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„Wusste nicht, was ich mit dem Laden machen sollte“

Günter Weidemann rettete 1992 die Glastechnik und viele Arbeitsplätze. Jetzt erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

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Günter Weidemann, der Gründer und Geschäftsführer der Schollglas Unternehmensgruppe‚ erhielt das Bundesverdienstkreuz. Dem Festakt im Haus der Region in Hannover wohnten zahlreiche Wegbegleiter aus Wirtschaft und Politik bei – darunter der frühere niedersächsische Wirtschaftsminister Walter Hirche – sowie Regionspräsident Hauke Jagau. „Es ist eine Verbeugung vor dem, was Sie geleistet haben“, würdigte der Regionspräsident das Lebenswerk des Unternehmers.

Günter Weidemann rettete 1992 die Glastechnik Lommatzsch.
Günter Weidemann rettete 1992 die Glastechnik Lommatzsch. © Claudia Hübschmann
Der Unternehmer erhielt jetzt das Bundesverdienstkreuz.
Der Unternehmer erhielt jetzt das Bundesverdienstkreuz. © Claudia Hübschmann

Weidemann ist es maßgeblich zu verdanken, dass es die es Firma Schollglas in Lommatzsch gibt. Vor mehr als 30 Jahren weilte er zum ersten Mal in der Stadt. Damals wollte er mit dem ehemaligen VEB Glastechnik Lommatzsch, einem Betrieb des Flachglaskombinates Torgau, und mit den Vertretern des damaligen Außenhandelsbetriebs Glas/Keramik Berlin wirtschaftliche Beziehungen anbahnen. Bereits zuvor hatte er erfolgreich Geschäfte mit einer ganzen Reihe von Betrieben des Torgauer Kombinats getätigt.

Sein Wissen und seine Markterfahrung auf internationalem Parkett waren die Voraussetzung, um den damals technisch rückständigen, volkseigenen Betrieb überhaupt in die Lage zu versetzen, marktgerechte Produkte zu exportieren. Dies war für den VEB Glastechnik Lommatzsch besonders wichtig, da ein Teil der erwirtschafteten Devisen zur Anschaffung dringend benötigter Produktionstechnik eingesetzt werden konnte. Durch diese wirtschaftlichen Kontakte gab es, trotz bestehenden Außenhandelsmonopols, auch wichtige persönliche Kontakte zwischen ihm, den Vertretern der Schollglas Barsinghausen und den Vertretern des VEB Glastechnik Lommatzsch.

Für viele ehemalige volkseigene Betriebe kam 1990 das wirtschaftliche Ende. Die Reprivatisierung der nunmehr gegründeten Glastechnik GmbH Lommatzsch Mitte 1990 sollte durch einen international tätigen Glaskonzern erfolgen, scheiterte jedoch im Frühjahr 1992. Der Konzern hatte wohl erst den erheblichen Investitionsrückstau in der Glastechnik Lommatzsch GmbH erkannt. Der Kaufantrag wurde von einem Tag zum anderen zurückgenommen. Rückblickend befand sich damals die Glasindustrie in ihrer kritischsten Phase. Der Erhalt des traditionsreichen Produktionsstandorts schien kaum mehr möglich.

Es gab keinerlei Konzept

Um die Gesellschaft zu retten, nahm man nach der Privatisierungsabsage des Konzerns kurzfristig mit Günter Weidemann, dem Geschäftsführenden Gesellschafter der Schollglas GmbH Barsinghausen, Kontakt auf. Ziel war, ihn zur Übernahme des Betriebes zu bewegen. Der Wunsch der Verantwortlichen der Glastechnik GmbH auf die Privatisierung kam für ihn völlig unerwartet. Es gab keinerlei Konzept, um das um seine Existenz ringende Unternehmen von der Treuhandanstalt Berlin zu kaufen. Trotzdem begann Weidemann umgehend mit Gesprächen in Barsinghausen und mit Besuchen von Vertretern der Schollglas Barsinghausen in Lommatzsch zur Rettung des Unternehmens.

Nach nur vier Wochen stellte er den Antrag zum Kauf der Glastechnik GmbH Lommatzsch an die Treuhandanstalt Berlin. Er garantierte gegenüber der Treuhandanstalt Berlin eine Investitionssumme in Höhe von zehn Millionen Mark und den Erhalt von mindestens 50 Arbeitsplätzen in Lommatzsch. „Ich wusste nicht, was ich mit dem Laden machen sollte. Ich fühlte in diesem Augenblick eine gewisse moralische Verpflichtung“, schreibt er später in einem Buch.

Am 1. Juni 1992 kaufte er das Unternehmen von der Treuhandanstalt Berlin. In den nächsten Monaten wurden die veralteten Fabrikanlagen abgerissen und ein neuer Produktionsstandort aufgebaut. Bereits im August 1993 war mit der Inbetriebnahme der Einscheiben-Sicherheitsglasfertigung die grundlegende Rekonstruktion abgeschlossen.

„Günter Weidemann sicherte damit vielen Menschen aus Lommatzsch und dem Umland einen Arbeitsplatz und eine Zukunftsperspektive“, sagt die Lommatzscher Bürgermeisterin Anita Maaß (FDP), die zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes die Laudatio hielt. „Das war eine motivierte Mannschaft, die da vor dem Aus stand, viele rechtschaffende, hart arbeitende Leute. Da kann man nicht einfach sagen: Es ist mir egal, was mit euch und eurem Betrieb geschieht“, so Günter Weidemann.

Rückblickend auf die über 20-jährige Entwicklung des Glasstandorts Lommatzsch hat sich das Unternehmen Schollglas Lommatzsch in Deutschland zu einem anerkannten Spezialbetrieb für Sicherheitsglas und Flachglasveredelung entwickelt. Die 1992 gegebenen Zusagen zu Investitionen und dem Erhalt von Arbeitsplätzen wurden um ein Mehrfaches übertroffen. Die Mitarbeiterzahl hat sich seit 1992 mehr als verdoppelt, auf 129 im Jahr 2015. Schollglas ist damit der größte Arbeitgeber im Ort.

Mut und ein feines Gespür

„Nicht unerwähnt bleiben darf, dass er mit seiner Entscheidung zum Produktionsstandort Nossen im Jahr 2001 auch maßgeblich die Entwicklung der wirtschaftlichen Region im Raum Meißen beeinflusste. Hier wurden weitere Arbeitsplätze in Größenordnung für die Region geschaffen“, so Anita Maaß. Der Schollglas-Chef sei in der Vergangenheit in Lommatzsch nicht nur unternehmerisch tätig gewesen. Er unterstütze auch Lommatzscher Vereine finanziell, beispielsweise den Lommatzscher Carnevals Club mit persönlichen Spenden. „Günter Weidemann hat als Unternehmer bereits zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung Deutschlands zu den Persönlichkeiten gehört, die ohne Zögern auch die wirtschaftliche Basis für eine gelingende deutsche Einheit legten. Er gründete insgesamt sechs Unternehmen auf dem Gebiet der neuen Bundesländer, die alle immer noch erfolgreich am Markt tätig sind“, würdigt die Lommatzscher Bürgermeisterin den Bundesverdienstkreuz-Träger.

„Wer Chancen ergreifen will, braucht ein feines Gespür und den Mut, den eigenen Weg zu verfolgen“, sagte Günter Wei-demann beim Festakt.

Die Schollglas Unternehmensgruppe hat heute über 20 Produktionsstätten, Beratungs- und Vertriebsbüros mit rund 1 600 Mitarbeitern, davon rund 1 000 in Deutschland, und zählt zu den führenden unabhängigen Glashandels- und Glasveredlungsunternehmen in Europa. (SZ/jm)