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Wie Herr Weber eine alte Weberei aufmöbelt

Der Investor aus Dresden saniert seit 15 Jahren einen Fabrikkomplex in Pulsnitz. Nun ist er fast fertig.

Von Reiner Hanke

Wer im Auto mit dem Navi das Firmengebäude von Hans-Peter Weber in Pulsnitz ansteuert, landet vor der Goethestraße 6 und ist auf dem Holzweg. Das baufällige Gebäude steht leer. Der Firmensitz befindet sich im aufwendig sanierten Fabrikkomplex dahinter. Seit fast 15 Jahren baut der Dresdner Unternehmer Weber dort. Eine Anzeige in der Zeitung stand am Anfang: „Suche unsanierte Industrieimmobilie im Grünen“. Die Anzeige hatte Hans-Peter Weber Ende der 1990er-Jahre aufgegeben. Damals war er auf eine geeignete Immobilie als Wohnung aus, eine sogenannte Loft-Wohnung. Eine Handvoll Angebote flatterten ins Haus. Darunter das Pulsnitzer Weberei-Gebäude im Hinterland der Goethestraße.

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Der Unternehmer lebt mit seiner Familie, seiner Frau und vier Kindern, mittlerweile wieder in Dresden.Foto: M. Schumann
Der Unternehmer lebt mit seiner Familie, seiner Frau und vier Kindern, mittlerweile wieder in Dresden.Foto: M. Schumann

„Pulsnitz ist eine sehr schöne Stadt. Die Lage der Fabrik zentrumsnah. Mir war klar: diese Fabrik sollte es sein“, sagt Weber. Na, und mit dem Namen kann die Entscheidung ja auch nicht schwer gefallen sein. Düster, verbaut und grau waren die Gebäude damals. Aber der Zustand gar nicht so schlecht, so Weber.

Alte Fabrik in neuem Glanz

Nach knapp 15 Jahren ist aus dem grauen Gemäuer ein stolzer Gewerbekomplex entstanden. Das Heizhaus mit Schornstein und auch eine Halle sind verschwunden, alles ist offener, lichter. Die Gründerzeitarchitektur wechselt sich mit moderner Glasfassade ab. Dass mit Gefühl für die sehenswerten Details der historischen Industriearchitektur saniert wurde, ist nicht zu übersehen. Dafür gibt es viele Beispiele. So wurden in den früheren Websälen, heute Großraumbüros, die gusseisernen Säulen und charakteristischen Decken-Konstruktionen erhalten. Im Speisesaal gehen hier heute die Beschäftigten über einen geschichtsträchtigen roten Backsteinboden. „Wir haben versucht, den Bestand so gut wie möglich zu belassen.“ So bekommen Besucher auch heute noch einen Eindruck von den früheren Websälen. Zum Büro des Investors führt eine gusseiserne Treppe. Er hat hier mit zwei Firmen seinen Sitz. „Das Bauen ist mein Hobby“, sagt der 46-Jährige. Es sei wundervoll, etwas entstehen zu sehen, alt und neu miteinander zu verbinden. Auch im Büro. Über dem modernen Eichenholzregal im Chefzimmer schaut noch ein Säulen-Fragment im Gründerzeitstil oben aus einer Wand-Nische. Um die Decke zu stützen wird sie nicht mehr gebraucht, aber ein Hingucker ist der Säulenkopf allemal. Die Fassade strahlt beige, die Fensterrahmen orange. Die roten Backsteinbögen über den Fenstern setzten kräftige Farbtupfer.

Eine alte Fabrik im neuen Glanz. Fast noch im Stadtzentrum und doch versteckt. Nicht mal das Türmchen vom Südflügel lugt über die Häuserzeilen hinaus. Das hat Eigentümer Hans-Peter Weber gerade noch einmal auffrischen lassen. Zu Beginn der Sanierung gab es Wichtigeres. Jetzt ist sie beendet. „Wir sind rum“, sagt Investor Weber. Na ja, nicht ganz. Aber der Reihe nach. 1998 kaufte Hans-Peter Weber den Fabrikkomplex, samt Gründerzeithaus an der Goethestraße und dem früheren Webereikontor Goethestraße 6. Dort hat sich inzwischen ein Steuerbüro niedergelassen. Eine Etikettenweberei und eine Bandweberei produzierten nach der Wende noch unter dem Dach dieser Fabrik. Als Weber die Immobilie übernahm, da stand sie aber fast leer. Nur im heutigen Speisesaal der Swiss Post existierten noch Spuren der Bandweberei. „Ein Mitarbeiter war dort noch beschäftigt“, erinnert sich der Investor.

Rund 5 000 Quadratmeter Nutzfläche. Für eine Loft-Wohnung doch ein bisschen viel. Aber für ein Call-Center ideal. Das gründete der Unternehmer selbst und begann schrittweise zu sanieren. Dach für Dach und Fassade für Fassade. 2003 waren die ersten 1 000 Quadratmeter fertig. Damals verkaufte er auch das Call-Center und sanierte weiter. 2008 löste die Firma Swiss Post Solutions GmbH das Call-Center ab. Die Tochtergesellschaft der Schweizer Post, ein Unternehmensdienstleister, beschäftige mittlerweile 300 Leute, freut sich Weber. Und dürfte damit einer der größten Arbeitgeber in der Stadt sein. Er selbst gründete zwei neue Firmen, POS Cash und Secu-Pay. Die beschäftigen sich mit dem Zahlungsverkehr im Internet und EC-Kartenterminals, wie sie jeder von der Kasse beim Einkauf im Supermarkt kennt. Insgesamt arbeiten rund 330 Leute in dem Komplex.

Das klingt alles so leicht. War es aber nicht. Besonders schlimm sei die Zeit gewesen, als ein Hauptauftraggeber für EC-Terminals weggebrochen war. „So ein Unternehmen ist immer ein Risiko, aber es war es wert das Risiko einzugehen und es hat geklappt.“ Gerade in der Anfangszeit sei er sehr froh über die Unterstützung des damaligen Bürgermeisters Erhard Rückwardt gewesen. So habe sich manche Tür für ihn geöffnet. Insgesamt habe er in den vergangenen Jahren zwischen zwei und drei Millionen Euro investiert. Voriges Jahr wurde die Fassade der Webhäuser fertiggestellt. In der Garagen-Halle im Fabrikhof haben die Bauleute gerade Balken erneuert. Auf dem Dach plant Weber eine Solaranlage.

Goethestraße 6 wird noch saniert

Ein Gebäude fehlt aber noch. Die Goethestraße 6. Sie ist in der Tat in beklagenswertem Zustand - die Fassade grau, das Dach undicht. Das ist auch dem Investor bewusst. „Dieser Altbau ist schwieriger zu sanieren als die Fabrik. Ich habe das ein bisschen vor mir her geschoben“, gibt er zu. Es ist der älteste Teil dieses früheren Webereikomplexes, erbaut 1806. Erweitert wurde erstmals 1870. Die großen Webhäuser entstanden kurz nach der Jahrhundertwende. In der Goethestraße 6 begann die Industriegeschichte dieses Standortes. Bei der Sanierung wird hier der Endpunkt gesetzt. Ein Wohnungsbauprojekt an der Hempelstraße in Pulsnitz habe jetzt noch Vorfahrt. Aber dann komme auch die Goethestraße 6 an die Reihe, 2014 oder 2015, versichert Weber. Und danach? Vielleicht annonciert Hans-Peter Weber ja wieder.