgelegt, wie es mit dem Bahnhof Kötzschenbroda weiter gehen soll. Die Stadt soll alles daran setzen, das Gebäude zu kaufen, wurde beschlossen. Und wenn das gelingt, könnte dort die Stadtbibliothek einziehen. Wie gut das für die Belebung eines ganzen Stadtteils sein kann, zeige das Beispiel Radebeul-Ost, sagt Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos). Dort seien alle Händler ringsum froh, dass es den Kulturbahnhof gibt, der Leute anlockt.

Einen ähnlichen Effekt erhofft sich der OB für West. Wenn der Standort stimmt – und das tut er nach Meinung des Bürgermeisters – könne eine Bibliothek zum wichtigen Anlaufpunkt und Interaktionsraum für das gesamte Gebiet werden. In West beispielsweise sowohl Schüler aus den umliegenden Schulen, wie auch ältere Leute aus dem Seniorenwohnheim in der Nähe anlocken, führt Wendsche aus.

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Doch es gibt nicht nur Befürworter für diesen Plan. Zu den Kritikern gehört Stadtrat Heinz-Jürgen Thiessen (Bürgerforum/Grüne), der bezweifelt, ob eine Bibliothek tatsächlich genügend kauffreudige Leute anzieht, von der auch die umliegenden Geschäfte profitieren. Seine Bedenken hat Thiessen, der selbst ein Carrera-Bahn-Geschäft in Altkötzschenbroda führt, in einem Brief an Händler der Bahnhofstraße formuliert. Darin heißt es zum Beispiel: „Für mich stellt sich die Frage, ob die geplante Vermietung des Bahnhofs West an die Radebeuler Bibliothek uns Händlern auch in Zukunft so viel Publikumsverkehr bescheren wird, dass wir mit stabilen Umsätzen rechnen können?“ 

Thiessen stellt infrage, ob in den nächsten Jahren in Zeiten der Digitalisierung tatsächlich noch so viele Menschen Bücher und DVDs ausleihen. Für den Bahnhof Kötzschenbroda favorisiert er lieber ein Einkaufsangebot, beispielsweise mit Bioprodukten, wie es vor Jahren schon mal im Gespräch war. Auch in Radebeul-Ost sei es ja vor allem der Rewe, der dort für viel Kundschaft und damit auch für Zulauf für die umliegenden Geschäfte sorgt, argumentiert Thiessen.

Beim Vorsitzenden der CDU-Stadtratsfraktion Ulrich Reusch stößt Thiessens Brief an die Händler auf Unverständnis. Er meldet sich ebenfalls in einem Brief an die Geschäftsinhaber und die Öffentlichkeit zu Wort. Darin heißt es: „Die Spitzen des Herrn Thiessen gegen die Bibliothek bzw. eine Nutzung als Bibliothek sind ebenso arrogant wie kulturlos.“ In der Konsequenz seiner Argumentation müssten die Bibliotheken der Stadt geschlossen werden, weil ihnen die Relevanz und die Zukunftsperspektive fehlt, formuliert Reusch.

Der aktuelle Eigentümer habe jahrelang Zeit gehabt, sich um die Entwicklung des Bahnhofs zu kümmern und nichts unternommen. „Warum die Grünen (jetzt Thiessen) dennoch die Vorstellung einer gewerblichen Nutzung kultivieren und sich so dezidiert gegen eine kulturelle Nutzung aussprechen, darüber kann man nur spekulieren“, schreibt Reusch und vermutet sogar kommerzielle Verflechtungen einzelner Stadträte.

Einen Vorwurf, den Thiessen deutlich zurückweist. Ebenso die Aussage, er sei kulturlos. Seiner Meinung nach gebe es ein gutes, funktionierendes Bibliothekswesen in Radebeul. Er halte aber die Entscheidung für die Entwicklung des Gebiets falsch, die Bibliothek im Bahnhof anzusiedeln.

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Die ganze Diskussion ist bisher übrigens rein hypothetisch. Noch ist nicht klar, ob die Stadt den Bahnhof überhaupt kaufen kann. Bis zum Sommer soll ein Sanierungskonzept beschlossen werden. Auf dessen Grundlage könnte die Stadt eventuell ihr Vorkaufsrecht durchsetzen.