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Wo ist das Brüllen im Zoo?

Viele Jahre hat er die Geschichte und Geschicke im Zoo Hoyerswerda beeinflusst: Dr. Werner Jorga.

Auch im Ruhestand lebt Werner Jorga seine Tierliebe weiter aus und hält Kontakt. Sei das nun bei ihm zuhause oder im Zoo.
Auch im Ruhestand lebt Werner Jorga seine Tierliebe weiter aus und hält Kontakt. Sei das nun bei ihm zuhause oder im Zoo. © Foto: Angela Donath

Von Angela Donath

Ein Hoyerswerdaer, der weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt ist, darf in unserer Reihe „Was macht eigentlich?“ auf keinen Fall fehlen: Dr. Werner Jorga. Von 1984 bis 2008 stand er in Hoyerswerda als Synonym für den hiesigen Zoo. Er war während dieser langen Zeit Direktor der beliebten Hoyerswerdaer Freizeitoase. Dr. Werner Jorga ist es maßgeblich zu verdanken, dass der einstige Hoyerswerdaer Tierpark sich stolz „Zoo“ nennen darf. 

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„Das war zu Pfingsten 1994. Die Urkunde erhielt ich aus den Händen des damaligen Regierungspräsidenten Dr. Helmut Weidelehner. Der Ernennung war viel, vor allem wissenschaftliche, Arbeit vorausgegangen. Aber diese hatte sich für die Stadt gelohnt.“ Dr. Werner Jorga setzte in dieser Einrichtung nicht nur die Arbeit seiner Vorgänger, des Begründers Günter Peters und des nachfolgenden Direktors Dr. Hans-Dieter Hohmann, fort. Die Ernennung zum Zoo war zugleich auch Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit der vielen Hoyerswerdaer, die in den Jahren nach 1957 in zahllosen, freiwilligen Arbeitseinsätzen, ehrenamtlich und unentgeltlich, diesen Tierpark erschufen.

Besuch bei Professor Grzimek

Geboren ist Werner Jorga 1943 in Pethau bei Zittau, in Neusalza-Spremberg wuchs er auf. „Ich bin eigentlich in der Natur groß geworden“, sagt er heute mit einem Lächeln. Früh hatte er so seine Liebe zur Natur, vor allem zur Tierwelt, entdeckt. Stets konnte er diese Liebe, unterstützt vor allem vom Vater, weiterentwickeln.

Im Jahr 1957 hatte sich der damals 13-jährige Werner Jorga in einem Brief an Professor Bernhard Grzimek, den weltbekannten Direktor des Zoos Frankfurt am Main, gewandt. Er wollte den Frankfurter Zoo kennenlernen, hatte er geschrieben. Unterstützt vom „Hilfswerk Berlin“ wurde ihm dieser Wunsch erfüllt, Grzimek lud ihn für drei Wochen ein. Mit seinem Wissen über Tiere verblüffte Werner Jorga aus der Oberlausitz nicht nur den bekannten Wissenschaftler. Er begeisterte auch die Leser der Frankfurter Rundschau. In einem Beitrag hieß es: „Werner aus der Ostzone bummelt durch den Tiergarten.“ Gelobt wird immenses Wissen und das Interesse des 13-Jährigen. Zeitungsleser spendieren zwei Zehnmarkscheine. Neben vielen Eindrücken und einem großen Kenntniszuwachs, nimmt Werner Jorga nach diesen drei Wochen zwei Schildkröten, Zigarren für den Opa, Zigaretten für den Vater, Ölsardinen für die Oma und Schokolade für die Mutti mit nach Hause.

Der Anfang seiner wissenschaftlichen Laufbahn schien gemacht, doch ohne Umwege ging es auch bei Werner Jorga nicht in der damaligen DDR. Er erlernte den Beruf des Tierpflegers, absolviert Praktika im Cottbuser Zoo, studiert an der Humboldt-Uni in Berlin, wird Diplom-Biologe, arbeitet im Tierpark in Erfurt und kommt schließlich nach Bad Liebenwerda, wo er zehn Jahre in der Wasserwirtschaft arbeitet. „Sie schauen so fragend? Das war interessant! So wie die Chemiker die Wasserqualität mit ihrer Wissenschaft erforschen, macht das der Biologe anhand der Tierwelt. Aufschlussreiche Indikatoren werden so entdeckt.“ Drei weitere Jahre in der Lausitz schlossen sich an, in den er als Kurator im Zoo Cottbus arbeitete. Hier war er den geliebten Tieren wieder nahe. Und er hatte seine Doktorarbeit geschrieben und verteidigt.

1984 trat Dr. Werner Jorga im Hoyerswerdaer Tierpark die Nachfolge von Dr. Hans-Dieter Hohmann, der als Zoodirektor nach Dresden gegangen war, an. Beide Männer verbindet noch immer eine Freundschaft, man besucht sich, telefoniert und schreibt. Über Jorgas Jahre als Zoodirektor ist viel geschrieben worden. Er kann auf beeindruckende Zuchterfolge verweisen, macht sich und damit Hoyerswerda mit Publikationen einen Namen. Gemeinsam mit der Biologie-Fachberaterin und späteren Schulleiterin des Lessing-Gymnasiums Ortrun Böhme wird die Zooschule gegründet. Die Stadtkinder sollen hier an die Tierkunde herangeführt werden. Dr. Werner Jorga hatte wohl sein frühes Zoo-Erlebnis, im nun unerreichbaren, Frankfurt/Main nicht vergessen. Viele, viele Besucher aus Nah und Fern kommen in den Hoyerswerdaer Zoo, bei gutem Wetter zeugen lange Warteschlangen von der Beliebtheit der Einrichtung. Familien mit Kindern besuchen das Tropenhaus, bestaunen die Riesenschlangen, die Krokodile, die riesigen Galapagos-Schildkröten, die Bären, die Löwen. Und es gibt nun die enge Zusammenarbeit mit dem 1991 gegründeten Verein der Tiergartenfreunde Hoyerswerda. Die fast 400 Mitglieder leisten praktische Arbeit und sammeln Spendengelder in unglaublicher Höhe. Das schafft Spielraum für die Weiterentwicklung des Zoos und ermöglicht Freiräume für wissenschaftliche Arbeit in der Einrichtung. Für die Ergebnisse seiner Fischotter-Forschung wird Jorga im Jahr 1999 der „Heinz-Sielmann-Ehrenpreis“ verliehen. Alles hier Genannte stellt nur eine kleine Auswahl dar, alles trägt aber maßgeblich die Handschrift von Dr. Werner Jorga. Der brennt für seine Tiere und für seinen Zoo.

„Ich habe nicht alles verstanden“

Im Jahr 2008 geht er in den Ruhestand. „Was danach kam, tat mitunter weh.“ Der Zoo ist seit 2011 nicht mehr selbstständige Kultureinrichtung der Stadt, er gehört zur Zoo, Kultur- und Bildung Hoyerswerda gGmbH. „Klar muss sich ein Zoo wandeln und weiterentwickeln, klar muss man sich von Liebgewordenem trennen. Aber ich habe nicht alles verstanden. Die Kudus sind weg, die Schopfmangaben, die Zuchtgruppe der Rappenantilopen. Und überhaupt – die Löwen! Ein Zoo ohne Löwen ist kein Zoo! Das Brüllen gehört dazu!“ So empfindet das Dr. Werner Jorga.

Froh ist er hingegen über die Besetzung der Leiterstelle in der Einrichtung. Das war nicht immer so. „Aber, Eugéne Bruins“, der Holländer, wie Jorga sagt; „ist ein guter Mann. Der packt das. Er kommt immer mal vorbei, dann werden wissenschaftliche Gespräche unter Männern geführt. Und es gibt gemeinsame Rundgänge im Zoo. Ich nehme dann den E-Roller. Die Beine wollen nicht mehr so und so ein E-Fahrzeug ist leise. Da störe ich die Tiere nicht.“

Eine Leidenschaft ohne Ende

Während wir reden, schweift der Blick durch das gemütliche Wohnzimmer der Jorgas. Da sind lustige Enkelfotos, viele Erinnerungsstücke – und sehr viel bezeugt hier die große Leidenschaft für Tiere. Die Bücher in den Regalen, die Kissen auf der Couch und natürlich das große Aquarium mit den wundervollen Süßwasserfischen, den farbenfrohen Barben und natürlich den Diskus-Fischen. Ihre Form erinnert wirklich an das Sportgerät. „Das ist der König der Süßwasseraquaristik“, meint Werner Jorga stolz. Bei der Pflege des Aquariums hilft ihm die Leiterin der Zooschule Silke Kühn. „Sie kommt regelmäßig vorbei und darüber bin ich sehr froh“, sagt er.

Langeweile hat Dr. Jorga keineswegs. „Ich lese viel, recherchiere wissenschaftliche Beiträge im Internet und ich publiziere auch gerne. Seine Beiträge finden Eingang in Fachzeitschriften, aber auch in regionale Bücher. Er schrieb mehrfach für das Oberlausitzer Hausbuch, jetzt für den Heimatkalender und „habe auch jetzt gerade wieder was in petto“.

Eine sehr persönliche Frage zum Schluss. Dr. Jorga ging 2008 in Pension. Kurze Zeit später übernahm seine Frau Regine die Geschäftsführung der Lausitzer Ölmühle in Hoyerswerda und rettete dem Unternehmen und den Mitarbeitern so die Zukunft: „Wie fühlt sich das an, wenn man selbst zuhause ist?“ Dr. Jorga überlegt ein wenig und sagt dann: „Nun, das ist nicht ganz so einfach für mich. Meine Frau arbeitet sehr viel, aber ich habe sehr große Hochachtung vor ihrer Arbeit.“

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