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Wie man die Pflege stärken kann

Der Bundesgesundheitsminister diskutierte mit Mitarbeitern des Hoyerswerdaer Seenland-Klinikums.

Gesundheitsminister Jens Spahn im Gespräch mit dem Geschäftsführer des Lausitzer Seenland-Klinikums Jörg Scharfenberg.
Gesundheitsminister Jens Spahn im Gespräch mit dem Geschäftsführer des Lausitzer Seenland-Klinikums Jörg Scharfenberg. © Foto: LSK/Jörg Simanowski

Hoyerswerda. Noch keine 30 ist Krankenschwester Linda Muth aus dem Lausitzer Seenland-Klinikum in Hoyerswerda – und doch hat sie über die letzten Jahre in ihrem Job schon eine gravierende Veränderung beobachtet: „Immer mehr Fließband-Arbeit statt ganzheitlicher Pflege für die Patienten“, schilderte sie gestern Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. 

Der CDU-Mann war zu einem „gesundheitspolitischen Austausch“ ins Krankenhaus gekommen. Er widersprach der Beobachtung der jungen Frau nicht: „Dieses Hamsterrad ist ja irgendwie entstanden. Das System ist darauf aufgebaut, in die Menge zu gehen. Da müssen wir raus.“ Als die Krankenschwester erwiderte, man müsse aber auch die Werbetrommel für den Pflegeberuf rühren, um der Personalnot zu begegnen, antwortete der Minister. „Da bin ich voll bei Ihnen.“ Linda Muth blieb festzustellen: „Schön.“

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Neue Finanzierungssorgen

Spahn ist klar, dass, wie er sagt, das Krankenhauswesen vor der größten Umstellung seit 20 Jahren steht. Das gehe nicht, ohne dass es rüttele. Klinikums-Geschäftsführer Jörg Scharfenberg treibt aktuell vor allem das Pflegepersonalstärkungsgesetz die Sorgenfalten auf die Stirn. Es beinhaltet unter anderem eine Ausgliederung der Pflegepersonalkosten aus dem DRG-Fallpauschalensystem (Diagnosis Relates Groups). Das Klinikum, so Scharfenberg, habe eine Simulation angestellt, was das denn genau finanziell bedeutet. „Wenig erfreulich“, sei das Ergebnis gewesen. „Das kann eigentlich nur passieren, wenn Sie schon längere Zeit zu wenig Pflegepersonal beschäftigen“, antwortete der Minister. Freilich ist Scharfenberg mit seinen Befürchtungen nicht alleine. Die Krankenhausgesellschaft Sachsen hat im Juli Spahns sächsische Kollegin Barbara Klepsch (CDU) per Brief um Unterstützung gebeten. Die Krankenhäuser, heißt es darin, kämen durch die Änderungen personell, finanziell und strukturell an ihre Belastungsgrenzen: „Wir mussten mit großer Sorge erkennen, dass mit der politisch zugesagten Besserstellung der Pflege für das einzelne Krankenhaus insgesamt erhebliche Einbußen und Erlösverluste für das Gesamtbudget einhergehen werden.“ Insider erklären, die Reform bringe einfach die übliche Mischfinanzierung verschiedener Klinikbereiche durcheinander.

Die stellvertretende Pflegedirektorin Sylvia Dürlich interessierte in diesem Zusammenhang die Frage, was eigentlich die Anpassung der Verordnung über die Abgrenzung der im Pflegesatz nicht zu berücksichtigenden Kosten von den pflegesatzfähigen Kosten für den Patientenbegleitdienst bedeute – eine der von Geschäftsführer Jörg Scharfenberg angesprochenen Unsicherheiten. Jens Spahn ist sich des Problems bewusst: „Was fällt unter Pflege und was nicht? Ist das Schieben eines Bettes in den OP Pflege oder nicht?“ Die Frage in der Folge: Wie wird es bezahlt? Freilich, meint er, fielen Vereinbarungen dazu unter die Selbstverwaltung von Krankenkassen und Gesundheitswesen. Er bekomme gern mal gesagt, dass ein Minister sich da nicht einmischen dürfe. So lasse er die Akteure erst einmal machen.

Immer mehr Papier

Gabriele Wilde, Pflegebereichsleiterin der Neurologie, beklagte die Zunahme des Papierwälzens im Krankenhaus. Die Dokumentationspflichten fressen immer mehr Zeit: „Ich sehe meine Leute zu oft nicht am Bett der Patienten.“ Jens Spahn kündigte an, dass ihm unter anderem vorschwebe, den sogenannten Pflegekomplexmaßnahmen-Score zu entschlacken – die Erfassung hochgradig aufwendiger Pflege. Im Klinikums-Konferenzraum Lausitzer Seenland, in dem die gut einstündige Diskussion stattfand, sorgte das für ein allgemein zustimmendes Kopfnicken.

Zehn Jahre Teilprivatisierung

An selber Stelle spielte wenig später das Streichquartett der Dresdener Philharmonie Musik unter anderem von Pachelbel und Haydn. Die vier Musiker umrahmten so eine Feierstunde. Begangen wurde die zehnjährige Existenz der Partnerschaft von Stadt und Sana Kliniken AG. Zwar hält Hoyerswerda 51 Prozent der Anteile, doch hat Sana das Sagen. Laut Aufsichtsratschef und Bürgermeister Thomas Delling (SPD) ist das nicht die schlechteste Lösung. „Die letzten zehn Jahre waren die stabilste und beste Zeit der vergangenen 30 Jahre“, sagte er und erinnerte nicht nur an die Turbulenzen mit dem gründlich misslungenen Einstieg der Promedica zu Anfang der 1990er, sondern auch an jene Zeit danach, in der viele unterschiedliche Geschäftsführer so viele unterschiedliche Ideen hatten, dass das Krankenhaus am Ende vor der Pleite stand. Sana-Vorstand Dr. Jens Schick sagte, die Bereitschaft, die Mehrheit am Haus zu übernehmen, solle auch die Bereitschaft signalisieren, weiter zu investieren.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Jens Spahn das Krankenhaus längst verlassen. Der Minister musste nämlich zum nächsten Termin nach Spremberg. Den Blumenstrauß, den man ihm zum Ende der Diskussionsrunde als Dankeschön gab, reichte er an die verdutzte Linda Muth weiter. Sie möge, sagte er, ihn auf die Station stellen – als Zeichen der ministerlichen Anerkennung für die Arbeit, die Pflegekräfte jeden Tag leisten. In einer anderen Klinik hatte er erfahren, dass „Merci“-Schachteln da wohl nicht so gut ankommen. Über die Blumen aber freute sich zumindest Schwester Linda.

Den Strauß
Blumen, den
Minister Jens Spahn am Ende der Diskussion
überreicht bekam, gab er weiter an Krankenschwester Linda Muth. Sie
arbeitet auf der Neurologie. 
Den Strauß Blumen, den Minister Jens Spahn am Ende der Diskussion überreicht bekam, gab er weiter an Krankenschwester Linda Muth. Sie arbeitet auf der Neurologie.  © Foto: Mirko Kolodziej

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