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Willkommen zu Hause!

Normalerweise rockt Silbermond die ganz großen Hallen. Nur in Bautzen ist alles anders.

Von Christoph Scharf

Kurz vor 21 Uhr. Ich kann es nicht fassen: Stefanie ist gerade über meine Füße gestolpert. Stefanie Kloß, die gerade noch in München, Berlin, Bochum vor Zehntausenden auf der Bühne stand. Und jetzt ist die Silbermond-Frontfrau hier in Bautzen. In den Radeberger Bierstuben. Und stolpert über meine Füße.

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Silbermond zum Anfassen: Zum Abschluss ihrer „Himmel auf“-Tournee gibt die Band Minikonzerte in sechs Bautzener Kneipen. Der Auftakt war am Montag in den Bierstuben, die dafür wohl zum ersten Mal seit Jahrzehnten rauchfrei blieben. Sämtliche Konzerte ware
Silbermond zum Anfassen: Zum Abschluss ihrer „Himmel auf“-Tournee gibt die Band Minikonzerte in sechs Bautzener Kneipen. Der Auftakt war am Montag in den Bierstuben, die dafür wohl zum ersten Mal seit Jahrzehnten rauchfrei blieben. Sämtliche Konzerte ware

Wie konnte das nur passieren? Lag es an der Dunkelheit? Bautzens bekannteste Kneipe ist nur spärlich beleuchtet. Scheinwerfer tauchen allein die Bühne in buntes Licht, auf der Gitarrist Thomas Stolle gerade ein Solo spielt. Zwischen Schlagzeug, Mikrofonständer und Lautsprecheranlage bleibt dem Musiker kaum Platz, seine Mähne zu schütteln. Das ist aber noch gar nichts gegen die Situation vor der Bühne: Dort treten sich die Fans gegenseitig auf die Füße. Kein Wunder, dass Stefanie stolpert.

19.30 Uhr, anderthalb Stunden zuvor. 50 Leute sind an diesem Montag in die Kneipe an der Goschwitzstraße gekommen. Vor so wenig Leuten hat die Band mit den Bautzener Wurzeln auf ihrer ganzen Tournee noch nicht gespielt. Doch der Abschluss der „Himmel auf“-Saison soll etwas ganz Besonderes sein. Nach 67 Live-Auftritten mit fast einer halben Million Besuchern in Deutschland, Paris, London, Brüssel und Amsterdam kommt nun die Krönung: ein Konzert bei Försters. So nennen Stammgäste die Bierstuben, an der als einziger Bautzener Kneipe alle Modernisierungswellen vorbeigegangen sind. Und so drängen sich eine halbe Stunde vor Konzertbeginn 20-Jährige in Jeans und Turnschuhen zwischen Kachelofen und vertäfelten Wänden, an denen die Garderobe hängt. Wirt Frank Förster, der wie schon Vater und Großvater hinter dem Tresen zu Hause ist, zapft routiniert ein Bier nach dem anderen. Hier stehen keine Cocktails und kein Café Latte auf der Karte. Hier gibt es Pils. Einziges Zugeständnis an den Abend sind die Plastebecher, die Förster unter den Zapfhahn hält. Sonst wird hier aus Gläsern getrunken. Aber heute darf nichts zu Bruch gehen.

19.50 Uhr. Anders als sonst findet sich bei Försters kein Platz zum Abstellen der Getränke. Für das Konzert hat der Wirt alle Tische und Bänke rausgeräumt und irgendwie in der Gartenlaube verstaut. So wurden aus 36 Sitzplätzen aber auch nur 50 Stehplätze. Kein Wunder: Allein die Bühne vor dem Fenster mit den Blümchen-Gardinen belegt ein Drittel der Kneipe. Dabei passt sie gerade so zwischen das verstimmte Klavier und das Holzregal mit den Dutzenden Skatblättern, in denen meistens irgendeine Karte fehlt oder aber doppelt vorkommt. Aber nach Kartenspielen ist heute sowieso keinem. Alle warten gebannt auf den Auftritt. Die knappe Hälfte der Fans stammt aus der Region, manche haben dagegen eine stundenlange Anfahrt hinter sich. Alle Besucher vereint eins: Sie hatten wahnsinniges Glück. Denn für die Konzerte in sechs Bautzener Kneipen gab es insgesamt nur rund 500 Karten. Gekommen wären gerne wohl 100-mal so viele. Als die Tickets am 13. Oktober im Internet verkauft wurden, wollten bis zu 30 000 Menschen gleichzeitig auf die Seite zugreifen. Dabei brachen immer wieder die Server zusammen. Eine Erfahrung, die auch ich machen musste: Denn für die Presse gab es keine Extrawurst. Eine halbe Stunde lang habe ich mir die Finger wund geklickt. Aber nun gehöre ich zu den Auserwählten, die eine der Karten in Bierdeckelform in der Tasche haben. Es kann losgehen!

20.10 Uhr. Mit gerade mal zehn Minuten Verspätung eilen die Silbermonde auf die Bühne – Stefanie, Johannes, Thomas, Andreas. Für die Stimmung sorgen sie selbst – eine Vorband gibt es nicht, nur leise Musik von der Konserve. Doch schnell stellt sich heraus: Die Band hat ein Heimspiel. „Schön, dass ihr alle da seid“, ruft die Sängerin. Und schon legen Schlagzeug, Gitarre und Bass los. Keine zehn Minuten später schwenken Dutzende Fans im Takt die Hände über den Köpfen. Stefanie begrüßt die Fans „in der schönsten Stadt Sachsens“ und richtet einen Gruß an den Wirt. „Danke, Herr Förster, dass du uns dein Wohnzimmer leihst!“ Schlagzeuger Andreas outet sich als erfahrener Bierstuben-Gänger und ordert von der Bühne herab ein „Böhmisches“. Das Bier bringt der Chef selbst auf einem Tablett nach vorn – zu den Klängen von „Durch die Nacht“. Die sind auch draußen vor seiner Kneipe zu hören, wo eine Handvoll Fans versuchen, einen Blick durch die Vorhänge zu erhaschen.

21.10 Uhr. Drinnen gibt es jetzt einen Seitenwechsel. Die vier Musiker steigen von der Bühne und wechseln in die Ecke, wo sonst der Stammtisch steht. Ab jetzt wird es richtig kuschlig. Die Fans setzen sich auf den Boden. Nun wird unplugged gespielt – ohne Verstärker, so wie am Lagerfeuer. Leise klingt das Herzschmerz-Stück „Symphonie“. Selbst das Klicken der Fotoapparate ist zu hören.

Doch die Stimmung dreht sich gleich wieder. Schließlich darf bei einem richtigen Konzert das Stagediving nicht fehlen: Der Sprung von der Bühne in die Massen, um sich liegend über den Köpfen der Besucher von Hand zu Hand weitertragen zu lassen. Stefanie zeigt, dass das auch bei 50 Gästen in einer wohnzimmergroßen Kneipe geht – einmal hinüber zur Bar und mit einem vollen Bier zurück. Anders als in einer Konzerthalle muss sie im Försters allerdings aufpassen, sich nicht den Kopf an einer Hängelampe zu stoßen.

21.40 Uhr. Der offizielle Teil des Konzerts ist vorbei. Der Geist des Ortes scheint auf die Besucher abzufärben: Statt „Zugabe“ intonieren alle lautstark „Saalrunde“, bis die Band wieder auf der Bühne steht, „Krieger des Lichts“ spielt und Freibier verteilen lässt. Erst eine halbe Stunde später ist endgültig Schluss – aber nur, um Autogramme geben zu können. Bei so viel Nähe zu den Fans kann es natürlich vorkommen, dass Stefanie über ein paar Füße stolpert.