merken
PLUS

Wie Pfefferkuchen in die Dose kam

In Pulsnitz gibt es eine einmalige Sammlung in Deutschland. Start zu einer neuen SZ-Artikelserie.

© Matthias Schumann

Von Siegmar Schubert

Pfefferkuchen gehören in Pulsnitz nicht nur zur Weihnachtszeit. Hergestellt und verkauft wird das leckere Gebäck dort das ganze Jahr. Mehrere Pfefferküchler pflegen dort heute noch die jahrhundertealte Tradition und backen ihre Spezialitäten, darunter die Echten Pulsnitzer Lebkuchenspitzen, Elisenkuchen und andere Leckereien. In einem Museum mit Schauwerkstatt erfahren Interessierte viel Wissenswertes über das Handwerk. Jetzt kamen dort neue Exponate hinzu.

TOP Veranstaltungen
TOP Veranstaltungen
TOP Veranstaltungen

Was ist los in Sachsen und Umland? Wo gibt es was zu erleben? Unsere Top-Veranstaltungen der Woche!

Eine kunstvolle Dose der früheren Pfefferküchlerei Moritz Rüdrich in Pulsnitz.
Eine kunstvolle Dose der früheren Pfefferküchlerei Moritz Rüdrich in Pulsnitz. © Schauwerkstatt

Seit Dezember verfügt das Pulsnitzer Museum Pfefferkuchen-Schauwerkstatt mit mehr als 2 500 Exponaten über die wohl umfangreichste Lebkuchendosen-Sammlung Deutschlands. Möglich wurde das mit maßgeblicher Unterstützung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Ostsächsischen Sparkasse Dresden unter Beteiligung aller Pulsnitzer Pfefferküchler sowie der Lebkuchenfabrik.

Schöne Dosen um 1900

Der Münchner Manfred Liere hat im Laufe von mehr als 30 Jahren eine beachtliche Sammlung von historischen Lebkuchendosen zusammengetragen, von denen seine besondere Aufmerksamkeit den wunderschönen, kunstvoll lithographierten Dosen aus der Zeit um 1900 galt. Auch eine Vielzahl von historischen Dokumenten, Märchen- und Kochbücher, Kinderspielzeuge, Postkarten und Illustrationen, die das Thema Leb- und Pfefferkuchen zum Inhalt haben, vervollständigen die Sammlung. Manfred Liere wurde 1934 in Berlin geboren und lebt seit 1946 in München und war dort für die Stadtsparkasse tätig. Als ihm nach 1990 auch Pulsnitzer Leb- und Pfefferkuchendosen angeboten wurden, weckte das sein besonderes Interesse für die Stadt Pulsnitz und die Innung der Pfefferküchler. Seit dem Jahr 2001 gibt es auch zwischen dem Museum Pfefferkuchen-Schauwerkstatt und Manfred Liere sehr intensive Kontakte. Manfred Liere begann schon vor einigen Jahren sich Gedanken um die spätere Weitergabe seiner umfangreichen Sammlung zu machen und hatte mit vielen renommierten Museen in ganz Deutschland Kontakt. Am Ende hat er sich für das jüngste und kleinste Museum dieser Art in Sachsen entschieden. Das „Museum Pfefferkuchen-Schauwerkstatt“ in Pulsnitz. Ein Grund für diese Entscheidung war, dass sich das Museum seit dem Dezember 1999 intensiv mit der Aufarbeitung der Geschichte des Pfefferkuchens in Pulsnitz, Deutschland und Europa beschäftigt, wobei die Traditionen dieser Gebäcke in Osteuropa im Museum besondere Berücksichtigung finden.

Eine köstliche Weihnachtsgeschichte

Auch die lebendige Ausübung des alten Handwerks der Pfefferküchler in Pulsnitz und die aktive Beschäftigung des Museums mit Kindern und Jugendlichen und die Möglichkeit, Pfefferkuchen in einer kleinen Backstube selber zu backen, waren ein wichtiger Grund für die Entscheidung Lieres. In einem kleinen Büchlein mit dem Titel „Der Lebkuchen – eine köstliche Weihnachtsgeschichte?“ beschreibt Manfred Liere auch die Geschichte der Entstehung und Herstellung von Schmuck- und Lebkuchendosen: „Als im Jahre 1810 die Konservendose aus Weißblech von dem Engländer Bryan Donkin erfunden wurde, dauerte es noch über 60 Jahre, bis die ersten Schmuckdosen aus Weißblech hergestellt werden konnten. Zur Erfindung der Konservendose hat der französische Koch Nicolas Appert durch seine Konservierungsversuche mit Lebensmitteln Anfang des 19. Jahrhunderts beigetragen. Die Vorteile dieser Erfindung erkannten die englischen Biskuitbäcker. Das Gebäck hielt sich länger frisch. Schnell entstand der Wunsch, die blanken Dosen mit dem Namen des Herstellers zu versehen bzw. zu verzieren. Im letzten Quartal des 19. Jahrhunderts gelang es den Drucktechnikern, Blech mithilfe der Lithographie zu bedrucken. Durch Verstärkung der Druckpresse und der lithographischen Steinplatte gelang es dann, auch Bleche direkt zu bedrucken. Der hierfür notwendige hohe Druck ließ den Stein trotzdem oft zerbrechen. Deshalb setzte sich das sogenannte Umdruckverfahren durch. Erst nach dem Bedrucken wurden die Weißbleche geprägt und zu Dosen geformt, wobei die Farbe nicht abspringen durfte. Das komplexe und komplizierte Verfahren erforderte viel Geschick des Druckers. Für die deutschen Lebkuchenfabriken waren diese Dosen ebenfalls bestens geeignet, ihre Produkte weltweit zu vertreiben und sich werblich darzustellen. Die Lebkuchen blieben in den Dosen länger frisch und das verführerische Lebkuchenaroma ging nicht verloren. So entstanden im ersten Quartal des 20. Jahrhunderts zahlreiche lithographierte Schmuckdosen, die beim Kunden gut ankamen. Die leeren, schmucken Dosen dienten nach ihrem Gebrauch als idealer Hort für viele Dinge des Lebens. Heute sind diese alten Werbedosen begehrte Objekte vieler Sammler und Museen, die sich auf Verpackungen und Reklame früherer Zeiten spezialisiert haben.“

Mit der Sammlung Liere hat die Kultur und Tourismus Pulsnitz gGmbH als Betreiber des Stadt- und Pfefferkuchen Museums mit derzeit annähernd 4 000 Exponaten zur Geschichte der Stadt Pulsnitz und den Traditionen des alten Lausitzer Handwerks eine außerordentliche Bereicherung erfahren. Dafür ist sie Manfred Liere und allen Unterstützern dankbar.