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„Wir haben nie so getan, als wären wir was Größeres“

Das Oktoberfest Kemnitz ist 20. Wie es dazu kam und warum der Chef vom Gener-Markt nachts sein Handy an lässt, erzählt Thomas Kneschke.

© B. Gärtner

Kein Platz mehr frei. Die Glasfront der Vitrine ist tapeziert mit unzähligen Autogrammkarten. Die Techno-Band Scooter war hier. Karat und City ebenso. Ute Freudenberg. DJ Happy Vibes. Santiano. Mittlerweile findet das Oktoberfest Kemnitz zum 20. Mal statt. Wieder hat sich der Sportplatz in ein Festareal verwandelt und das Vereinshaus – hier steht die Vitrine – zur Schaltzentrale der Fördergemeinschaft Kemnitz, die das Fest veranstaltet. Mitorganisator Thomas Kneschke muss wohl irgendwie Platz schaffen an der Glasfront der Vitrine. Denn auch dieses Jahr sind wieder neue Musiker mit dabei. Bevor Kneschke sich über neuen Platz für neue Autogrammkarten Gedanken macht, spricht er mit der SZ über die vergangenen zwei Jahrzehnte Oktoberfest.

Er hatte am Montag seinen Auftritt in Kemnitz – und am Dienstag Geburtstag. Zum Anstoßen beim Reinfeiern gab es die obligatorische Maß Oktoberfest-Bier.
Er hatte am Montag seinen Auftritt in Kemnitz – und am Dienstag Geburtstag. Zum Anstoßen beim Reinfeiern gab es die obligatorische Maß Oktoberfest-Bier. © SZ/abl

Herr Kneschke, können Sie sich noch erinnern, wer beim ersten Kemnitzer Oktoberfest aufgetreten ist?

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und sich nicht im Paragrafendschungel zurechtfindet, ist schnell arm dran. Tipps und Tricks rund um Geld, Sparen und juristische Fallstricke gibt es hier zu finden.

Ich glaube, es waren Katrin & Peter, aber sicher bin ich mir nicht mehr. Sie sehen ja die Autogrammkarten: Es waren so viele Künstler bei uns. Ach hier, Achim Mentzel! Er war auf jeden Fall zum ersten Oktoberfest dabei und auch danach noch ein- oder zweimal.

Heute hat das Kemnitzer Oktoberfest einen Ruf. Zu Beginn haben Sie aber noch in einem viel kleineren Zelt mit einem Bruchteil der heutigen Gästezahl gefeiert. Wie haben Sie es damals geschafft, Größen wie Mentzel nach Kemnitz zu holen?

Das stimmt so nicht ganz. Kemnitz hatte auch damals schon einen Ruf. Kultur war hier immer ein Thema. Wir haben schon zu DDR-Zeiten das Parkfest gefeiert. Damals kümmerte sich der Dorfclub darum, später der Kemnitzer Kulturverein. Im Kulturpark hatten wir zum Beispiel mehrfach Adolf Kiertscher mit seiner Band zu Gast. Der Mann verstand es, die Leute zu animieren. Er hat auch die Anfangsjahre des Oktoberfestes mit geprägt. Durch solche Auftritte begann sich einfach rumzusprechen, dass sich hier was entwickelt. Und alles, was dann kam, hat wieder etwas anderes nach sich gezogen. 2001 hatten wir zum Beispiel die Puhdys zu Gast, das hat uns einen großen Schub gegeben. Insgesamt, die ganzen Ostbands ... Auch durch die Partys mit DJ Happy Vibes ist das Fest gewachsen. Und auch Matthias Reim haben wir in der Hinsicht viel zu verdanken. Durch ihn ist vieles leichter geworden.

Viele Künstler waren mehrfach in Kemnitz. Wenn Sie Stars wie Maschine von den Puhdys, Roland Kaiser oder jetzt auch Max Giesinger das erste Mal begegnen – wie verhalten Sie sich?

Ich kann eigentlich jedem in die Augen schauen, Ich verstelle mich auch nicht. Vielleicht noch einen Schlips umbinden, was? Ne, das wäre nicht meins. Das Gespräch zu suchen, ist ganz wichtig. Und eine gute Vorbereitung, was Technik und Abläufe angeht. Wenn solche Sachen geklärt sind, ist die Stimmung meistens ganz entspannt.

Was war in den vergangenen 20 Jahren Ihr schönster Oktoberfest-Moment?

Das kann ich nicht sagen, es gab viele schöne Momente. Eine Besonderheit war es für mich, als Matthias Reim 2005 zum ersten Mal ein Zusatzkonzert gegeben hat. Reim war in Kemnitz immer beliebt. Aber 2005 waren die Karten wirklich sehr schnell weg. Und die Leute hörten auch nicht auf, bei unseren Vorverkaufsstellen nachzufragen. Bei denen klingelte 30-mal am Tag das Telefon, weil die Fans noch nach Karten suchten. Schließlich haben wir beim Management von Matthias Reim angerufen und gefragt, ob noch ein zweites Konzert möglich wäre. Das war etwa vier Wochen vor dem Konzerttermin. Sie haben zugesagt. Also haben wir etwa zwei Wochen vor dem Zusatzkonzert angefangen, noch mal Karten in Auftrag zu geben, drucken zu lassen, sie bei den Vorverkaufsstellen zu verteilen und die Leute zu informieren. Das war wirklich Stress. Aber es war auch ein großer Erfolg für uns.

Stimmt es eigentlich, dass Sie mal mitten in der Nacht bei einer Tankstelle Bier nachkaufen mussten, weil es beim Oktoberfest ausgegangen war?

Ne, das nicht. Die Erfahrung haben wir mittlerweile, um ungefähr abzuschätzen, wie viel wir brauchen. Bier ist vielleicht schon knapp geworden, aber es hat immer gereicht. Es stimmt aber, dass wir schon ein paarmal nachts zum Getränkemarkt Gener in Kiesdorf gefahren sind. Allerdings nicht wegen Bier, sondern wegen anderer Sachen. Es entwickeln sich manchmal an so einem Konzertabend Trends, die man vorher nicht abschätzen kann. Ich weiß noch, dass in einem Jahr ein ganz bestimmtes Getränk mit Wodka plötzlich extrem gefragt war. Na, den hatten wir natürlich nicht in den Mengen da. Aber zum Glück haben wir einen guten Draht zum Gener-Markt und die Telefonnummer vom Inhaber. Der weiß zum Oktoberfest schon, dass er nachts sein Handy anlassen soll.

Sie hatten wieder rund 20 000 Gäste letztes Jahr. Kommt manchmal Angst auf, eine Veranstaltung dieses Ausmaßes nicht mehr stemmen zu können?

In den Tagen, bevor es losgeht, stehe ich immer sehr unter Strom. Der Vorteil der Fördergemeinschaft ist, dass die Last auf vielen Schultern ruht. Wenn einer von uns sagt: Ich muss mich jetzt mal einen halben Tag aufs Ohr legen, dann kann ein anderer einspringen und weiß, was zu tun ist. Ich glaube, die Kemnitzer sind stolz auf das Oktoberfest. Wir haben bei starkem Regen zum Beispiel mal die Dorfstraße zum Parkplatz gemacht, weil die Autos auf den Feldern eingesunken wären. Das haben die Anwohner mitgemacht. Oder jetzt erst beim Familien-Sonntag: Jeder Verein von Kemnitz hat sich beteiligt und sieben Kuchen gebacken. Viele nehmen sich auch frei auf Arbeit, um hier bei den Vorbereitungen mitzuhelfen. Das nimmt den Druck ein bisschen weg.

Andere Feste ähnlicher Art auf dem Land sind eingegangen. Das Oktoberfest nicht. Wie erklären Sie sich das?

So richtig erklären kann ich es nicht. Wir hatten sicher viel Glück. Zum Beispiel bei der Auswahl der Künstler. Es kam vor, dass wir danebengelegen haben. Aber meistens wollten die Leute hören und sehen, wen wir eingeladen hatten. Ein Punkt ist vielleicht auch, dass bei uns als Verein der Kommerz nie so im Vordergrund stand. Natürlich rechnen wir so, dass wir kein Minus machen, sondern etwas für den Verein am Ende rausspringt, das ist klar. Aber wir waren immer ein Dorffest und haben nie so getan, als wären wir was Größeres. Ein anderer Punkt ist sicher auch die große Akzeptanz in der Region. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass wir unsere Aufträge immer an Leute aus der Gegend vergeben, das Catering beispielsweise. Ich glaube schon, dass das ein Punkt ist, den die Leute hier vor Ort zu schätzen wissen. Dadurch haben wir eben immer einen Grundstamm an Publikum hier aus der Region.

Wird es noch mal 20 Jahre Oktoberfest geben? Und würden Sie selber noch mal 20 Jahre als Organisator mitmachen?

Wir haben zumindest in den vergangenen Jahren gute Grundlagen für die junge Garde geschaffen. Die Voraussetzungen sind da, dass es noch eine ganze Weile funktionieren kann. Aber meine Zeit geht langsam dem Ende entgegen. Das soll jetzt kein Abschiedsbrief sein, nicht falsch verstehen. Ich bleibe der Sache in Zukunft erhalten, aber wir haben auch junge Leute, die das Zeug für die erste Reihe haben.

Gespräch: Susanne Sodan