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Leubnitzer Hotel als Asylunterkunft?

Die Stadt will im Wyndham Garden fast 1 000 Asylbewerber unterbringen. Ein Gutachten stellt die Pläne nun infrage.

© Norbert Neumann

Von Tobias Wolf

Nein, Ausländerfeindlichkeit stehe nicht hinter dem Gutachten zum Hotel Wyndham Garden, betont Rechtsanwalt Martin Hanicke. Im Auftrag von unmittelbaren Nachbarn des Leubnitzer Hotels habe seine Kanzlei Hanicke & Gerbes die Stellungnahme verfasst. Die Stadt plant, in dem Leubnitzer Hotel künftig knapp 1 000 Asylbewerber unterzubringen. Das hatte unter den Anwohnern bereits im Dezember Proteste ausgelöst.

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„Bei 50 Leuten hätte keiner ein Problem, die sind locker zu integrieren, 100 gingen auch noch, aber 1 000 sind zu viel“, fast Hanicke die Position seiner Mandanten zusammen, für die er spricht. „Das würde die umliegenden Anwohner überfordern.“ Das Wyndham Garden liege in einem kleinteiligen Wohngebiet, dessen Sozialstrukturen sich über Jahrzehnte entwickelt hätten, so Hanicke. Dabei sei der Befund unabhängig von der Nationalität der möglichen künftigen Bewohner. „Selbst wenn 1 000 Jugendliche plötzlich hier in einem Lehrlingswohnheim leben sollten, wäre der Effekt derselbe“, so Hanicke.

Das Gutachten konzentriert sich allein auf baurechtliche Fragen. Demnach könne es Beeinträchtigungen durch mehr Lärm, mehr Verkehr und durch Konflikte mit Anwohnern geben, sollten die Flüchtlinge kommen. Der ursprüngliche Bebauungsplan habe eine Linie von Altleubnitz bis zur Tornaer Straße als Wohngebiet vorgesehen: kleine Häuser in einer offenen Bebauung und durchzogen von Grün, erklärt Hanicke. Schon das Hotel sei deshalb nur mit reduzierter Belegung und Zimmerzahl genehmigt worden, damit die angrenzende Wohnbebauung nicht gestört wird. Bei einer anderen Nutzung als Asylunterkunft kehre man diesen Grundsatz um und führe ihn ad absurdum.

Mit dem Einzug von knapp 1 000 Flüchtlingen würde die Zahl der Unterkunftsbewohner die der Anwohner bei Weitem übersteigen. Spricht man auf der Straße mit Anwohnern, hört sich das so an: „Das ist eine Riesensauerei, so viele auf dieser Fläche“, sagt Rolf Schütze. Der 71-Jährige wohnt direkt neben dem Hotel und wirft der Stadt eine verfehlte Politik vor. „In Prohlis hat man ganze Wohnblöcke abgerissen, die für die Unterbringung von Asylbewerbern viel günstiger wären“, sagt er. „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber nicht hier.“ Geht es nach dem Rentner, sollte in das Hotel kein einziger Flüchtling einziehen, junge Männer schon gar nicht.

Ramona Luderer betreibt in Sichtweite des Wyndham Garden eine Wellness-Tagesfarm und fürchtet um ihre Zukunft als Selbstständige, auch, weil sie noch einen Kredit für ihr Geschäft abbezahlen muss. „Vor allem ältere Kunden haben mir angekündigt, nicht mehr herzukommen, wenn das Hotel mit Flüchtlingen belegt ist“, sagt die 59-Jährige. „Da kann mich der Oberbürgermeister auch gleich enteignen oder er gibt mir Geld, damit ich die nächsten drei Jahre überlebe.“ 90 Prozent ihrer Kunden seien Frauen, die sich bald nicht mehr hertrauen würden.

Aus dem Rathaus heißt es, dass eine Anmietung des Hotels zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorgesehen ist. Dies sei angesichts der Zahlen der derzeit ankommenden Flüchtlinge nicht erforderlich, sagt Stadtsprecher Kai Schulz. Deshalb gebe es kurzfristig auch keine Stellungnahme zum Gutachten der Anwälte. „Wir werden die Hinweise selbstverständlich prüfen, sollten in Zukunft Verhandlungen mit den Besitzern des Hotels wieder aufgenommen werden“, so Schulz. Natürlich könne sich die Situation ändern, da die Stadt wie alle anderen Institutionen keine Prognosen über die zu erwartenden Flüchtlinge hat.

Nicht jeder in Leubnitz teilt die Meinung, dass möglichst keine Flüchtlinge im Hotel wohnen sollten. Man löse das Problem nicht, indem man die Asylbewerber nicht vor seiner Haustür haben will, sagt Björn Helm. „Ich kann zwar verstehen, dass 1 000 Leute auf einen Schlag für viele erschreckend sind“, sagt der 33-jährige Familienvater. „Aber irgendwo müssen die Menschen untergebracht werden.“ Das Hotel sei allemal besser geeignet und biete auch ein Stück weit Privatsphäre, als es in Turnhallen, Zelten oder Containerdörfern möglich ist, die erst für Millionen Euro gebaut werden müssen. „Eigentlich ist Dresden gut aufgestellt, um damit umzugehen“, sagt Helm. „Wenn jeder Hundertste Dresdner einen Flüchtling bei sich zu Hause aufnehmen würde, gäbe es das Unterbringungsproblem auch nicht.“ Er selbst habe ein freies Zimmer, was er zur Verfügung stellen würde.