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Wie FH-Studenten zum Doktorhut kommen

Nach Jahren im Beruf, mit 35 und zwei Kindern noch einmal zurück an die Uni zu gehen, ist an sich schon ungewöhnlich. Wenn man wie Heike Schulze dazu „nur“ ein FH-Diplom hat, ist das Vorhaben Promotion fast utopisch.

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Von Claudia Neubert

Nach Jahren im Beruf, mit 35 und zwei Kindern noch einmal zurück an die Uni zu gehen, ist an sich schon ungewöhnlich. Wenn man wie Heike Schulze dazu „nur“ ein FH-Diplom hat, ist das Vorhaben Promotion fast utopisch.

Denn Fachhochschulen haben kein Promotionsrecht. Eine Doktorarbeit kann man als FH-Absolvent nur über Umwege schreiben, denn der Doktorvater muss Uniprofessor sein. Heike Schulze hat dieser Umweg an die Freie Universität Berlin (FU Berlin) geführt. „Ich habe monatelang im Internet recherchiert, bis ich meinen Betreuer gefunden habe“, sagt die heute 43-Jährige.

Lieber aus den eigenen Reihen

Ihr Doktorvater habe ihr Thema spannend gefunden und sie angenommen, ohne sie persönlich zu kennen. „Das ist sehr selten und ein echter Glückstreffer“, sagt die Sozialpädagogin. Denn noch immer herrsche zwischen Universitäten und Fachhochschulen viel Skepsis und Stallgeruch. Zum einen hätten Uniprofessoren selbst genug Studenten, zum anderen wollen viele ganz einfach lieber Leute aus den eigenen Reihen nach oben bringen.

Rudolf Schmitt vom Fachbereich Sozialwesen der FH Zittau/Görlitz kennt das Problem. Er ist Sprecher des Promotionsausschusses und versucht trotz aller Schwierigkeiten seit längerem Studenten dafür zu begeistern. „Der Vorbehalt, FH-Absolventen fehle der theoretische Hintergrund, ist in Teilen nachvollziehbar“, sagt der Professor. Dies sei aber noch lange kein Hinderungsgrund. Denn vor allem für das wissenschaftliche Fortkommen eines Faches sei es wichtig, eigene Spezialisten auszubilden und nicht nur auf Dozenten aus verwandten Fachbereichen zurückzugreifen.

Heike Schulze hat trotz aller Widrigkeiten 2006 nach fünf Jahren ihre Doktorarbeit abgegeben. Die Idee für ihr Thema ist ihr übrigens zuvor bei der beruflichen Arbeit als Kinderanwältin gekommen: eine Studie zu Kindesinteressen im familiären Konfliktfall.

Vom Nähen zur Professorin

Inzwischen hat sie es ganz nach oben geschafft, auch wenn sie „nur“ an der FH war. Seit Herbst 2008 ist Heike Schulze, die zu DDR-Zeiten eigentlich Näherin gelernt hat, als Professorin für Kindheit und Sozialisation an der FH Erfurt tätig. Dass sie jede Woche zwischen Holtendorf und Erfurt pendelt, sieht sie als Gewinn. „Ich habe jetzt zwei Lebenswelten. Außerdem schimpft keiner, wenn ich abends lang arbeite“, sagt sie lachend.