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Wie Dresden die Friedensfahrt begrüßte

Ein Massensturz vereitelte Täve Schurs Ambitionen. Tage später jubelte dennoch das ganze Land.

Von Berthold Neumann

Dieser verdammte Massensturz. Ausgerechnet auf den letzten Kilometern nach der schweren Plackerei vom Startort Karlsbad über die Gebirgshöhen des Erzgebirges passiert es: Schon in Dresden, auf dem Dr.-Külz-Ring, das Ziel Heinz-Steyer-Stadion bereits so nahe. Etappensieg futsch – so hat es Radsport-Legende Täve Schur am 7. Mai 1955 empfunden. Heute vor 60 Jahren war Dresden das erste Mal Etappenziel der Friedensfahrt, dem jahrzehntelang schwersten Amateur-Etappenrennen der Welt. Der Gesamtzweite Joseph Verhelst nutzte die Gunst der Stunde. Der in den 1950er-Jahren zu den besten Belgiern zählende Verhelst war der erste Etappensieger in der damaligen Bezirksstadt und durfte einen kleinen Löwen aus dem Dresdner Zoo taufen.

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Mit den 60 000 Zuschauern im Steyer-Stadion fieberte auch Dieter Lorenz mit. „Eine unglaubliche Stimmung herrschte in der ganzen Stadt, die Leute waren aus dem Häuschen. Heute ist eine solche wunderbare Stimmung kaum noch vorstellbar“, erinnert der Dresdner sich. „In der Stadt hatte der damals noch existierende Stadtfunk Lautsprecher installiert und die Originalübertragung von Rundfunk-Reporter Heinz-Florian Oertel draufgeschalten. Am Postplatz standen die Leute in einer dichten Traube um den Lautsprecher und jubelten, als Oertel verkündete, dass Schur mit der Spitzengruppe Possendorf erreicht hatte“, sagte Lorenz. Die SZ schrieb damals von einer „selten gesehenen, überschäumenden Begeisterung“ auf dem Weg von Zinnwald nach Dresden.

Ein Bild, das Lorenz nie vergessen wird. „Viele Leute waren auf die vielerorts noch vorhandenen Ruinen geklettert, um eine günstige Sichtposition zu erhalten“, erinnert er sich. Die Stadiontore waren ausgebaut, die Einfahrt mit den damals üblichen Strohballen abgepolstert. „Ich selbst musste mich glücklicherweise nicht in die Menschenmassen auf den Traversen drängen.“ Denn der seinerzeit 22-Jährige hatte sich erfolgreich beim Etappen-Organisationsbüro beworben. „Ich gehörte zu den Hilfszielrichtern. Wir mussten genau registrieren, wann welcher Fahrer die Ziellinie überfuhr, sozusagen die Nummern in rasender Geschwindigkeit notieren.“ Heute erledigt das die moderne Technik. Natürlich Täve, der Prager Jan Vesely als sein schärfster Konkurrent, aber auch der damals bärenstarke Liverpooler Stan Brittain faszinierten den jungen Lorenz. „Viel Beifall erhielten aber auch die Inder um Dhana Singh. Wenn es regnete, stellten sie sich schon mal kurzerhand unter den Baum, da sie Turbane statt der damals üblichen Rennmützen trugen“, sagte Lorenz.

Auch wenn Täve Schur seinen Angriff auf das Gelbe Trikot in Dresden nicht vollenden konnte – die Dresdner erlebten an diesem Maitag 1955 dennoch Sportgeschichte. Im Trikot mit dem schwarz-rot-goldenen Ring spurtete Emil Reinecke als Zweiter auf die Aschenbahn ins Ziel und sorgte so für einen gesamtdeutschen Teilerfolg. Der Niedersachse fuhr damals als einer von zwei westdeutschen Fahrern in der DDR-Mannschaft – trotz des Kalten Krieges zwischen den beiden Systemen war dies bei der Friedensfahrt für eine kurze Zeit möglich.

Sachsen sollte weiter ein gutes Pflaster für die DDR-Fahrer bleiben. Einen Tag später startete das Feld am Dresdner Fucikplatz in Richtung Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Aber Schur hob sich seine Attacke für die folgende Etappe nach Leipzig auf. „Ich kannte die Einfahrt ins Bruno-Plache-Stadion gut. Detlef Zabel, der Vater von Erik Zabel, zog den Spurt für mich vorbildlich an“, erinnerte sich Schur an seinen ersten Friedensfahrt-Etappensieg in Leipzig. Auf dem folgenden Abschnitt nach Berlin fuhr der Magdeburger ins Gelbe Trikot, das er bis zum Rundfahrt-Ziel in Warschau nicht mehr abgab. Der erste Friedensfahrt-Sieger aus der DDR löste in den heutigen neuen Bundesländern „eine Riesenstimmung und Freude aus“, wie sich Lorenz erinnert. Viele verglichen sie damals mit der Aufbruchstimmung in der alten Bundesrepublik, als die Fußballer 1954 sensationell Weltmeister wurden.

Lorenz ließ fortan das Radsport-Flair nicht mehr los. „Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre durfte ich viermal die Friedensfahrt als Kommissär begleiten“, sagte der Dresdner. Obwohl schon im Renten-Alter, blieb er der früheren Sachsen-Tour treu: Bis 2009 überwachte er die korrekte Einschreibung der Profis vorm Start.

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