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Wo sind all die Menschen hin?

Der Kreis Görlitz hat seit 1990 Tausende Einwohner verloren. Doch inzwischen tut sich einiges gegen diesen Trend.

Von Ingo Kramer

Die neuesten Zahlen der Statistiker klingen alles andere als erfreulich. Bis 2030 verliert die Lausitz etwa 36 Prozent ihrer arbeitsfähigen Bevölkerung. Das steht zumindest in einer Studie, die das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung vorige Woche vorgestellt hat. Allerdings gelten solche Prognosen nicht für alle Orte im gleichen Maß. Während ländliche Regionen im Norden und Süden des Kreises immer mehr ausbluten, sieht es in der Stadt Görlitz noch vergleichsweise gut aus. Die SZ stellt die wichtigsten und interessantesten Erkenntnisse für den Landkreis Görlitz vor.

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Drastischer Bevölkerungsrückgang in den vergangenen zwei Jahrzehnten

Dass viele Menschen dem Landkreis seit dem Mauerfall den Rücken gekehrt haben, ist keine neue Erkenntnis. Ein besonders drastisches Beispiel ist die Stadt Weißwasser, wo sich seit 1990 die Einwohnerzahl von einst etwa 35 500 halbiert hat (-50,78 Prozent). Doch wenn man sich die neuesten Bevölkerungszahlen anschaut, die das Statistische Landesamt jetzt für den Stichtag 30. Juni 2013 veröffentlicht hat, traf es auch andere Städte und Gemeinden sehr heftig. Auf Platz zwei liegt mit Seifhennersdorf (-43 Prozent) ein Ort im Süden des Kreises. Auch auf den weiteren Plätzen der Negativstatistik folgen ausschließlich Orte im Süden: Zittau (-37 Prozent), Ostritz (-36,5 Prozent), Ebersbach-Neugersdorf (-35,5 Prozent) und Löbau (-32,5 Prozent).

Allerdings gibt es auch Gewinner: Von der Flucht der Menschen aus den größeren Städten profitierten die unmittelbaren Nachbarn, allen voran das Schöpstal. Dort gibt es ein Plus von 20,5 Prozent. Knapp dahinter folgt Gablenz mit knapp 18 Prozent Zuwachs. Doch noch vier weitere Gemeinden im Kreis haben heute mehr Einwohner als 1990: Weißkeißel (15 Prozent), Trebendorf (14 Prozent), Markersdorf (12 Prozent) und Sohland am Rotstein (zwei Prozent).

Görlitz als größte Stadt im Kreis liegt mit 29,5 Prozent Verlust übrigens ziemlich nah am Gesamtkreis, der auf ein Minus von 28,8 Prozent kommt.

Ursachen liegen vor allem in der wirtschaftlichen Entwicklung

Auch das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sieht die Zukunft der Region nicht gerade rosig. Die Forscher sehen die Ursachen für den Bevölkerungsrückgang vor allem in der wirtschaftlichen Situation. In dem Buch „Die demografische Lage der Nation“ wird Sachsen als „Musterland mit Sorgen“ bezeichnet. Dort heißt es: „Je weiter die Kreise von den Metropolen entfernt liegen, umso mehr verlieren sie.“ Ein Ende oder gar eine Umkehr dieser Entwicklung sei nicht zu erwarten: „Dazu müssten ausgerechnet in den peripheren Regionen neue Arbeitsplätze entstehen.“

Hinzu kommt, dass im Landkreis weitaus mehr Menschen sterben als geboren werden. Zwar sind die Geburtenzahlen seit dem absoluten Tiefpunkt im Jahr 1994 wieder deutlich gestiegen. Trotzdem kommen nach wie vor nur etwa halb so viele Babys auf die Welt wie vor 1980. „Kindermangel und Abwanderung junger Menschen beschleunigen die Alterung der Gesellschaft“, heißt es in dem Buch. Für die Stadt Görlitz gilt vor allem Ersteres: Seit einigen Jahren ziehen wieder mehr Menschen in die Kreisstadt als aus ihr weg. Trotzdem sinkt die Einwohnerzahl nach wie vor – einzig und allein deshalb, weil deutlich mehr Menschen sterben als geboren werden.

„Schließung“ einzelner Dörfer könnte eine Konsequenz sein

In seiner im September erschienenen Publikation „Vielfalt statt Gleichwertigkeit – Was Bevölkerungsverlust für die Versorgung ländlicher Regionen bedeutet“ diskutiert das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung zahlreiche Konsequenzen der Schrumpfung. Dabei denken die Wissenschaftler in zwei entgegengesetzte Richtungen. Einerseits schlagen sie vor, Grundschulen auf dem Lande zu erhalten und Dorfläden zu fördern, damit die dörflichen Regionen für junge Familien und auch für ältere Menschen attraktiv bleiben.

Auf der anderen Seite ist für die Forscher auch die „Schließung“ einzelner Dörfer kein Tabu. „Das kommt infrage, wenn die Abwanderung sehr stark und die Versorgung bereits unzureichend ist“, heißt es in der Publikation. Einerseits kosten Schließung, Umsiedlung und Rückbau viel Geld, aber andererseits sei auch das Aufrechterhalten einer Infrastruktur für immer weniger Anwohner sehr teuer und werde künftig noch preisintensiver werden.

Görlitz kämpft seit Jahren

gegen den Rückgang an

Schon seit vielen Jahren gibt es in der Görlitzer Stadtverwaltung eine Mitarbeiterin, die sich um den Zuzug von Menschen kümmert. Jeder, der sich an die Stadt wendet, weil er sich mit solchen Gedanken trägt, erhält ein Paket mit Infos zugeschickt. Doch während der frühere OB Joachim Paulick dabei vor allem Rentner im Auge hatte, die in Görlitz Geld ausgeben, aber keinen Job mehr brauchen, will der neue OB Siegfried Deinege alle Generationen anziehen. Die Wohnungsbaugesellschaft (WBG) hat zudem jahrelang mit der Aktion Probewohnen Auswärtige für eine Woche in die Innenstadt gelockt – natürlich immer in der Hoffnung, dass sie sich für einen Umzug nach Görlitz entscheiden. Zudem haben WBG, Stadtwerke und Verkehrsbetriebe vor einem Jahr ein Begrüßungspaket mit diversen Vergünstigungen für neue Einwohner geschnürt. Davon sind inzwischen gut 100 Stück ausgereicht worden.

Blick über die Neiße: Auch die Zgorzelecer werden immer weniger

Im Schrumpfen vereint ist die Europastadt. Allerdings stieg die Einwohnerzahl von Zgorzelec nach der Wende zunächst an und erreichte 1994 den Höchststand für die gesamte Zeit seit 1946: 36 766 lebten damals in Zgorzelec. Seither geht die Zahl kontinuierlich zurück und erreichte Ende vergangenen Jahres mit 31 481 ihren vorläufigen Tiefststand seit 1994. Auch dort sterben deutlich mehr Menschen als geboren werden. Auf ein Wort