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Wie der Schulalltag zur Hölle wurde

Julia aus dem Raum Freital wurde jahrelang von ihren Klassenkameraden schikaniert. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Julia wurde fünf Schuljahre lang von ihren Klassenkameraden gemobbt. Auch, nachdem sie heulend in der Mädchentoilette zusammenbrach, änderte sich nichts. Sie hat inzwischen die Schule gewechselt und erzählt ihre Geschichte.
Julia wurde fünf Schuljahre lang von ihren Klassenkameraden gemobbt. Auch, nachdem sie heulend in der Mädchentoilette zusammenbrach, änderte sich nichts. Sie hat inzwischen die Schule gewechselt und erzählt ihre Geschichte. © Foto: Andreas Weihs

Irgendwann konnte sie nicht mehr. Sie ging mitten im Unterricht auf die Toilette, lehnte sich an die Wand, rutschte nach unten und heulte so laut, dass ein Mitschüler – Julias einziger Freund – sie hörte und zu Hilfe kam. „Ich zitterte und mir ging es total schlecht“, erzählt sie. Ihr Vater holte sie dann von der Schule ab. Eine Schule mitten in einer ganz normalen Wohngegend mit Einfamilienhäusern und gepflegten Mietshäusern im Raum Freital. Hier gibt es viel Grün, die Hauptstraße ist ein Stück entfernt, nur undeutlich dringt der Verkehrslärm das Tal hinauf. Wo, soll nicht verraten werden. Und Julia heißt in Wirklichkeit auch nicht Julia, auf Wunsch ihrer Familie soll ihr richtiger Name nicht genannt werden.

Als Julia, damals in der siebten Klasse, auf der Schultoilette zitternd zusammenbrach, lagen vier Schuljahre hinter ihr, in denen sie fast täglich Spießruten lief. Ihre Klassenkameraden ließen seit der dritten Klasse kaum eine Gelegenheit aus, sie zu hänseln, zu beleidigen, Schulsachen zu beschädigen, Klamotten wegzunehmen. Warum, kann sich Julia bis heute nicht erklären. „Bis ins dritte Schuljahr hinein war alles ganz normal. Wie alle, hatte auch ich Freunde, wir spielten im Hort miteinander“, berichtet sie.

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Es begann ihrer Erinnerung nach damit, dass ihr jemand etwas in die Trinkflasche mischte. Es habe komisch geschmeckt, später wurde ihr davon übel. „Von da an ging es immer weiter, fast täglich“, erzählt Julia. Ihr wurden die Hefte und Bücher weggenommen, versteckt, beschädigt. Sie musste Beschimpfungen und Beleidigungen über sich ergehen lassen. Julia wurde geschubst, ihr wurden die Beine gestellt. Sie verlor ihre Freunde, bald wollte kaum noch jemand mit ihr reden. „Die hatten alle Angst, dass es sie selber trifft“, vermutet Julia.

Was mit der Grundschülerin passierte, bezeichnen Soziologen als Mobbing. Gemeint ist damit ein über normales Hänseln hinausgehender, systematischer Psychoterror. Dass sich Kinder mal gegenseitig beleidigen, foppen, verhöhnen und auch handgreiflich werden ist nach Expertenmeinung völlig normal. Kinder suchen sich damit ihren Platz in einer Hierarchie, sei es im Freundeskreis, der Schule oder dem Sportverein. Was Julia passierte, ging über das Maß des Erträglichen weit hinaus.

Natürlich bekamen die Mutter und die ältere Schwester bald mit, was da los war. Wenn Julia nach Hause kam, weinte sie oft. Aus dem unbeschwerten Mädchen wurde ein Sorgenkind. Der hässliche Schulalltag schlug sich zudem in den Zensuren nieder – Julia schwamm irgendwie mit und wechselte nach der vierten Klasse an die Oberschule. Endlich, dachten alle in der Familie. „Immer wieder hatten wir darüber geredet, dass dann alles besser wird.“ Neue Schule, neue Mitschüler, andere Lehrer – die Hoffnung ließ Julia die Grundschulzeit irgendwie überstehen.

Die ersten Wochen in der Oberschule liefen auch gut an. Julia fand neue Freunde. Doch sie hatte in der Klasse auch einige Mädchen und Jungen aus ihrer alten Schulklasse sitzen. „Ausgerechnet diejenigen, die immer die treibenden Kräfte gegen mich gewesen waren.“ Und so dauerte es nicht lange, und die Schikanen begannen erneut – Julia war zurück in der Schulhölle. Und es wurde schlimmer. „Die Schimpfwörter wurden immer krasser. Nachmittags ging es im Klassenchat per Handy weiter, Bilder wurden von mir verbreitet“, berichtet die heute 13-Jährige. Warum ihre Mitschüler sie so behandelten, kann sie bis heute nicht erklären. „Ich habe mich immer wieder gefragt, was ich falsch gemacht habe, was ich anders machen könnte – ich weiß es nicht.“

Julia wandte sich an ihre Klassenlehrerin, erfuhr aber keine große Unterstützung. „Die hatte selber Schiss.“ Die Eltern griffen ein und sprachen mit der Schulleitung. „Dort tat man so, als gäbe es das Problem nicht.“ Julia kam in die sechste Klasse, der Terror ging weiter. „Einmal haben sie meine Sporttasche in das Waschbecken der Umkleide gestellt und das Wasser aufgedreht“, erzählt sie. Ein anderes Mal flogen ihre Turnschuhe durchs Schultreppenhaus. Haben die Lehrer das nicht gemerkt? Nein oder kaum, sagt Julia. „Das passierte ja immer dann, wenn kein Lehrer in der Nähe war.“

Das ständige Drangsalieren zehrte an Julias Nerven. Das zarte Mädchen ritzte sich mit Klingen in die Arme, trug anschließend selbst im Sommer lange Pullover, damit keiner etwas merkte. Die Narben sind heute noch sichtbar. Julia wurde zu einer Therapeutin geschickt – und ging trotzdem auch weiter zur Schule. „Ich wollte stark sein, ich dachte, ich schaffe das. Irgendwann muss es ja mal zu Ende sein.“

Es war nicht zu Ende. Julia musste sich Sprüche anhören, wie „Wir wünschen uns, dass du tot bist!“. Als sie in der siebten Klasse war, wurde eine Schulsozialarbeiterin eingeschaltet. Julias Vater stellte einen der ständigen Stänkerer in Anwesenheit von dessen Mutter zur Rede. Kurzzeitig wurde es etwas besser, aber nur kurz. Das Schuljahr verging irgendwie.

Und dann kam die Landheimfahrt am Beginn des achten Schuljahres. Julia wischt sich immer wieder durch die Augenwinkel, als sie davon erzählt. „Ich wollte nicht mit.“ Sie ahnte es wohl. Am dritten Tag eskalierte der Konflikt erneut. Es begann mit Gerüchten zwischen den Teenagern, Julia habe etwas Schlechtes über einen Jungen erzählt. Wieder wurde das Mädchen beschimpft und drangsaliert. Auch die Mitschüler der Parallelklassen hängten sich in den Streit rein. „Am Ende flüchtete ich über eine Wiese des Lagers in mein Zimmer, vorbei an den Lehrern, ganz viele Schüler rannten hinter mir her.“ Sie habe kaum noch Luft bekommen und am ganzen Körper panisch gezittert. „Ich war fertig und kaputt.“ Julia telefonierte mit ihrer Mutter, doch die sah keine Möglichkeit, ihre Tochter nach Hause zu holen. Als sie in der Woche darauf wieder zur Schule zu musste, weigerte sich Julia. „Ich wollte da nicht mehr hin. Ich habe so lange durchgehalten, es immer wieder versucht und gehofft. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich war fertig.“ Für die Eltern war es der Punkt, für Julia eine andere Schule zu suchen.

Rückblickend meint der Vater, man habe damit viel zu lange gewartet. „Wir waren gutgläubig und haben immer gedacht, das muss sich doch mal geben, das wird schon, die werden erwachsen.“ Julia wünscht sich rückblickend, sie hätte von den Lehrern und dem Schulleiter mehr Unterstützung bekommen. „Die haben mir oft die Schuld gegeben.“

Natürlich machen Kinder in der sozialen Interaktion Fehler, reagieren in bestimmten Situationen unangemessen und ziehen damit auch Häme, kleine Boshaftigkeiten und grobe Gehässigkeiten auf sich. Aber über Monate, Jahre? Die Ursache muss in Julias Fall anders liegen, da ist sich ihre Familie sicher. „Die haben einfach ein Opfer gesucht, weil sie selbst frustriert waren und aus Familien stammen, wo es nicht so rund läuft“, meint der Vater.

Julia ist nun zum Glück an ihrer neuen Schule in einer Klasse gelandet, wo sie akzeptiert wird. Sie hat einen Freund gefunden, die erste große Liebe im Leben. Er gibt ihr Halt, macht sie selbstbewusster. Bald wird sie zu einer Kur fahren und dann hoffentlich mit viel Elan den Endspurt im Schulleben anpacken. Das Lernen fällt ihr immer noch schwer. Gerne würde sie die Höllenjahre in der Schule vergessen, doch sie weiß, dass die Zeit sie noch lange verfolgen wird. „Es bleibt etwas hängen, das spüre ich jeden Tag.“

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