merken
PLUS

„Wir sind alle Rassisten“

Seit drei Jahren lebt Michelle Bray in Bautzen. Nun zieht die Schauspielerin weg. Grund ist die Stimmung in der Stadt.

Michelle Bray probte mit Jugendlichen Romeo und Julia. Oftmals waren dabei Gespräche wichtiger als das Schauspielen.
Michelle Bray probte mit Jugendlichen Romeo und Julia. Oftmals waren dabei Gespräche wichtiger als das Schauspielen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Als Michelle Bray das Thespis Zentrum betritt, wird sie mit einem schwungvollen „Moiiin, Michelle“ begrüßt. Nicht mit der klassischen Endung, sondern mit einem langgezogenen „elle“. Sie grinst, hebt zum Gruß die Hand. Mit einem Plumps lässt sie sich auf das alte Sofa mit Blumenmuster fallen, das in der Nähe des Schaufensters steht. Einige der Wände sind mit Graffiti auf verschiedenen Sprachen verziert, Werkbänke sind im Raum verteilt. Im Fenster leuchtet eine zum Herz geformte Lichterkette. Bray lehnt sich zurück, legt einen Arm auf die Lehne, die andere Hand umfasst die Kaffeetasse.

Seit Anfang des Jahres arbeitet Michelle Bray nun hier, hat das Zentrum mit aufgebaut. Sie hat diesen Raum mit dem Namen eines griechischen Tragödienschreibers mit geschaffen, der zum Diskutieren anregen soll, an dem Amateurtheater einen Raum und interkulturelle Begegnungen stattfinden sollen. Nicht nur beruflich hat sich Michelle Bray einiges aufgebaut in der Stadt, auch privat. Seit Kurzem hat sie einen Hundewelpen. Der Gedanke an eine Familiengründung ist nicht mehr allzu fern, Bautzen hätte ihrer Ansicht nach eine gute Größe, um die Pläne zu verwirklichen. Und doch – zum Jahresende verlässt die 31-Jährige erst das Thespis Zentrum und schließlich auch Bautzen.

Reppe & Partner Immobilien
Reppe & Partner Immobilien
Reppe & Partner Immobilien

Bietet Ihnen das komplette Rundum-sorglos-Paket für Ihr Immobilieneigentum.

Noch gut erinnert sich Michelle Bray an die Entscheidung, nach Bautzen zu kommen. Das Theater hatte sie damals überzeugt: „Das Haus, die Bühne, die Ausstattung – das hat mich begeistert.“ Sie kam, weil sie die Stadt schön fand – und viele ihrer Freunde in Berlin leben. Anders, als von ihrem vorherigen Wohnort Aachen aus, konnte sie die nun bei einem Tagesausflug besuchen. Außerdem gab es einen Job, an dem sie wachsen konnte: Beworben hatte sie sich als Schauspielerin, eingeladen wurde sie als Puppenspielerin. Als sie das erzählt, huscht ein kurzes Lächeln über ihre Lippen. „Du kannst es ja lernen“, hieß es damals. Und das machte sie dann auch.

Es klingt so positiv. Und doch: Das Bild, das sie von der Stadt hat, hat sich gewandelt. Michelle Bray, in Rheinland-Pfalz geboren, hat griechisch-amerikanische Wurzeln. Ihr dunkles Haar lockt sich, die Haut ist nicht so blass, wie das der meisten anderen Bautzener. Für sie ein Grund, weshalb sie sich nicht mehr so wohl fühlt, wie sie es einst tat. „Ich habe Bautzen damals als offen wahrgenommen“, erzählt sie. Von Anfang an schauten Leute hinter ihr her, doch sie habe das als „Verwirrung“ verstanden. Schließlich, so sagt sie, „gibt es in Bautzen nicht so viele People of Color“, und benutzt den Begriff, den viele verwenden, die sich als nicht-weiß definieren und mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt haben.

Michelle Bray verschränkt die Hände, blickt kurz aus dem Fenster. Dann sagt sie: „Lange habe ich versucht, das auszublenden. Irgendwann ging das nicht mehr.“ Als Mensch mit anderer Hautfarbe als weiß, so erlebt sie es, „wird man in Bautzen konstant beobachtet.“ Und zwar so eindringlich, dass sie sich nicht mehr wohlfühlt. Auch auf Tagungen habe sie Dinge erlebt, die ihr missfallen. So ärgerte es sie sehr, als auf einer das Wort „Nigger“ benutzt und nicht richtig eingeordnet wurde.

„Wir alle sind Rassisten“, sagt sie. Jeder Mensch ordnet in Schubladen, das erzeugt ein Gefühl von Sicherheit. Das Entscheidende sei der Umgang damit. „Wir müssen lernen, die Schubladen wieder zu öffnen“, sagt sie. Es dürfe nicht passieren, dass sich niemand traue, etwas zu sagen. Dabei ganz wichtig: Kritik sachlich vermitteln. Denn der Vorwurf, etwas Rassistisches gesagt zu haben, wird oft als Angriff aufgefasst.

Lange ist Michelle Bray gegen Rassismus vorgegangen. Hat sich zum Ziel gesetzt, Denkstrukturen aufzubrechen, Menschen einen Spiegel vorzuhalten. Hat antirassistische Theaterarbeit betrieben, und das mit Erfolg: Mit Jugendlichen probte sie Romeo und Julia und führte das Stück auf. Bray tat, was ihrer Ansicht nach im deutschen Theater oft fehlt: Sie besetzte farbenblind. „Ich durfte nie eine Julia spielen, weil ich nicht wie eine aussehe“, sagt sie. In dem Stück, in dem sie Regie führte, spielte ein geflüchtetes Mädchen die tanzende Julia. Sie ließ einen Teil des Stücks unübersetzt auf Arabisch stehen; zeigte dem Publikum, wie es ist, ausgeschlossen zu sein. In einer Welt, in der die Sprache fremd ist.

In dem Stück stand auch der Junge, der heute als King Abode und Intensivtäter bekannt ist, gemeinsam mit Jugendlichen aus Deutschland und anderen Ländern auf der Bühne. „Ich habe positive Erfahrungen mit ihm gemacht“, sagt Bray, und spricht dabei langsam. Ein talentierter Schauspieler sei er gewesen. Sie reibt sich mit den Händen übers Gesicht, verharrt ein paar Sekunden in dieser Stellung, sagt dann: „Abode ist ein klassisches Beispiel von: Da ist Integration ‚schief gelaufen‘. Seitdem er in den Medien ist, hat er hier nirgends wieder eine Chance.“ Zu viele Dinge haben eine Rolle gespielt. Dass er ganz alleine in Deutschland ist, sei da nur ein Aspekt von vielen. „Wenn Leute von Integration sprechen, dann meinen sie oft Assimilation“, sagt Michelle Bray. „Sich integrieren“ – die Formulierung sei so ein Beispiel. „Das ist doch schade. Da verpassen wir wertvolle Einflüsse aus anderen Kulturen.“ Dennoch weiß auch sie, dass es Grenzen gibt. Regeln, die ihr wichtig sind – wie Gleichberechtigung.

Wo sie nun hingeht oder wie es beruflich für sie weitergeht, das weiß Michelle Bray noch nicht. Sie zieht die Schultern hoch, lacht. „Vielleicht baue ich mit meinem Freund einen Bauwagen aus.“ Fest steht vor allem eines: Die Rolle derjenigen, die in Bautzen gegen Rassismus kämpft, wird sie nicht mehr spielen. Ihre Kräfte sind aufgebraucht. „Wenn ich mich selber in Mauern befinde, kann ich die Arbeit nicht mehr leisten“, sagt sie. „Man muss mit allen reden. Aber nicht mehr ich.“