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Wo einst Weigangs Buchhalter über den Zahlen schwitzten

Das Haus am Taucherfriedhof wird saniert. Bald dreht sich dort wieder alles ums Geld.

Von Christoph Scharf

Es rattert. Es rumpelt. Es staubt. Lange genug hat er ja gedauert, der Dornröschenschlaf an der Löbauer Straße. Jahrelang hat sich für das große gelbe Klinkerhaus an der Einfahrt zum Taucherfriedhof kein Investor gefunden. Nachdem das Gelände des einstigen Bautzener RFT-Werks an das Unternehmen Philipps gegangen war, wollte man das Gebäude sogar abreißen. Was sollte man in den 90ern auch tun mit einem Haus, das früher wohl mal als Wohnheim für RFT-Lehrlinge diente?

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Die Druckerei der Gebrüder Weigang an der Löbauer Straße um 1900. Das Kontorhaus steht an der linken Ecke, daneben schließt sich der Taucherfriedhof an. Bei der Abbildung ist allerdings etwas künstlerische Freiheit dabei. Abbildung: Museum Bautzen
Die Druckerei der Gebrüder Weigang an der Löbauer Straße um 1900. Das Kontorhaus steht an der linken Ecke, daneben schließt sich der Taucherfriedhof an. Bei der Abbildung ist allerdings etwas künstlerische Freiheit dabei. Abbildung: Museum Bautzen

So blieb der markante Bau über Jahre lang leer stehen. Auch als der Industriekomplex an die Firma „Let me repair“ überging. Die hatte zwar auch keine Verwendung für das Eckgebäude. Aber sicherte immerhin das Dach, so dass es nicht reinregnete. „Deshalb ist das Haus trotz des langen Leerstands in verhältnismäßig gutem Zustand“, sagt André Bratsch. Der Steuerberater hat das Haus gekauft und im Oktober mit der Sanierung begonnen. Nun steht das Gerüst. Im Innern dröhnen Elektrohämmer, mit denen der alte Putz abgehackt wird. Der Bauschutt rumpelt durch eine Röhre in den bereitgestellten Container.

Der 35-Jährige will das Haus nicht nur sanieren, sondern auch wieder mit Leben füllen. Und dabei bekommen die Räume sogar fast wieder ihre alte Funktion zurück. Denn vom Erdgeschoss bis zum 2. Obergeschoss wird künftig wieder viel gerechnet – allein zweieinhalb Etagen belegt die Steuerkanzlei von André Bratsch, die bislang auf zwei verschiedene Standorte in Bautzen verteilt ist. Und Zahlen spielten dort schon vor 100 Jahren die Hauptrolle. Denn Fachleuten ist das Gebäude als das Kontorhaus der Druckerei von Otto Weigang bekannt. An der Löbauer Straße stellte das Unternehmen mit zeitweise mehr als 800 Mitarbeitern kunstvolle Ausstattungen rund um die Zigarrenkiste her, Verpackungen und Etiketten. Ein Teil der einstigen Produktionshallen blieb erhalten. Einst gehörten allerdings deutlich mehr Gebäude zum Ensemble der Chromolithografischen Anstalt zwischen Taucherfriedhof und Fichtestraße, die schon von Weitem an ihrem hohen Schornstein zu erkennen war. Und es hätte wohl nicht viel gefehlt, dass auch das Haus der Buchhalter abgerissen worden wäre – schließlich wusste keiner der letzten Besitzer etwas mit dem dreistöckigen Gebäude anzufangen.

Das ist nun anders. André Bratsch kann jeden Raum gebrauchen. Erdgeschoss, ersten Stock und die Hälfte des zweiten belegt seine Steuerkanzlei, die dafür die angemieteten Räume an Kirchplatz und Paulistraße verlässt. Die andere Hälfte des zweiten Stockwerks belegt ein Rechtsanwalt, der sich auf Erbrecht spezialisiert hat – und am Eingang des bekanntesten Bautzener Friedhofs wohl keinen schlechten Standort hat.

Der Steuerberater dagegen schätzt vor allem die Möglichkeit, Parkplätze für seine Kundschaft direkt am Haus anbieten zu können. Bislang hat nicht mal der Chef selbst einen eigenen Stellplatz vor der Kanzlei am Kirchplatz. Nur drei Stunden am Stück darf er sein Auto dort stehen lassen – obwohl er ein gesamtes Haus neben dem Taxistand gemietet hat. „Die Parkplatz-Situation ist in der Kreisstadt sehr, sehr schwierig“, sagt der gebürtige Bautzener, der mittlerweile in Dresden lebt.

Doch etwas muss sich der Steuerberater noch gedulden. Anfang Mai soll die Sanierung unter Regie des Dresdner Architekten Markus Kremtz und der Firma Hochkirch-Bau beendet sein. Bis dahin werden Dach und Fenster des Kulturdenkmals gemacht, innen sind Heizung, Sanitär, Elektrik und Putz dran. Fachleute haben im Treppenhaus schon alte Farbschichten freigelegt. „Daran wollen wir uns bei der Gestaltung orientieren. Selbst die Toiletten bleiben künftig auf halber Treppe. Das entspricht dem historischen Vorbild – und spart Platz für die Büroräume. Die Fassade selbst wird erst später gemacht. Die Klinker sind zwar gut erhalten, nicht jedoch die Sandstein-Verzierungen. Die kommen später dran. Mit dem Dornröschenschlaf ist es an der Löbauer Straße definitiv vorbei – pünktlich, bevor nächstes Jahr der 100. Todestag von Otto Weigang begangen wird.