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„Wir setzen jetzt erst mal einen Schlusspunkt“

Die Erste Allgemeine Verunsicherung kommt auf der „ersten“ Abschiedstour nach Dresden. Und ist so politisch in ihren Texten wie nie zuvor. 

Gern etwas schräg drauf: EAV-Frontmann Klaus Eberhartinger beim Auftritt.
Gern etwas schräg drauf: EAV-Frontmann Klaus Eberhartinger beim Auftritt. © dpa

Das neue Album der österreichischen Pop-Rock-Band Erste Allgemeine Verunsicherung heißt „Alles ist erlaubt“. Und es soll das (vorerst) letzte der seit 1977 aktiven Musiker um den 68-jährigen Sänger Klaus Eberhartinger sein. Dementsprechend holen die Musiker, die von Mitte der Achtziger bis Anfang der Neunziger mit Klamauk-Songs wie „Märchenprinz“ und „Ba-Ba Banküberfall“ ihren kommerziellen Höhepunkt erlebten, noch einmal alles aus sich heraus. Dabei sind die neuen Lieder wie „Trick der Politik“ oder „Rechts 2/3“ noch politischer und gesellschaftskritischer als gewohnt ausgefallen, der Unterhaltungswert der EAV ist jedoch nach wie groß. Steffen Rüth sprach mit dem Wahlwiener und Wahlkenianer Klaus Eberhartinger in München.

Herr Eberhartinger, Sie legen Ihr letztes Album vor. Warum ist Schluss?

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Wir sind nicht mehr so arg jung. Wir wollen nach unserer Abschiedstournee eine Pause machen. 40 Jahre EAV ist ein guter Zeitpunkt. Wir hören gerade oft die Frage „Warum jetzt schon?“ Dabei müsste die eigentlich lauten: „Warum erst jetzt?“

Und warum also jetzt?

Wir wollen nicht in die Situation kommen, in der sich andere Musiker befinden, die bis zur Urne mit den alten Hits tingeln und irgendwann in Bierzelten, Altersheimen und auf Feuerwehrfesten spielen. Also, wenn du es finanziell nicht musst, dann ist es schlau, sich auch mal um seine anderen Interessen zu kümmern. Und sich ein bisschen mehr Zeit für sich selbst zu nehmen. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass man für das eine oder andere Projekt wieder zusammenkommt. Es gibt natürlich den Zusatz „die erste“ Abschiedstour. Aber eine zweite ist nicht geplant – und auch nicht ganz ausgeschlossen. Okay, okay, die Rolling Stones! Wir setzen jetzt erst mal einen Schlusspunkt, und ich bin überzeugt, drei Jahre Pause werden es mindestens sein.

Was wollen Sie künftig machen?

Unser Komponist und Gitarrist Thomas Spitzer beispielsweise zeichnet und malt, er bereitet eine Ausstellung vor. Ich habe das eine oder andere spannende Fernsehformat im Auge. TV macht mir wirklich Freude. Seit zehn Jahren moderiere ich in Österreich die Sendung „Dancing Stars“.

Sie haben als Teilnehmer 2007 sogar gewonnen. Sind Sie ein Tanztalent?

Ich habe ganz ordentlich getanzt und das Fernsehpublikum wohl sehr gut unterhalten, deshalb wollten die mich weiter sehen. Aber eigentlich schwimme ich für mein Leben gern. Und ich habe im hohen Alter mit Kitesurfen angefangen. Da möchte ich mich gerne verbessern.

Sie leben seit mehr als zwanzig Jahren nicht nur in Wien, sondern auch in Kenia. Wie kam es dazu?

Also ausgewandert bin ich nicht, ich lebe ungefähr drei Monate pro Jahr in Kenia. Das Land ist meine zweite Heimat geworden. Als Student, ich habe ja mal angefangen, Medizin zu studieren, bin ich mit einem Kumpel in einem Land Rover durch Afrika gefahren, von Norden nach Süden. Damals bin ich mit der Afrikaliebe infiziert worden. Der Rhythmus des Kontinents gefällt mir sehr. Die Menschen sind toll, Afrika als solches sehr vielfältig, und speziell in Kenia lässt es sich wirklich gut leben.

Anderes Thema: „Alles ist erlaubt“, der Titelsong des Albums, ist eine Abrechnung mit der Politik hierzulande. Was wurmt Sie konkret?

In Europa hat man nach siebzig Jahren scheinbar vergessen, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Man kehrt wieder zum Nationalstaat zurück, dabei haben die sich in der Vergangenheit nicht unbedingt immer bestens verstanden. Die Entwicklung, dass die Rechten immer mehr in die Mitte der Gesellschaft rücken, ist gefährlich. Ich vermisse in Europa weiterreichende und integrierende Schritte. Wir haben eine Währungsunion, und das war es auch schon.

Sie singen auch: „In Brüssel steht ein Doofbräuhaus“. Wie das, wenn Sie doch anderer Meinung sind?

Ja, wir sind schon auch EU-kritisch. Ich glaube, dass da sehr viel Geld verbrannt und zu viel Lobbyismus betrieben wird. Trotzdem sollte man die EU stärken, nicht zurückentwickeln. Denn die Alternative ist keine angenehme. Jetzt hängt sich seit drei Jahren alles an dieser Flüchtlingsfrage auf, als ob die Menschen plötzlich und über Nacht gekommen wären wie ein Unwetter. Dabei haben alle seit Jahren gewusst, dass das geschehen würde. Jetzt stehen wir hier. Den Riegel vorschieben geht nicht, alle reinlassen auch nicht, dazu sind die Leute ängstlich und fühlen sich bedroht. Und die Rechten fischen diese Stimmung ab.

Ist „Alles ist erlaubt“ ein politisch linkes Album?

Vielleicht mehr noch liberal als links. Man kann sich doch nicht aus Angst vor Überfremdung in die Unmenschlichkeit retten und die Leute einfach ersaufen lassen. Andererseits finde ich es falsch, wenn junge gut ausgebildete Leute aus Afrika kommen, die fehlen ihren Ländern hinten und vorne. 

War von Anfang an klar, dass die Platte so politisch wird?

Nein. Wir sammeln und gucken, wie das alles zusammenpasst. Jetzt, nachdem das Album draußen ist, sind die Verhältnisse noch viel brisanter als zu der Zeit, als wir mit der Arbeit begonnen haben.

Sehen Sie sich als Künstler in einer Art außerparlamentarischen Opposition?

Man kann die Welt nicht verändern, aber man kann Stellung beziehen. Wir leben in Zeiten, in denen man sich entscheiden muss, auf welcher Seite man stehen möchte. „Das geht mich nichts an“, geht nicht. Man ist entweder Komplize oder Rebell.

Bezieht sich „Alles ist erlaubt“ auch auf Ihre musikalische Narrenfreiheit, die Sie wieder schonungslos ausleben?

Freilich. Da sind Balladen drauf, da ist Religionskritik drauf, da sind auch Blödeleien drauf. Und wir nehmen wie immer alle möglichen Stilrichtungen in die Mangel.

In Deutschland sind Sie mit Hits wie „Ba-Ba Banküberfall“, „Küss‘ die Hand schöne Frau“ und „Märchenprinz“ immer eher in der Klamauk-Ecke gelandet. Hat Sie das nie gestört?

Nicht so sehr. Die lustigen Nummern waren zugleich auch kommerziell erfolgreich, und das war uns auch genehm so. Wir haben gesagt, das ist zwar ein bisschen ungerecht, aber es hat Bewegung in die Schatulle gebracht. Die Leute wurden außerdem neugierig und kamen in die Konzerte, wo sie dann schon schnell gemerkt haben, dass wir auch anders können, als bloß die lustigen Vögel zu geben. Der schwarze Humor und die Bissigkeit, auch die Bösartigkeit, sind genauso Markenzeichen von uns wie der schiere Blödsinn.

Das Album: EAV, Alles ist erlaubt. Ariola
Das Konzert: 17. 2., Alter Schlachthof, Dresden