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Zehnmal Elite für Dresden

Beim bundesweiten Exzellenz-Wettbewerb hat sich die Technische Universität durchgesetzt. Doch wie profitiert sie von den zusätzlichen Millionen?

© Steffen Unger

Rafael Barth

Es war, als hätte die TU Dresden den Jackpot geknackt. Im Juni vorigen Jahres gehörte die größte Hochschule des Landes zu den Siegern der Exzellenz-Initiative des Bundes und der Länder. Dank der Auszeichnung steigt die Uni auf zu einer der elf besten in Deutschland; der Titel hebt sie in einen Kreis der Hochschulen von Berlin, München, Tübingen. Vor allem aber kann die TU 135 Millionen Euro zusätzlich ausgeben. Das Geld wird nicht gleichmäßig verteilt. An der Uni gibt es Gewinner und solche, die vom Glanz der Exzellenz kaum etwas abbekommen. Auf der internationalen Bestenliste aller Hochschulen steht die Dresdner Universität derzeit auf Platz 262. Und bis zu ihrem Ziel, in die Top 100 vorzurücken, ist es noch weit. Zehn Thesen:

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Eine Analyse der Sächsischen Zeitung, basierend auf Aussagen des Rektorats, von Institutsdirektoren, Studentenvertretern in Foren und Gesprächen sowie in Dokumenten.

Zehn Thesen

Forschung erhält einen kräftigen Schub.

Zwei große Forschungsverbunde werden nun gefördert. Sie suchen nach Lösungen für die Elektronik der Zukunft sowie nach regenerativen Therapien. Mit knapp 70 Millionen Euro werden Professoren und Nachwuchsforscher sowie neue Geräte finanziert. Außerdem fließt Geld in ein internationales Doktorandenprogramm der Biomedizin. Rund 250 Wissenschaftler schreiben ihre Dissertation unter besonders guten Bedingungen.

ABER:

Die meisten Fächer gewinnen gar nichts. Das Geld kommt ausgewählten Forschungsthemen aus Technik und Medizin zugute. Das Etikett „Exzellenz-Universität“ ist daher irreführend: Nicht die Uni als Ganzes wird exzellent, sondern starke Bereiche werden noch stärker.

Absolventen bekommen bessere Jobs.

Ein prima Zeugnis aus einer namhaften Hochschule wirkt als Karrieremotor. International renommierte Wissenschaftler öffnen nicht nur neue Horizonte, sondern auch Türen, etwa zu Praktikums- und Arbeitsplätzen. Doktoranden und Nachwuchsforscher profitieren fächerübergreifend von der neuen Graduiertenakademie der TU. Hier werden sie fit gemacht für Spitzenpositionen in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.

ABER:

Da die meisten Fächer nicht unmittelbar gewinnen, werden die meisten TU-Absolventen kaum schneller Arbeit finden als bislang. Der Status „Exzellenz-Universität“ steht nicht auf dem Zeugnis.

Mehr Geld kommt jetzt an die Uni.

Mit dem Exzellenz-Titel bekommt die TU insgesamt 135,4 Millionen Euro. Eine enorme Summe in Zeiten, wo überall gespart wird. Mit dem Geld fällt es der Hochschule leichter, bei Unternehmen, Stiftungen und anderen Geldgebern um Drittmittel zu werben.

ABER:

Die Förderung wird im Zeitraum von 2012 bis 2017 ausgezahlt. Rein rechnerisch erhält die TU damit jährlich etwa 22,5 Millionen Euro. Diese Summe klingt deutlich bescheidener, gemessen an einem Haushalt, der im vorigen Jahr 491 Millionen Euro umfasste. Und: Die Uni ist bereits gut darin, Drittmittel einzuwerben: 46 Prozent des letzten Haushalts stammten aus zusätzlich eingeworbenem Geld.

Neue Gebäude und bessere Ausstattung für den Campus.

Die sächsische Regierung belohnt die Elite-Uni mit einem beschleunigten Bau- und Sanierungsprogramm: Statt in zehn werden in fünf Jahren 250 Millionen Euro in TU-Gebäude investiert. Die ausgezeichneten Forschungsverbunde bekommen neue Geräte, darunter Analysetools, Elektronenmikroskope und Zentrifugen. Zusätzlich will die Uni im Förderzeitraum 6,6 Millionen Euro für Kleingeräte und Materialien ausgeben.

ABER:

Die Exzellenz-Millionen werden in Köpfe investiert, nicht in Beton. Die Neu- und Umbauten verwirklicht das Land mit eigenem Geld, welches sie ohnehin ausgegeben hätte. Und das reicht bei Weitem noch nicht. Für die Sanierung aller Gebäude und genügend Platz fehlen 600 Millionen Euro.

Es gibt jetzt mehr Personal an der Uni.

Können alle Stellen im Elite-Projekt besetzt werden, bekommt die Hochschule bis zu 400 zusätzliche Mitarbeiter. Zudem hat das Land die TU bis 2016 von Personalkürzungen verschont. Dadurch sind 94 Stellen vorerst gerettet. Etwa zehn neue Top-Professoren sollen eingestellt werden. Welche Fächer sie vertreten, steht noch nicht fest, Hauptsache, sie sind spitze. Es gibt 1300 Bewerbungen aus aller Welt. Zusätzlich profitieren die Wirtschaftswissenschaften von einer neuen Professur. Fünf weitere gibt es für die Zukunfts-Elektronik.

ABER:

Trotzdem muss die TU Stellen ab- oder umbauen: 224 bis zum Jahr 2020. Das liegt an geschrumpften Landeszuschüssen genauso wie am eigenen Wunsch, sich neuen Fachgebieten zuzuwenden.

Die Lehre wird dank dem Titel besser.

Die neuen Professoren und Gastwissenschaftler geben ihr Wissen an den Nachwuchs weiter. Da es sich um international renommierte Forscher handelt, steigt auch das Niveau der Ausbildung.

ABER:

Die Fördermillionen von Bund und Land dienen der Spitzenforschung, nicht der Lehre. Deshalb hat die große Masse der Studenten nichts von dem Prestige-Titel. Wer Jura, Architektur oder Germanistik studiert, bekommt kaum etwas ab von den Vorteilen der Auszeichnung.

Die ganze Stadt profitiert.

Ein Blick auf die deutsche Exzellenzlandkarte zeigt: Im Osten ist keine andere Hochschule so erfolgreich wie die TU. Die Auszeichnung stärkt Dresden als Wissenschaftsstandort. Wo der Transfer von der Wissenschaft in die Wirtschaft gelingt, entstehen neue Patente, Geschäftsideen, Firmen und Arbeitsplätze. Internationale Spitzenkräfte bringen mehr Leben nach Dresden.

ABER:

Menschen, die mit Wissenschaft und Technik nichts weiter zu tun haben, profitieren bestenfalls langfristig von der Spitzen-Uni.

Das Arbeitsklima an der TU verbessert sich.

Wer exzellente Bedingungen vorfindet, dem macht die Arbeit mehr Spaß. Weil die Uni mehr kluge Köpfe anlockt, profitieren die Forscher von einem anregenden Umfeld. Besonders Frauen sollen bessere Chancen bekommen: Dank einem Programm für Gastprofessorinnen erlebt der weibliche Nachwuchs Vorbilder für eine eigene Karriere in der Wissenschaft.

ABER:

Vom Elite-Status profitieren einzelne Fächer. Andere müssen sogar Stellen für die neuen Fachbereiche opfern. Konkurrenz und Neid unter den Fächern nehmen so zu. Es fallen selbst solche Professuren weg, die von den Exzellenz-Arealen nicht weit entfernt sind, darunter die für Wissenschaftstheorie und für Technikphilosophie. So entsteht der Eindruck: gefördert wird, was der Markt verlangt.

Das Image der Universität wird jetzt aufpoliert.

Als eine von elf deutschen Unis kann sich Dresdens größte Hochschule als „exzellent“ bezeichnen. Das Etikett erleichtert es erheblich, um kluge Köpfe, Kooperationspartner und Geld zu werben. Die TU wird nicht nur für den deutschen Nachwuchs attraktiver. Die Zahl der Studienbewerber aus dem Ausland ist im Vergleich zum Vorjahr um 18 Prozent gestiegen.

ABER:

Der Titel nützt dem Ruf nichts, wenn der Alltag an der TU alles andere als exzellent ist, weil die Verwaltungssoftware nicht wie geplant läuft: unbezahlte Rechnungen zum Jahresanfang, fehlende Verträge für Mitarbeiter zum Semesterbeginn oder die automatische Exmatrikulation aller 37.000 Studenten aufgrund eines weiteren Computerproblems.

Die TU macht das Studium leichter.

Um fit für die Zukunft zu sein, gibt die TU gut 60 Millionen Euro aus. Die 14 Fakultäten werden zu fünf Bereichen zusammengefasst. Dadurch soll gespart und über Fachgrenzen hinweg geforscht werden. Mit dem Zukunftskonzept verbessern sich die Studienbedingungen. Geplant sind mehr fächerübergreifende Angebote und Selbsttests für die bessere Studiengangswahl.

ABER:

Das Zukunftskonzept dient vorrangig dem „Ausbau der universitären Spitzenforschung“, wie der Untertitel verrät. Zwar sollen alle Studenten von einer neuen Software profitieren, die sie vom Studienbeginn bis zur Exmatrikulation und auch danach begleitet. Allerdings ist nicht absehbar, wann es die Software gibt. Der Studentenrat kritisiert, dass seine Rechte in der neuen Struktur schrumpfen.

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