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Dresden

Wann dürfen Kinder Smartphones nutzen?

Tablet, Laptop und mehr gehören zum Leben vieler Kinder. Lohnt ihr Einsatz in der Kita oder ist er problematisch?

Laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom ist über die Hälfte der Sechs- bis Siebenjährigen manchmal mit dem Smartphone beschäftigt. Die Gruppe geht teils noch in die Kita. Erzieher in Dresden erleben täglich, welche Rolle neue Medien heute spielen.
Laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom ist über die Hälfte der Sechs- bis Siebenjährigen manchmal mit dem Smartphone beschäftigt. Die Gruppe geht teils noch in die Kita. Erzieher in Dresden erleben täglich, welche Rolle neue Medien heute spielen. © dpa

Kinder wischen und tippen auf Bilderbüchern, weil sie denken, sie hielten ein Tablet in der Hand. Im Krippenalter imitieren sie mit Bauklötzen ein Handy und drücken diese ans Ohr. Aus Pappe basteln sie ein Tablet mit App-Oberfläche. Diese Szenen schildern Erzieher der Striesener Kita Kinderwelt(en) aus ihrem Alltag. Geräte wie Smartphone und Tablet kennen viele Kleine bereits gut. Sie beobachten ihre Eltern und ahmen deren Umgang mit der neuen Technik nach. Doch welche Herausforderungen kommen damit auf Erzieher zu, wie viel Medienzeit ist im Kindesalter überhaupt gut und welche Rolle spielen neue Medien in Dresdner Kitas schon? Die wichtigsten Fragen im Überblick.

Tablet und Co. in der Kita – wie steht’s damit in Dresdner Einrichtungen?

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Jede städtische Kita entscheidet selbst, wie sie das Thema neue Medien integriert. Eigentlich gäbe es aber keine Kita in der Stadt, die nicht auch mit neuen Medien arbeitet, erklärt Eigenbetriebssprecher Marco Fiedler. „Das heißt aber nicht, dass in allen Kitas Tablets im Einsatz sind.“ Besonders für Kinder bis zu sechs Jahren käme das aus Gründen der Entwicklungspsychologie eher nicht infrage. Die städtische Kita Kinderwelt(en) in Striesen ist eine, die dennoch erfolgreich experimentiert: Hier entstehen unter anderem digitale Foto- und Filmprojekte. Einrichtungen der AWO waren zum Thema nicht zu erreichen, in der freien Neustädter Kita Malwina kommt das Thema laut Leiterin Carola Claerhoudt-Herr erst an. Hier überlege man, wie neue Medien eingebunden werden könnten.

Welche Projekte sind vorstellbar, wie nützlich oder schädlich sind Tablets?

Vielfalt bestimmt laut Fiedler vom Eigenbetrieb den Einsatz neuer Medien: „Manche Einrichtungen gestalten Comics und nutzen dafür Digitalkameras“, auch Hörspiele und Filme würden entstehen. Auch die Erzieher in Striesen zeigen, was möglich ist. Hier sind Kinder etwa mit Laptops vertraut. „Wir haben ein Fotoprojekt entwickelt, bei dem Kinder selbst fotografieren. Gemeinsam wählen wir Bilder am Laptop aus, dann wandern die schönsten direkt in den digitalen Bilderrahmen“, so Einrichtungsleiterin Jana Seifarth. Die Idee hatten die Kinder selbst. „Sie erleben, dass die Eltern mit dem Handy ständig Bilder machen. Natürlich ahmen sie das.“ Dass hier aber Kameras statt Handys zum Einsatz kommen, ist beabsichtigt: „Die Kinder sollen lernen, welche Technik hinter Bildern steckt – samt Blitz und Zoom“, erklärt Betreuerin Anne Richter. Und sie sollen über die Technik ins Gespräch kommen. Die Kinder des Fotoprojekts sind zwischen drei und sechs Jahren. Ein anderes Herzensanliegen: die Vogelkamera. Mit ihr beobachten die Kinder seit Monaten über einen Bildschirm Meisen. Mit digitaler Technik lernen sie den Kreislauf der Natur kennen. Auch Junge haben die Kleinen schon schlüpfen sehen. Erzieher Steve Hebes weiß, wie das Projekt noch wachsen könnte. Er kenne eine andere Kita, in der die Aufnahmen der Vogelkamera live ins Internet gestreamt werden. „So könnten Kinder auch zu Hause auf dem Tablet nachvollziehen, was die Vögel treiben.“ Um das zu leisten, fehle es aber an den passenden Datenleitungen.

Hannes Güntherodt vom Dresdner Medienkulturzentrum rät auch zur Verwendung von Tablets in der Kita. „Sie bieten den Vorteil, dass in einem Gerät alle nötigen Funktionen vereint sind – Fotoapparat, Mikrofon, Videokamera, Computer. Mittlerweile gibt es auch für alles eine geeignete App, sei es Bilder zu bearbeiten, Aufnahmen zu schneiden oder Stopptrick-Filme zu erstellen.“ Genau das ist das nächste Projekt in der Kita von Steve Hebes: ein eigener Film. Vielleicht wird er im nächsten Jahr schon am Tablet entstehen.

Ab welchem Alter sollten Kinder mit neuen Medien in Berührung kommen?

„Zwischen vier und sechs Jahren setzt bei Kindern das Interesse an der Auseinandersetzung mit neuen Medien ein“, so Erzieher Steve Hebes. Achten müsse man unter anderem darauf, dass bei Projekten nur ein Sinn der Kinder angesprochen wird, damit sie nicht überreizt werden. Eine ähnliche Altersempfehlung gibt Pädagoge Güntherodt ab. Er schult Erzieher und Lehrer im Umgang mit neuen Medien und rät: „Eigentlich sind Medienprojekte in der Kita ab frühestens 4 bis 5 Jahren sinnvoll.“ Aber: Mit Anleitung könnten Kinder teils schon mit 3 Jahren Geschichten oder Knobelspiele wie Labyrinthe, Farbenrätsel oder Memory auf Smartphones und Tablets verstehen, verfolgen und bedienen.

Wie lange sollten Kinder am Tag Tablet und Co. nutzen?

Wie viel Medienzeit für kleine Kinder angebracht ist – dazu gehen die Meinungen auseinander. Erzieher Hebes hat von einer Zehn-Minuten-Regel pro Lebensjahr gehört. „Wenn ich allerdings überlege, dass dann zum Beispiel ein sechsjähriges Kind zu Hause auch mit dem Smartphone der Eltern und oder Fernsehen beschäftigt ist, frage ich mich, wie viel Zeit uns von diesen 60 Minuten für Medienbildung überhaupt noch bleibt?“ Für einen lockeren Umgang appeliert Güntherodt: „Eltern wie Erzieher wünschen sich eine allgemeingültige Regel, aber die gibt es nicht. Manche Empfehlungen sprechen von 5 Minuten pro Lebensjahr, manche von maximal 30 Minuten am Tag. Aber Kinder sind so individuell wie die Dinge, die sie mit Medien machen.“ Man sollte auf sein Bauchgefühl vertrauen.

Welche Bedenken gibt es vonseiten der Fachkräfte und Eltern?

Eltern der Kita Kinderwelt(en) reagierten laut Leiterin Seifarth offen auf Medienangebote. Gegenwehr gäbe es keine. Dabei kann es bei Eltern wie Erziehern durchaus Bedenken geben. Laut Güntherodt hätten beiden Seiten Angst, dass Kinder zu früh mit Medien in Kontakt kommen. „Oder, dass wir das komplette Mediensammelsurium ungefiltert über ihnen ausschütten. Aber darum geht es nicht. Sondern darum, Medien, die Kinder sowieso jeden Tag um sich herum haben, zu nutzen, um die Welt um sich herum oder sich selbst zu entdecken und kennenzulernen.“ Etwa durch Geräusche-Rallyes, Hörwege, Spaziergänge mit dem Fotoapparat oder einer eigens erfundenen Geschichte, die aufgenommen wird. Er rät zu einer guten Balance: Grundsätzlich sei die Aufmerksamkeitsspanne der Kinder noch sehr kurz, sodass es viele Entspannungsphasen und andere Freizeit- und Spielaktivitäten braucht.

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