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Wolf reißt Reh am Dorfrand von Ellersdorf

Haben die Wölfe die Scheu vor den Menschen verloren? Ein Jäger findet es wichtig, solche Risse zu dokumentieren. Doch das ist nicht so einfach.

Keine 50 Meter von einem Spiel- und Bolzplatz in Ellersdorf entfernt, fanden Anwohner das Reh, das offenbar von Wölfen gejagt und dann gefressen wurde.
Keine 50 Meter von einem Spiel- und Bolzplatz in Ellersdorf entfernt, fanden Anwohner das Reh, das offenbar von Wölfen gejagt und dann gefressen wurde. © privat

Sohland. Oliver Piske ist seit einigen Jahren Jagdpächter in Sohland/Spree im Bereich Ellersdorf. In der Nacht zum vergangenen Freitag ereignete sich am Ortsrand von Ellersdorf ein Wolfsriss, bei dem ein Reh unmittelbar vor der Haustür der Anwohner gerissen und gefressen wurde. Darüber wurde er als Jäger informiert. Und er versuchte, dies dokumentieren zu lassen.

„Eigentlich ist solch ein Wildtierriss nichts Besonderes“, sagt Piske. Aber in diesem Fall war das Tier doch schon sehr nahe an der Wohnbebauung und einem Spielplatz, und das ließ dem Jäger – und auch den Anwohnern – keine Ruhe. „Dieses Verhalten finde ich extrem unnatürlich. Der Respekt vor menschlichen Siedlungen ist verloren gegangen“, sagt Piske. Also versuchte er, jemanden zur Begutachtung zu bewegen, um eindeutig feststellen zu können, ob es ein Wolf oder sogar mehrere waren. Doch das war gar nicht so einfach.

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Da sich im Landratsamt niemand zuständig fühlte, informierte der Jagdpächter die Polizei. Die wiederum – welch eine Ironie – rief ihn als den zuständigen Jäger an. Auch der Jagdverband fühlte sich nicht zuständig. Der meinte, der Rissgutachter vom Kreis könnte dies beurteilen. Zuletzt erinnerte sich Oliver Piske an einen Wissenschaftler vom Senckenberg-Museum in Görlitz. Der hatte über das Wolfsmonitoring mal einen Vortrag in Sohland gehalten. Am Montag war Paul Lippitsch dann vor Ort, konnte allerdings keine genetische Probe mehr nehmen. „Wenn ich das am Freitag gewusst hätte, wäre ich sofort gekommen“, sagt der Wissenschaftler. Denn für ihn ist die Dokumentation von Wolfsrissen, -sichtungen, Kot- oder Fellspuren wichtig für ein grenzübergreifendes Projekt mit Tschechien, das gemeinsam mit der landwirtschaftlichen Universität Prag seit Oktober 2017 läuft. „Es geht um die Wolfspopulation entlang der Grenze vom Zittauer Gebirge bis zum Vogtland“, erklärt Lippitsch. Hand in Hand arbeitet man hier auch mit dem Institut für Wolfsmonitoring und -forschung, Lupus. Doch da dieses seinen Sitz in Spreewitz hat, sind die Görlitzer eher dran an Cunewalde, dem Hohwald und der sächsisch-böhmischen Schweiz.

Frage der Dokumentation

Im Fall von Ellersdorf deute vieles auf einen Wolfsriss hin. Auch die Vermutung, dass es mehrere Wölfe gewesen sind, die das Reh gejagt und dann gefressen haben, könne stimmen, sagt Paul Lippitsch. Nachweisen könne man so etwas aber nur innerhalb der ersten 24 Stunden. „Ich finde es total schade, dass hier die Ämter nicht eine einheitliche Regelung herausgeben“, sagt Oliver Piske. Schließlich gehe es doch um die Dokumentation und das Wissen, ob sich denn auch in Cunewalde oder der Nähe von Sohland Wölfe angesiedelt haben.

Im Landratsamt beruft man sich auf eine Bekanntmachung im Amtsblatt von 2016. Demnach sind die Jagdausübungsberechtigten, also Jäger, im Freistaat Sachsen verpflichtet, Wahrnehmungen von Wölfen – dazu gehören auch offensichtliche Risse von Wild – in den Revieren über das sächsische Wildtiermonitoring elektronisch der Jagdbehörde zu übermitteln. „Bei unklaren Funden und frischen Rissen kann und soll möglichst der nächste verfügbare Wildtierbeauftragte hinzugezogen werden, um den Fund zu dokumentieren. Die Kontaktdaten sind den Kreisverbänden und Hegeringen bekannt“, sagt Sarah Günther von der Pressestelle des Kreises. Oliver Piske findet es schade, dass er solch eine Antwort nicht im Landratsamt bekam. „Kein Wunder, wenn die Jäger nichts mehr melden“, sagt er.