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Sebnitz

"Werden wir etwas daraus lernen?"

Der Wirt der Brand-Baude in der Sächsischen Schweiz bleibt trotz Corona-Krise optimistisch. Für die Zeit danach hat er mehrere Wünsche. Ein Gastkommentar.

Michael Dora, Wirt der Brand-Baude in der Sächsischen Schweiz: "Wir können doch nicht einfach NICHTS tun …?!“
Michael Dora, Wirt der Brand-Baude in der Sächsischen Schweiz: "Wir können doch nicht einfach NICHTS tun …?!“ © Benjamin Zibner/privat

Seit Sonntag ist es also Realität: der Betrieb unserer Brand-Baude ist vollständig zum Stillstand gekommen. Keine Einnahmen auf unbestimmte Zeit. Das müssen wir erst mal realisieren. Es ist so unwirklich: Draußen das schönste Wetter, aber wir haben zu, und es sind nur ein paar vereinzelte Wanderer auf der Terrasse. Und dann stehen die Feiertage an: Ostern - fällt definitiv aus, also keine Erholung nach der Wintersaison. Die vier Feiertage im Mai - fallen die auch aus? Dann wird’s wirklich kritisch.

Ständig denke ich reflexartig: „Irgendwas stimmt nicht – du machst was falsch – wir können doch nicht einfach NICHTS tun …?!“ Wir sind aber optimistisch; es wird wieder gut, und wir sitzen bald wieder mit unseren Gästen auf der Terrasse … Ein klarer Kopf und Besonnenheit sind das Gebot der Stunde. Und es höre bitte niemand auf die diversen Verschwörungstheoretiker! Dann natürlich ist die größte Sorge: Bald ist Monatsende. Werden wir die Löhne rechtzeitig und vollständig bezahlen können? Hinter jeder Situation stehen immer reale Menschen mit ihren konkreten Verpflichtungen, Sorgen und Belastungen.

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Die Hoffnung: Werden die Versprechen der Bundes- und Landesregierung eingehalten? Da habe ich eigentlich Vertrauen - aber bleiben wir realistisch: Wie soll die Sächsische Aufbaubank Hunderte oder Tausende von Anträgen in den versprochenen drei Tagen bearbeiten? Oder wie die Arbeitsagentur Hunderttausende Fälle von zusätzlicher Kurzarbeit bewältigen? Jetzt wurde mindestens die halbe Volkswirtschaft einfach angehalten - mit unabsehbaren Folgen. Manchmal denke ich: Die Folgen der Bekämpfung der Epidemie sind deutlich schlimmer als die Folgen des Virus selbst.

Aber auch wichtig: Wir sollten Nachsicht und Verständnis mit den Entscheidungsträgern haben; kein Mensch kann in dieser Situation immer die perfekte Entscheidung treffen. Und oft gibt es keine „richtige“ Entscheidung; es wird durch die vernünftige Maßnahme immer auch Schaden angerichtet. Ich möchte nicht in der Rolle der Verantwortlichen stecken.

Und nach aller Katastrophe: Werden wir etwas daraus lernen? Das hoffe ich. Ich denke, wir müssen unsere Einstellung, unser Konsumverhalten und vor allem unsere Ansprüche an materielle Dinge überdenken und neu bewerten. Die maßlose Globalisierung und die ständige Beschleunigung sind aus meiner Sicht mitverantwortlich für die schnelle Verbreitung des Corona-Virus. Bescheidenheit ist das Gebot der Zeit. Nicht aller zwei Jahre ein neues Handy. Auch wenn man es uns hinterherwirft, Ressourcen werden trotzdem verbraucht. Oder: Wir brauchen kein Freihandelsabkommen mit Südamerika.

Es geht nicht mehr, von allem das Meiste und auch noch sofort zu verlangen! Das Wachstum der Wirtschaft, die ständige Effektivierung und nicht zuletzt die unsägliche Beschleunigung fast aller Bereiche des Lebens sind nicht mehr zu verkraften. Wir als Menschen kommen einfach nicht mehr mit! Da erhebt sich die Frage: Sind die Systeme wichtiger als die Menschen? Der Eindruck drängt sich auf. Das aber verschafft den Menschen auch das Recht, Systeme abzulehnen, die mehr schaden als nützen. Aus meiner Sicht ist aber ganz klar: Die Probleme liegen oft in unserer eigenen Einstellung begründet!

Michael Dora ist Wirt der Brand-Baude in der Sächsischen Schweiz.

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