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Wie Freital um Erzieherinnen wirbt

Die Situation ist nirgends im Landkreis so prekär wie in der Großen Kreisstadt. Das ist auch ein Fluch des eigenen Erfolgs.

Bürgermeister Peter Pfitzenreiter zeigt die Werbung auf einem Dienstwagen der Stadt Freital.
Bürgermeister Peter Pfitzenreiter zeigt die Werbung auf einem Dienstwagen der Stadt Freital. © Egbert Kamprath

Freitals Sozial-Bürgermeister Peter Pfitzenreiter (CDU) steht am kleinen Dienstauto hinter dem Rathaus in Deuben und zeigt auf die Werbung an der Heckscheibe. Damit wird für den Job als Erzieherin oder Erzieher in der Stadt geworben. Der Kommunalpolitiker betont aber sofort, dass dies nur ein kleines Mosaik-Steinchen ist im Ringen um mehr Fachkräfte für die städtischen Kitas. Dann hebt er zu einem langen Vortrag an, was die Stadt schon alles unternommen hat und noch unternehmen will, um die vielen unbesetzten Stellen irgendwie mit qualifizierten Bewerbern zu besetzen. 

Das Problem ist viel größer als dass es in der gebotenen Schnelligkeit mit herkömmlichen Aktionen bewältigt werden könnte. Freital ist dabei kein Einzelfall, aber ein besonders prägnanter.

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Was ist die Ursache des extremen Personal-Mangels?

In Freital gibt es zum Stichtag 1. September 2020 bei kommunalen Kitas und Freien Trägern zusammen 414 Planstellen für Erzieherinnen und Erzieher. Doch 47 sind unbesetzt, also mehr als zehn Prozent. Das ist keine komplett neue Situation, aber noch mal eine Steigerung gegenüber den Vorjahren.

Pfitzenreiter hat dafür mehrere Ursachen ausgemacht. Die demografische Entwicklung war halbwegs abzusehen. Prognosen von vor fünf Jahren sahen zwar nicht so einen großen Bevölkerungsanstieg voraus, wie er tatsächlich eingetreten ist. Gemessen an der Zahl der Geburten wäre die Stadt aber allemal in der Lage gewesen, einen erhöhten Bedarf an Kita-Plätzen abzudecken.

Doch was nicht abzusehen war, dass es in den vergangenen Jahren einen Zuzug von so vielen jungen Familien in die Stadt gibt. "Seit 2017 sind das etwa 80 Kinder zwischen einem und sechs Jahren", sagt Pfitzenreiter. Das entspricht etwa der Kapazität einer zusätzlichen Kita jährlich. Ein solcher Bau dauert in der Regel aber etwa zwei Jahre von der Planung bis zum Einzug. Die Stadt baut zwar, kommt aber nicht hinterher. 

Der Zuzug konzentriert sich auch nicht auf neue Wohnbaugebiete. Freital verzeichnet in sämtlichen Wohnlagen neue Einwohner. Dafür wurde auch einiges getan. Mit der Umgehungsstraße gibt es eine enorme Entlastung auf der viel befahrenen Dresdner Straße. Zudem wurden Brachen beseitigt, viele Ecken begrünt, Spielplätze  gebaut. Freital hat das Image des schmuddligen Industrie-Standortes abgelegt, das in den 1990er-Jahren die Stadt noch prägte. 

Welche Auswirkungen hat der Personal-Schlüssel?

Der Erfolg der Maßnahmen freut die Verantwortlichen, setzt sie aber unter Zugzwang. Etwa in diese Entwicklungsphase fiel auch noch die Etablierung des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz, den Eltern seit 2013 für ihre Sprösslinge haben. Plötzlich wurde klar, dass der Bedarf viel größer ist als prognostiziert.

Des Weiteren verbesserte sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt erheblich. Die Auswirkungen der Finanzkrise von 2007 waren schneller überwunden, als gedacht. Aktuell gibt es im Landkreis so viele sozialversicherungspflichtige Jobs wie seit 30 Jahren nicht. 

Oben drauf kam dann auch noch eine Diskussion um die Qualität der Kinderbetreuung. Die gipfelte schließlich darin, dass der Betreuungsschlüssel verbessert wurde. Es muss mehr Personal eingestellt werden. In zahlen ausgedrückt bedeutet das: 2009 waren in Freital noch 219 Erzieherinnen und Erzieher ausreichend, 2015 wurden schon 310 gebraucht, 2020 sind es 414 und im kommenden Jahr noch mehr. Das ist eine Verdopplung innerhalb von zwölf Jahren.

Wie sieht es im gesamten Landkreis aus?

Zum Stichtag 1. September 2020 sind 140 Planstellen in Vollzeit in Kitas unbesetzt. Oft wird eine Teilzeitbeschäftigung gewünscht, sodass sogar mehr als 140 Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter fehlen. 86 Prozent aller Kinder im Alter von einem Jahr bis zum Ende der Grundschulzeit wurden im Jahr 2019 in einer Kita betreut. Damit waren alle bestehenden Einrichtungen zu 89 Prozent ausgelastet, Tendenz steigend. Für den Kindergarten wurde sogar eine Auslastung von 96,4 Prozent ermittelt, Krippe 81,8 und Hort 85,1 Prozent.

Von 2015 zu 2019 stieg die Zahl der Kinder in diesem Alter im Landkreis um rund 1.600. In etwa ebenso viele Betreuungsplätze sind hinzugekommen. Allerdings ist dieser Durchschnittswert wenig aussagekräftig, weil es regionale Schwerpunkte gibt. Zudem fehlen in der einen Kommune Plätze in der Krippe, woanders welche in Kindergärten und in der dritten Kommune Hortplätze. 

Sind besonders die größeren Städte betroffen?

Die Summe der fehlenden Stellen für Erzieherinnen und Erzieher im Landkreis zeigt, dass es kein festes Muster für die Problemlage gibt. Zwar werden in den beiden größten Städten, Freital und Pirna, die meisten Fachkräfte gesucht. Es gibt aber auch Städte, wo es nicht so kritisch ist wie etwa in Sebnitz, wo alle Stellen besetzt werden können, oder Heidenau. Dort können die benötigten 144 Stellen zum Stichtag 1. September bis auf eine besetzt werden.

Zwar wird der meiste Bedarf in Randlagen zu Dresden registriert. Allgemein gültig ist aber auch das nicht, wie das Beispiel Heidenau zeigt. Auch in Dürrröhrsdorf-Dittersbach ist die Personal-Not weniger ausgeprägt.

Was hilft zur Problemlösung?

Der Landkreis verstärkt seine Bemühungen in der Ausbildung und hat eine eigene Fachschule für den Beruf der Erzieherin/Erzieher in Pirna gegründet. Bei Freien Trägern setzen Kommunen verstärkt auf größere Unternehmen, deren Kitas sich untereinander aushelfen können. Zudem wurde die Entlohnung der Beschäftigten verbessert, was allerdings im Gegenzug höhere Elternbeiträge nach sich zieht.

Viele Kommunen sind auch mit der Bitte an ihre Teilzeitbeschäftigten herangetreten, die Zahl der Arbeitsstunden zu erhöhen. In der Stadt Freital hat man sogar so flexible Lösungen gefunden, dass insbesondere in den Monaten vor der Schuleinführung die Arbeitszeit erhöht wird. Danach kommt es meist zu einer kurzzeitigen Entspannung der Situation. Angesichts der aktuellen Wartelisten ist das aber auch nicht mehr so ausgeprägt wie früher.

Die Präsenz auf Bildungsmessen und bei ähnlichen Veranstaltungen ist weiterhin hoch. Die Stadt Freital plant noch weitere Kampagnen in sämtlichen Medien und Social-Media-Kanälen. Zudem werden weitere Kita-Baumaßnahmen geplant. "Doch wer kann wissen, wann dieser enorme Zuzug abebbt und ob die neue Einrichtung in zwei Jahren tatsächlich ausgelastet ist?", fragt Pfitzenreiter. Auch das gehöre zu einem verantwortungsvollen Umgang mit öffentlichen Geldern. 

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