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Wertstofftonne löst Gelbe Tonne ab

Ein neues System soll das Entsorgen einfacher machen. In die neue Tonne wandern dann auch Plastikbesteck oder Klarsichthülle.

© Sebastian Willnow

Von Hanna Gersmann

Die Sache mit dem Müll in Deutschland ist vertrackt. Im Hinterhof stehen graue, blaue, grüne, gelbe, vielleicht auch braune Tonnen, in denen oft landet, was nicht reingehört. Bundesweit wird es nun eine neue Tonne geben – die Wertstofftonne, die in Leipzig und anderen Städten schon erprobt und etabliert wurde. Das versprechen Schwarz-Rot in ihrem Koalitionsvertrag. Im Kapitel Umwelt, Seite 119, steht: „Wir schaffen rechtliche Grundlage zur Einführung der gemeinsamen haushaltsnahen Wertstofferfassung für Verpackungen und andere Wertstoffe.“

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Die Wertstofftonne soll die Gelbe Tonne ersetzen, in die die Bürger bisher nur Verpackungen, also Zahnpastatuben, Gummibärchentüten, Konservendosen stopfen sollten. In die neue Tonne wandern bald auch die Rührschüssel, das Plastikbesteck oder die Klarsichthülle. Für Töpfe und Pfannen, für Metalle aller Art ist sie ebenfalls da. So könnten sieben Kilo Wertstoffe pro Einwohner und Jahr zusätzlich zusammenkommen.

Die Tonne verspricht gute Geschäfte. Die Wirtschaft entdeckt den Abfall neu – als Rohstoff. Schon heute trennen Firmen wie Alba in Berlin aus der Gelben Tonne 13 Wertstoffe. In den Recyclinganlagen ziehen Magnete Weißblech, saugen Luftdüsen Folien heraus und Infrarotlampen erkennen verschiedene Kunststoffarten, die auf getrennten Förderbändern landen. Von Hand wird da nur noch ein wenig nachsortiert. Die Industrie macht aus den Kunststoffen Stühle für Stadien, Jacken zum Wandern oder auch die Gelben Säcke.

Doch nicht nur die Wirtschaft findet am Müll Gefallen. Städte und Gemeinden erkennen ihre Chance, eine neue Einnahmequelle zu erschließen. Darum haben Kommunen und private Entsorger lange darum gekämpft, wer die Hoheit über die Tonne bekommt.

Teurer soll es nicht werden

Schließlich gilt bisher: Die gelbe Tonne, genauer: die Verpackungen, gehören den Dualen Systemen in Deutschland. Deren Entsorgung, die jeder Bürger schon an der Kasse im Geschäft mit einem Obolus zahlt, organisiert die Wirtschaft. Die graue Tonne, also der Restmüll, gehört den Kommunen. Dafür schicken sie die Müllautos los und erheben Abfallgebühren. Wandert nun Plastik, Metall, Aluminium – die Experten sprechen von „stoffgleichen Nichtverpackungen“ – von der grauen Tonne in die gelbe, ist die Frage: Wem gehört der Stoff? Es gäbe längst ein Abfallgesetz, nachdem die Wertstofftonne im Jahr 2015 bundesweit aufgestellt werden muss, fiele der Streit nicht so heftig aus. Seinen Höhepunkt fand er vor gut einem Jahr in Berlin. Dort standen sich der private Entsorger Alba und die kommunale BSR gegenüber. Alba stellte in den Hinterhöfen irgendwann eine Gelbe Tonne plus auf. Und die BSR konterte mit einer eigenen extra Tonne, die Orange Box. Diese Tonnen-Konkurrenz verwirrte und erboste dann alle. Die Verbraucher auch. Nun könnte die Hauptstadt aber das Modell für die Republik werden.

Der damalige rot-rote Senat war gezwungen, etwas zu tun – und stieg mit den Chefs von BSR und Alba in Verhandlungen ein. Das Ergebnis: Die BSR sammelt nur so viele Wertstofftonnen ein, wie es dem Aufkommen aller Wertstoffe aus Plastik und Metall entspricht, die einst im Restmüll landeten: zwölf Prozent. Der Rest wird von Alba abgeholt, recycelt und verkauft.

Die Quote ist ein Kompromiss. Er wird es der neuen Bundesregierung leichter machen, eine bundesweite Regelung zu finden. Verbraucher dürften sich aber zunächst auf neue Szenen zwischen Privaten und Kommunalen gefasst machen. Was das alles für die Abfallgebühren bedeutet? Dazu will sich keiner äußern. Nur soviel: Teurer werden sollte es nicht, wenn Städte und Gemeinden aus dem Müll mehr Wert holen.

Bleibt noch eine Regel: Plastik hin oder her – der Föhn oder die elektrische Zahnbürste gehören auch künftig auf den Wertstoffhof und nicht in die Wertstofftonne. Die Müllexperten fürchten, dass giftige Stoffe aus der Elektronik den Plastikmüll unbrauchbar machen könnten. Das deutsche Sortiersystem bleibt ausgefeilt.