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Radeberg

Wie der Schwarze Tod nach Radeberg kam

1349 brach die Pest in der Stadt aus. Besonders tragisch ist die Geschichte des Totengräbers.

Die Pestopfer wurden in Radeberg nicht auf dem normalen Friedhof begraben, sondern auf dem speziellen Pestfriedhof am Lotzdorfer Kirchsteig. In dem Totenhäuschen wurden die Leichen aufgebahrt.
Die Pestopfer wurden in Radeberg nicht auf dem normalen Friedhof begraben, sondern auf dem speziellen Pestfriedhof am Lotzdorfer Kirchsteig. In dem Totenhäuschen wurden die Leichen aufgebahrt. © Zeichnung: Karl Stanka

Von Renate Schönfuß-Krause

Auf der Radeberger Kreuzung Pulsnitzer Straße/Oberstraße rauscht heute der Verkehr. Dass es sich um einen geschichtsträchtigen Ort handelt, wissen die wenigsten. Genau hier befand sich bis 1823 das größte Stadttor Radebergs, das Obertor, eingefügt in die mittelalterliche Stadtmauer. Im Obergeschoß lag die Fronveste, das Stadtgefängnis, Ort der gerichtlichen Untersuchung mit „Marterstübchen“ und Gefängniszellen. Nur wenig entfernt war der „Pestilenz-Gottesacker“, wegen der akuten Ansteckungsgefahr außerhalb der Stadtmauer angelegt. Die Pest, eine damals unerklärliche Krankheit mit Fieber, schwarzen Flecken, Beulen am Körper und plötzlichem Tod der Betroffenen, trat erstmalig 1347 in Europa auf, vermutlich über Handelswege aus Asien eingeschleppt. 

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Bereits in den ersten fünf Jahren dezimierte die Krankheit ein Drittel der damaligen Bevölkerung Europas – Panik brach aus. Sogenannte Geißler, religiöse Eiferer, die „Gottes Zorn“ durch blutige Selbstzüchtigung zu besänftigen suchten, zogen durchs Land. Ungewollt verbreiteten sie die Krankheit weiter. Nachdem solch eine Gruppe 1349 auch durch Radeberg zog, brach kurze Zeit später die gefürchtete Pest aus. Ein Pestfriedhof wurde in Eile außerhalb der Stadtumfriedung angelegt, die vielen Opfer wegen Ansteckungsgefahr schnell in Pestgruben beerdigt. Der einzige Zugang zur der Stadt führte durch eine Pforte in der Stadtmauer, die nicht nur in Pestzeiten bewacht wurde. Sie ist heute noch vorhanden. Die Pest brach bis 1714 immer wieder in ganz Deutschland aus, erst dann erlosch die Seuche. Ganze 350 Jahre bestimmte sie mit Angst und Grauen das Leben der Menschen. Ärzte waren machtlos. Sie wurden aus Angst gemieden – man erkannte sie als Pestdoktoren an ihren Vogelmasken, in deren Schnabelspitze sie zum eigenen Schutz Kräuter gegen giftige Ausdünstungen der Krankheit einlegten.

Erreichten Meldungen Radeberg über Pestausbrüche, wurden die Stadttore geschlossen, teilweise auch mit Brettern vernagelt. Selbst den eingepfarrten Lotzdorfer Bauern blieb der Kirchgang über den Lotzdorfer Kirchsteig verwehrt. Als die Pest in Dresden wütete, flüchteten 1463 und 1474 die Kurfürsten zum Schutz in das Amtshaus der Burg Klippenstein. Die Pest in Radeberg hat auch eine besondere Geschichte. Obwohl 1585 die Stadttore seit vier Monaten geschlossen waren und scharf bewacht wurden, brach die Pest erneut heftig aus. Auf dem Galgenberg, dem heutigen Brauereiberg war 1576 ein neues Spital unter Leitung des Spittelmeisters Frohmann errichtet worden, abseits der Dresdner Landstrasse. Pestkranke wurden schnell aus der Stadt gebracht, durch das Dresdner Tor, heute Höhe Berggasse, über die Spittelbrücke zum Spital getragen, wo sie Pflege erhielten. Der Totengräber Rantzmann war zuständig, die Leichen nicht auf dem Kirchhof zu begraben, sondern auf dem Pestfriedhof. Als er das erste Pestopfer beerdigt hatte, wurde ihm der Zugang durch die Pforte in die Stadt verweigert. Er war ausgewiesen, musste Zuflucht im Spital nehmen. Seine Nahrung stellte man ihm an der Spittelbrücke ab, auch Pestkranke fürs Spital wurden dort abgelegt.

Die vielen Pesttoten musste er allein in Gruben abseilen, so dass Hacke und Seile bald abgenutzt waren und der Rat neue zu stellen hatte. Seine Frau verließ die Stadt und kam ihm im Spital zu Hilfe. Als nach zehn langen Wochen die Pest abklang, erkrankte Totengräber Rantzmann. Seine Frau musste ihm das Grab als letztes Pest-opfer des Jahres 1585 selbst graben.

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