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Wie 80 Jahre am Eisenbahnersportplatz vorbeigehen

Weil in Strehlen kein Platz war, entstand die große Anlage am Emerich-Ambros-Ufer.

© steffen füssel, steffen fuessel

Von Lars Kühl

Der Blick schweift versonnen über den 80-Jährigen. Wie er da liegt, in sattem Grün. Er hat deutlich dazugewonnen, im Vergleich zu früher. Karl Schreiber schaut aus dem Fenster der Geschäftsstelle des Eisenbahner Sportvereins (ESV) und ist zufrieden, was aus dem Sportplatz am Emerich-Ambros-Ufer geworden ist. Am 3. Juni 1934 wurde der Platz feierlich eröffnet. 2 000 Zuschauer kamen damals, dazu reichlich Reichsbahnprominenz. 450 Sportler sorgten für einen strammen Einmarsch.

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Inzwischen liegen wechselhafte Zeiten hinter der Anlage. Schreiber hat die meisten miterlebt. Schließlich ist der 78-Jährige seit 1950 im Verein, der über die Dekaden mehrmals seinen Namen wechselte und nächstes Jahr seinen neunzigsten Geburtstag feiern will. Schreiber ist der Vereinschronist. „Mehrmals in der Woche ist er hier“, sagt Karin Bitterlich. Sie muss es wissen, schließlich arbeitet sie seit 1976 in der Geschäftsstelle, die ein Jahr vorher gebaut wurde. Heute leitet sie die Einrichtung.

Vom Originalgebäude aus dem Jahr 1934 sei allerdings nur noch ein kleines Mittelstück in einem der Flachbauten übrig, erzählt Schreiber. Der Sportplatz musste gebaut werden, nachdem der Verein für Leibesübungen (VfL) Reichsbahn damals mit 2 500 Mitgliedern, davon 200 Nichteisenbahner, zu Dresdens größtem Sportverein angewachsen war. Zwar gab es seit 1928 bereits einen Sportplatz auf der Reicker Straße in Strehlen, aber der reichte nicht mehr. Also wurde in der Nähe von Dienststellen der Reichsbahn gesucht: in der Friedrichstadt, am Hauptbahnhof, aber auch inmitten dicht besiedelter Stadtteile. „Die strategische Nähe zur Eisenbahn war wichtig“, sagt Schreiber. Fündig wurden die Funktionäre an der Grenze zwischen Cotta und der Friedrichstadt – am damaligen Weißeritzufer 74. Der Arbeitsdienst der Nationalsozialisten ließ zwischen Herbst 1933 und Januar 1934 zwei riesige Reparaturhallen für Loks und Nebengebäude abreißen und das Gelände planieren. Angelegt wurde ein großes Spielfeld für Fußball- und Handballspiele. Außen herum verlief eine 400-Meter-Runde und an der nordwestlichen Längsseite eine 100-Meter-Bahn. Hoch-, Stabhoch-, Weitsprung- sowie die Kugelstoßanlagen waren in die Kurven integriert. Dazu gab es noch einen Turnplatz und ein Faustballfeld. Besonderheit war eine Hindernisbahn. In einer alten Werkhalle waren die Kegler untergebracht und die Kleinkaliberschützen hatten vier Stände in einer eigenen Schießhalle. In der Ankündigung von 1934 stand außerdem: „Fahrradständer sind in großer Zahl vorhanden. Sogar für die Bequemlichkeit des Nichtstuns ist hinreichend gesorgt.“

Der Sportplatz wurde gut angenommen, ein Jahr später war die Mitgliederzahl auf 3 000 gestiegen. Doch der nationalsozialistische Schatten wurde immer größer und mit ihm die Einschränkungen. In den Kriegsjahren ab 1939 spielte die sportliche Betätigung nur noch eine untergeordnete Rolle. Bei den Luft-Angriffen auf Dresden wurde auch der Sportplatz an der Weißeritz am 17. April 1945 von mehreren Bomben getroffen. Im Juli desselben Jahres wurden nach Kriegsende alle Dresdner Vereine verboten, darunter auch die 1940 umbenannte Reichsbahn-Sportgemeinschaft.

Erst im November 1948 wurde der Verein als Betriebssportgemeinschaft (BSG) Reichsbahn wiedergegründet, ab Juni 1950 hieß die BSG dann Lokomotive Dresden. Aus den Vereinsfarben Weiß-Grün wurde Rot-Schwarz.

1950 war auch das Jahr, als Karl Schreiber mit Hockeyspielen begann. Als Strehlener spielte er zwar für die BSG Lok, aber anfangs noch auf der Reicker Straße. Dann kam das Jahr 1956: Die in Sportlerkreisen heute noch aufgrund ihrer Enge und der extremen Nähe von Zuschauern zum Spielfeld sowie vor allem wegen ihrer besonderen Atmosphäre legendäre Lok-Halle wurde am Emerich-Ambros-Ufer gebaut. Schreiber half mit und spielte die Hallensaison in Friedrichstadt. Und blieb. 1964 wurde er Hockey-Sektionsleiter. Das Amt führte er bis 2012 aus. So erlebte er, wie der Verein 1988 rund 4 300 Mitglieder in 27 Sektionen hatte und wie aus der BSG Lok 1990 der Eisenbahnersportverein wurde. Aber auch, wie der Platz an der Reicker Straße verlassen wurde. „Das ist jetzt Brachland“, sagt er traurig. Etwas wehmütig denkt der Vereinschronist auch an die Zeiten, als die Hockey- und Handballspieler sowie die Faustballer der BSG Lok zur DDR-Spitze gehörten. Zwar gebe es heute immer noch 1 200 Mitglieder und 16 Sportarten, aber so richtige Zugpferde seien nicht mehr dabei.

Dafür habe sich die Anlage im Laufe der Jahre immer weiter vergrößert, einige Kleingärten mussten dafür weichen. Der ehemalige Hart- ist seit 2000 ein Kunstrasenplatz, der 2011 sogar erneuert wurde. Der Rasenplatz daneben aus dem Jahr 1968 wird heute ebenso noch genutzt wie ein Faustballfeld entlang der Straße. Vor acht Jahren wurde ein neuer Kabinentrakt anstelle der alten Holzbaracke übergeben, vor drei Jahren bekam die Kegelhalle ein Sanitärgebäude. „Hier ist laufend gebaut worden“, sagt Schreiber und lässt seinen Blick für heute ein letztes Mal über den 80-Jährigen schweifen.