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„Wir brauchen eine Vision für die Lausitz“

Das sagt Kommunikationspsychologe Jörg Heidig aus Görlitz und beruft sich auf eine aktuelle Befragung.

Der Bau schwimmender Häuser war eine Vision für die Lausitz, die längst Wirklichkeit geworden ist.
Der Bau schwimmender Häuser war eine Vision für die Lausitz, die längst Wirklichkeit geworden ist. © Archivfoto: Wolfgang Wittchen

Im Februar 2020 haben die Görlitzer Prozesspsychologen und die Marktforscher von MAS Partners aus Leipzig über 520 Lausitzer nach ihrer Meinung zum Strukturwandel gefragt. Die Ergebnisse wurden nun im Lausitz-Monitor veröffentlicht. Die SZ hat mit Studienautor Jörg Heidig aus Görlitz darüber gesprochen.

Egal, was hier in der Lausitz kommt, das überlebe ich auch noch – dieser Aussage im ersten Lausitz-Monitor, stimmen 75 Prozent der Befragten zu – gilt das auch für die Corona-Zeit?

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Ich denke schon. Die Überlegung bei uns ist zwar da – legen wir im Sommer nach und erfragen die aktuelle Stimmung. Ich denke aber, die generelle Meinung zum Thema Strukturwandel wird sich dadurch nicht verändern. Wir werden uns an Corona gewöhnen. Viele Lausitzer werden auch deswegen ihre Grundhaltung nicht ändern. Und Corona beeinflusst auch nicht die großen Fragen, zum Beispiel nach Karrierechancen für Frauen auf dem Land.

Wie sind die Prozesspsychologen und MAS Partners dazu gekommen, die Studie zu machen – einen staatlichen Auftrag gab es nicht?

Nein, wir haben das aus eigenem Antrieb getan. Die Idee ist schon zwei Jahre alt. Wir sind Befragungsexperten – auch im regionalen Bereich. Wir haben beispielsweise 2017 eine telefonische Befragung von Tausend Personen zum Thema Migration in Ostsachsen durchgeführt. Nun haben wir den Strukturwandelprozess in der Lausitz beobachtet und festgestellt, eine direkte Befragung der Menschen geschieht nicht. Es gibt zwar viele Versuche, die Bürger einzubeziehen – aber das zum Beispiel bei größeren Veranstaltungen, zu denen immer dieselben Personen kommen. Da haben wir irgendwann gesagt: Wir machen das, wir fragen die Menschen. Damit waren wir jetzt die Ersten.

Und wie haben die Leute reagiert?

Das können wir nicht genau sagen. Wir haben gemeinsam mit Partnern den Fragebogen entwickelt, die Kontakte zu den Befragten hat dann ein darauf spezialisiertes Unternehmen in unserem Auftrag hergestellt. Das kostet Geld. Darum wurden dieses Mal ,nur“ reichlich 520 Personen einbezogen. Wenn sich Partner für das Projekt finden, lässt sich das aber bei einer nächsten Runde ausweiten. Bei 2.000 bis 3.000 Befragten könnten wir dann auch gut Landkreise miteinander vergleichen.

Bei einigen konkreten Fragen zum Strukturwandel antworten relativ viele Menschen mit „Weiß nicht“. Zum Beispiel dazu, ob er nötig ist oder ob er schon begonnen hat. Wie erklären Sie sich diesen großen Graubereich?

Die Wahrnehmung für das Thema ist sicher da. Und es gibt auch Frust, nach dem Motto: Muss uns der Kohleausstieg jetzt auch noch passieren?! Ob er gelingt, ob der Wandel schon begonnen hat, wohin die Reise geht, darin herrscht große Unsicherheit. Das hat auch damit zu tun, dass es keine klare Idee für diesen Wandel gibt. Was die Menschen brauchen, ist eine Vision für die Lausitz. Eine, an der sie mitarbeiten können. Ich habe einige Zeit für die Internationale Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land unter Geschäftsführer Rolf Kuhn gearbeitet. Er hat, 20 Jahre bevor die ehemaligen Tagebaue zu Seen geworden waren, schon ‚Zukunft‘ gedacht und gemacht mit der Aufstellung der Förderbrücke F60, mit schwimmenden Häusern und vielem mehr. Er hat das hartnäckig verfolgt, trotz viel Kritik. Aber er hatte eine Vision und konnte so Menschen mitnehmen. Wir können aber nicht erwarten, dass so eine Vision durch alle entsteht.

Die Zugehörigkeit der Menschen zur Lausitz zieht mancher Kommunalpolitiker, Lokalhistoriker oder Traditionalist in Zweifel. Ihre Studie zeigt: 54 Prozent fühlen sich der Lausitz zugehörig. Die im Görlitzer Raum betonte Zugehörigkeit zu Niederschlesien kommt auf 18 Prozent. Wie ist das zu erklären?

Die Identifikation mit Niederschlesien liegt bei den unter 30-Jährigen bei drei Prozent. Das spielt kaum noch eine Rolle. Wir stellen fest, Identifikation ergibt sich über gemeinsam erlebte Schicksale oder Erfahrungen, wie die wirtschaftlichen Schwierigkeiten hier oder die Grenzlage.

Wie groß ist die Bereitschaft der Menschen, den Wandel mitzugestalten?

Gefühlt bei jedem Einzelnen größer, als tatsächlich praktisch gelebt. In einem Fragenkomplex ging es genau darum. 67 Prozent der Leute sagten dabei, dass ihnen die Lausitz am Herzen liegt. Knapp 40 Prozent denken oft über die Zukunft der Region nach oder diskutieren darüber. Aktiv beteiligen wollen sich um die 30 Prozent, schon beteiligt haben sich 13 Prozent. Wobei das vielleicht auch eher eine subjektive Wahrnehmung ist. Wahrscheinlich sind noch weniger wirklich aktiv dabei.

Der Lausitz-Monitor zeigt: Mit ihrer persönlichen Lebenssituation sind sehr viele zumindest ganz zufrieden, mit der Gesamtsituation der Lausitz weniger.

Das ist eine normale Verzerrung. Konkret auf sich bezogen, sind viele Menschen eher zuversichtlich oder zumindest nicht völlig pessimistisch. 25 Prozent der befragten Berufstätigen glauben zwar, dass ihr Arbeitsplatz in den nächsten fünf Jahren gefährdet ist. 65 Prozent glauben das nicht (Befragung vor Corona, Anmerkung d. Red.). Nur drei Prozent alle Studienteilnehmer denken, dass sie wegen des Wandels wegziehen müssen. Klar ist: Der Wandel wird Auswirkungen haben; nicht jeder kleine Ort wird zu retten sein. Wir werden in den kommenden 15, 20 Jahren auch schwere Entscheidungen treffen müssen.

Der Strukturwandel sichert mir meine Zukunft, denken 39 Prozent. Er bringt mir mehr Vor- als Nachteile schätzen 26 Prozent. 38 Prozent sehen das nicht so. Die Politik als Macher des Wandels hat doch ein milliardenschweres Förderpaket angekündigt. Kann sie das nicht gut genug verkaufen?

Den Menschen ist eher noch nicht klar, was das Paket beinhaltet. Vieles ist noch nicht wirklich konkret. Beim Thema Wasserstoff gibt es erste Ansätze, aber insgesamt fehlen klar erkennbare Pilotprojekte – beispielsweise ein Wasserstoffparcours mit besuchbaren Orten, mit einer Kampagne, mit einem Auftritt im Internet. Wenn wir so etwas haben, fangen mehr Menschen an, selbst etwas zu versuchen. Ähnlich lief es mit dem Tourismus im Seenland. Weil es konkrete Projekte gab, haben Unternehmer, Privatleute, Vereine eigene Vorhaben gestartet. Wir brauchen dafür aber ein starkes Bild.

Bei der Frage nach den Herausforderungen für die Region liegt Arbeitslosigkeit ganz vorn, Fachkräftemangel landet weit hinten – das ist ein ganz anderes Bild, als Unternehmen und Politik zeichnen – wie kommt das?

Ich bin Psychologe. Ich will hier jetzt nicht ins allgemeine Horn blasen und vom Trauma sprechen, dass viele Menschen nach der Wende mit Arbeitslosigkeit und dem Wegfall ganzer Industrien erlebt haben. Hier geht es eher darum, was die Menschen persönlich in ihrem Umfeld wahrnehmen. Fachkräftemangel ist in der Lausitz ein Problem bestimmter Branchen: IT, Medizin, Pflege, Rettungswesen zum Beispiel. Wesentlicher ist das Thema Niedriglohn. Die Menschen erleben trotz ständiger Betonung des Fachkräftemangels keine bessere Bezahlung. Das ist das Problem.

Als erfolgversprechend für den Strukturwandel sehen die Befragten ganz vorn die Neuansiedlung von Unternehmen. Mittelständler fordern hingegen: Stärkt lieber uns! Strahlt so etwas wie Tesla in der Breite mehr aus?

Das strahlt auf jeden Fall aus. Beim Mittelstand stellt sich die Frage: Sind das die Zukunftsbranchen? Ich schließe nicht aus, dass es sie dort auch gibt. Einige können sich auf neue Ziele einstellen. Klar ist, wir können mit einer einzigen Neuansiedlung nicht die Kohle ersetzen. Dafür bräuchte es 18 Teslas. Nötig ist ein regionaler Trend hin zu Zukunftsbranchen wie Wasserstoff, Recycling und anderen.

Studie und Macher: Für den Lausitz-Monitor wurden im Februar 2020 insgesamt 523 Lausitzer ab 16 Jahre befragt, 26 Prozent stammten aus dem Landkreis Bautzen, 22 Prozent aus dem Kreis Görlitz, die Übrigen aus der Niederlausitz. 20 Prozent haben keinen Schul- oder den Hauptschulabschluss, 49 Prozent einen Realschulabschluss, 29 Prozent Abitur oder Fachhochschulreife; jährliche Wiederholung geplant.

Dr. Jörg Heidig, Jahrgang 1974, ist Kommunikationspsychologe und Inhaber der Görlitzer Prozesspsychologen GmbH.
Dr. Jörg Heidig, Jahrgang 1974, ist Kommunikationspsychologe und Inhaber der Görlitzer Prozesspsychologen GmbH. © Benjamin Zibner

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