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„Es fehlt die positive Stimmung in Sachsen“

Riesas Ex-OB Wolfram Köhler lebt in den USA – und beschäftigt sich trotzdem mit der anstehenden Landtagswahl.

Darauf ist Riesas Ex-OB Wolfram Köhler ganz besonders stolz: Die Sachsenarena in Riesa. 1999 wurde sie eröffnet, 8600 Quadratmeter groß, Fassungsvermögen bis zu 13000 Zuschauern. Das Foto entstand im Vorjahr bei einem Besuch Köhlers in Riesa.
Darauf ist Riesas Ex-OB Wolfram Köhler ganz besonders stolz: Die Sachsenarena in Riesa. 1999 wurde sie eröffnet, 8600 Quadratmeter groß, Fassungsvermögen bis zu 13000 Zuschauern. Das Foto entstand im Vorjahr bei einem Besuch Köhlers in Riesa. © Sebastian Schultz

Herr Köhler, wie geht es Ihnen und Ihrer Familie in Florida?

Sehr gut, danke. Wir sind gerade von einem längeren Deutschland-Urlaub zurück, haben die Familie und Freunde besucht. Vor allem wollten wir unserer Tochter, die gebürtige Amerikanerin ist, das Land ihrer Herkunft näherbringen. Bei euch war es ja heißer als hier in Florida.

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Sie haben seit vier Jahren die US-Staatsbürgerschaft, die deutsche aber behalten. Dürfen Sie am 1. September in Sachsen wählen?

Nein, da wir ja nicht mehr in Sachsen wohnen. Wir könnten bei einer Bundestagswahl wählen.

Sie sind immer noch sehr gut vernetzt mit den politischen Akteuren im Landkreis Meißen und besonders in Riesa. Wie schätzen Sie mit Blick über den Atlantik den Wahlkampf aktuell ein?

Ich sehe gar keinen richtigen Wahlkampf. Wo sind denn die Programme? Was wollen die Akteure denn genau umsetzen? Was haben die Wahlkämpfer denn einzubringen?

Die AfD gab es noch nicht, als Sie OB von Riesa waren. Wie erklären Sie sich den Aufstieg der Partei auch und besonders im Landkreis Meißen?

Die CDU hat es verpasst, auf die Leute zu hören. Die Bürger des Landes wollen bestimmte Entwicklungen nicht. Man hätte ihnen vielleicht erklären können, weshalb dieses und jenes dennoch gemacht werden muss. Das hat die CDU aber nicht getan. Jetzt wundert sie sich, dass sie so viel an Zuspruch verliert. Vor allem an die AfD. Die CDU muss sich um diese vielen Leute wieder kümmern, sonst sind sie für immer weg und bleiben bei der AfD.

Ministerpräsident Michael Kretschmer versucht das ja, oder?

Wenn man sein Engagement und seine Vor-Ort-Aktivitäten sieht, kann ich das nur bejahen. Kein Ministerpräsident war so oft in den Wahlkreisen wie Michael Kretschmer. Andere Themen, wie die Aufhebung der Sanktionen gegenüber Russland. sehe ich skeptischer. Mag sein, dass viele Sachsen ebenso denken. Aber sie wissen auch, dass Kretschmer das überhaupt nicht ändern kann. Das ist nicht seine Baustelle und dann läuft man Gefahr, dass es nur wie Wahlkampf wirkt.

Gibt es vielleicht sogar Parallelen zu Donald Trump in den USA?

Pararallen zur AfD ziehen, ist nicht richtig. Man kann das Zwei-Parteien-System der USA nicht mit dem deutschen und Trump nicht mit der AfD vergleichen. Trumps Wahlsieg war ja für die Deutschen unfassbar, für die Amerikaner nicht. Das hat auch etwas mit Berichterstattung zu tun und das Verstehen der Sprache. Sicher werden die Reden von Trump richtig übersetzt, aber der wirkliche Kern des Gesagten und der Hintergrund werden in der Übersetzung oft nicht deutlich. Das ist ein Sprachproblem, was auch in der EU existiert. Das gab es bereits in der Bibel. Der Turmbau zu Babel scheiterte ja daran.

Wie schätzen Sie die Chancen Ihres Parteifreundes Geert Mackenroth gegen den AfD-Mann Carsten Hütter ein?

Schwer zu sagen. Mackenroth hat sicher einen Fehler gemacht, als er Gregor Gysi in seine Talkrunde eingeladen hatte und nicht Friedrich Merz oder Wolfgang Bosbach. Doch viele AfD-Wähler glauben etwas zu wählen, was gar nicht da ist. Denn sie lesen die Wahlprogramme nicht. Sie merken dann gar nicht, dass etwas geplappert wird, was überhaupt nicht umsetzbar ist. Ich bin mit vielem in der CDU nicht einverstanden, aber das ist kein Grund auszutreten. Wir brauchen die Erneuerung von innen.

Sie sind noch CDU-Mitglied?

Ja, im Stadtverband Riesa, und ich zahle noch ordentlich Beitrag.

Schaffen es die anderen drei CDU-Direktkandidaten mit Matthias Rößler an der Spitze?

Sie haben alle ihre Chance. Landtagspräsident Matthias Rößler mit seinem Amtsbonus sicherlich die größte.

Reizt es Sie vielleicht, hier wieder mitzumachen und zu zeigen, wie es richtig geht?

Ich habe kürzlich in Leipzig mit Freunden und Bekannten über Olympia gesprochen. Es gibt ja Überlegungen in dieser Richtung in Hamburg und auch in Berlin. Auch Leipzig wäre ein Kandidat, das jetzt Voraussetzungen hat, die es früher nie gab. Aber solche Ideen fehlen in Sachsen heute. Es wird über Migration und Pegida gestritten, aber nicht über das, was die Sachsen stolz machen könnte.

Es fehlt an einer positiven Stimmung. Heute meint man, man kann nicht mehr stolz sein, auf das, was uns umgibt. Da ist auch Angst dabei. Doch der Wähler ist immer bereit, mitzugehen, wenn ihn eine neue Idee überzeugt.

Sie meinen Ideen, wie den Bau der Erdgasarena in Ihrer Zeit in Riesa oder die sächsische Olympiabewerbung?

Ja, das meine ich. Die Erdgasarena ist die billigste Halle, die jemals in Deutschland gebaut wurde. Eisenach will heute eine Halle mit 4000 Sitzplätzen bauen. Sie soll 48 Millionen Euro kosten. Die Erdgasarena hat sieben Millionen Euro gekostet für 13. 000 Stehplätze, die zum Beispiel bei AC/DC, Elton John und Rammstein auch alle ausverkauft waren. Vielleicht ist sie heute so preiswert nicht mehr baubar, aber fürs Doppelte sicher. Wenn man das nur will. Oder was machen wir aus dem Erzgebirge mit seinen kulturhistorischen Schätzen? Viel zu wenig.

Dresdens Bewerbung als Kulturhauptstadt 2025, die Meißen unterstützen will, ist das eine Chance?

Ja. Das ist schon mal was. Aber noch besser ist es, viel weiter über den Tellerrand zu schauen. Jemanden in Barcelona oder Sevilla zu erklären, wie hübsch Dresden ist, das geht schon. Nur es hebt dort kaum jemanden an. In Atlanta aber schon. Dresden ist vielleicht die schönste Stadt Deutschlands. Damit müssen wir in Asien punkten, in Australien und in den USA.

Das Gespräch führte Ulf Mallek.

Der Macher von Riesa

Wolfram Köhler (51), geboren im Templin, war Liedermacher in der DDR, siedelte Ende 1987 zusammen mit seiner ersten Frau Katharina Stengel in die Bundesrepublik über, wo er bei einem Privatsender in Ludwigshafen arbeitete.

Mit der Wiedervereinigung von 1990 kehrte er nach Sachsen zurück und war in Riesa in verschiedener Funktion als Dezernent, Beigeordneter und 1. Bürgermeister tätig. 2001 wurde er mit 78 Prozent zum Oberbürgermeister gewählt. Er erhielt das Image eines Machers.

Nachdem er die Idee einer sächsischen Olympiabewerbung mitentwickelte, wurde er von Frühjahr bis Herbst 2003 zum Staatssekretär in der Staatskanzlei von Ministerpräsident Milbradt für die Leipziger Olympia-Bewerbung 2012 ernannt. Er wurde von dieser Position wegen verschiedener Provisions-Vorwürfe wieder abberufen.

Köhler lebt seit über elf Jahren in Florida. Hier betrieb er mit seiner Frau Franziska zunächst einen Kindergarten und einen Uhrmacherbetrieb.

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