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Wohnen und Arbeiten in der Obstkelterei

Die Villa im Lockwitzgrund ist fertig saniert. Wo einst Saft und Wein gemacht wurden, heilen Ärzte jetzt Augenleiden.

© steffen füssel, steffen fuessel

Von Nora Domschke

Der Glanz früherer Zeiten kehrt zurück ins Lockwitztal. Das Hauptgebäude der ehemaligen Saftkelterei der Familie Donath – vor zwei Jahren noch Ruine – wurde im vergangenen Jahr saniert. Nun ist die Villa neues Domizil einer Augentagesklinik. Die Ärzte Tobias Riedel und Matthias Müller-Holz haben ihre Räume mit viel Technik ausstatten lassen. Praxis und OP-Bereiche erstrecken sich auf drei Etagen. Zudem gibt es drei Wohnungen, von denen eine bereits vermietet ist.

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Dort, wo jetzt der Graue Star behandelt wird, befand sich einst das Herzstück der Saftkelterei. Die Villa mit der Fachwerkkonstruktion wurde als Verwaltungsgebäude genutzt, in den oberen Etagen befanden sich schon damals Wohnungen. Hinter der Villa gab es ein Laborgebäude, das derzeit noch unsaniert ist. Gründer der Obstpresse war Emil Donath, der 1893 das Kelterverfahren erstmals industriell anwandte. Damit konnte er Fruchtsäfte haltbar machen. Sein Süßmost aus Johannisbeeren, Äpfeln und Kirschen wurde zum Renner. Die Nachfrage stieg, die Kelterei in Laubegast wurde 1906 zu klein. Der Umzug in den Lockwitzgrund folgte. Zur gleichen Zeit ging die Lockwitztalbahn in Betrieb – das Tal wurde zum Industriestandort.

Gut besucht war auch die Obstweinschenke, die Donath in der Villa und im Garten einrichtete. In den 1930er-Jahren übergab Emil Donath das florierende Geschäft an seine beiden Söhne, die die Marke weiter etablierten: Obstweine und Moste wurden nach ganz Europa und sogar in die USA verschickt. Zur Lagerung der Getränke wurde 1933 ein Stollen in den Berg gehauen, ab 1945 diente der als Bunker und Luftschutzkeller für die Lockwitzer.

Nach dem Krieg wurden die Donaths enteignet, doch das Geschäft mit dem Obstsaft ging erfolgreich weiter – als volkseigener Betrieb (VEB) Lockwitzgrund. Noch heute ist der Schriftzug am Gebäude zu lesen. Der VEB sorgte gut für seine Mitarbeiter: So entstanden unter anderem eine Kindertagesstätte und ein Speisesaal. Die benachbarte Fabrikantenvilla Blischke oberhalb des Fußballplatzes wurde als Klub- und Freizeithaus genutzt. Die Dresdner kamen in die Kelterei, um dort gesammeltes Obst abzugeben. Saft und Wein gab es dafür zum Vorzugspreis.

Heute ist das Gelände in viele kleine Grundstücke aufgeteilt, die einzelnen Gebäude haben verschiedene Besitzer. Falk Bernhardt, Geschäftsführer der Schloss Borthen GmbH, ärgert sich heute darüber. Er hatte die heruntergekommene Villa, ein benachbartes Mehrfamilienhaus und eine Fläche mit mehreren Hallen 2006 aus der Konkursmasse von Donaths Enkel Dietrich erworben. Für den Kauf der gesamten Anlage fehlte damals der Mut. „Ich wollte mich nicht übernehmen, schließlich kostet die Sanierung viel Geld“, sagt Bernhardt.

Geld, das seine Nachbarn offenbar nicht haben. So bieten das ehemalige Laborgebäude, der alte Speisesaal und das VEB-Pförtnerhaus derzeit noch einen traurigen Anblick. Mittendrin erstrahlt Donaths einstige Schaltzentrale nun in frischem Beige. Etwa ein Jahr dauerten die Bauarbeiten, sagt Planerin Gertrud Czichon. Und die hatten es in sich: Größte Herausforderung war der Umbau der Räume in hochmoderne Untersuchungs- und Operationssäle. Dort sind schwere medizinische Geräte untergebracht. „Die alten Holzdecken mussten erhalten bleiben“, so Czichon. Sie wurden nun mit Brandschutzdecken verstärkt.

Unter Denkmalschutz stehen auch die beiden Wandgemälde, die die Hausseite zur Lockwitztalstraße verzierten. „Eines befand sich an einem DDR-Anbau, den wir abgerissen haben“, erklärt Czichon. Also wurde die Hauswand kurzerhand herausgesägt und von Restauratoren aufgearbeitet. Bei den beiden Bildern handelt es sich um sogenannte Sgrafitti, eine alte Putztechnik, bei der das Bild in den feuchten Wandputz gekratzt wird. Jetzt empfängt das sozialistische Propaganda-Bild des fleißigen Arbeiters Patienten und Bewohner der Villa am neu gebauten Parkplatz.