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Zittau hat Deutschlands günstigste Mieten

Vom billigen Wohnraum in der Stadt profitieren nicht nur Studenten. Die Kehrseite sind ausbleibende Investitionen.

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Von Mario Heinke

Zwei Jahre hat Anne Koal im Wohnheim gelebt. Die 23-Jährige studiert in Zittau Wirtschaftsingenieurwesen im vierten Semester. Im Februar war es nun soweit, dass sie zu ihrer Kommilitonin Josefine Dreger in die Zittauer Innenstadt ziehen konnte. Ihr neues Zimmer ist größer als das im Wohnheim und die Lage im Zentrum nur wenige Schritte von der Hochschule entfernt ist für sie perfekt. Die Kosten in der Wohnung sind nicht viel höher, rund 40 Euro zahlt die aus Marienberg stammende Studentin jetzt mehr. Dafür hat sie ihre Ruhe und hat sich aussuchen können, mit wem sie zusammen wohnt. Das ist im Wohnheim anders. Die Kaltmiete liegt pro Quadratmeter noch 30 Cent unter dem Zittauer Durchschnitt von 4,30 Euro.

Ihre Mitbewohnerin Josefine Dreger kam bereits im Oktober 2012 aus Bitterfeld-Wolfen nach Zittau. Nach einem Telefonat mit der Immobilienmaklerin hat sie sich damals an einem Tag drei Wohnungen angeschaut und sich gleich für die 78 Quadratmeter große Zweiraumwohnung im Stadtzentrum entschieden. Das denkmalgeschützte Haus hat einen schönen Innenhof mit Wiese, Grill- und Wäschetrockenplatz. „Von hier ist alles zu Fuß erreichbar, deshalb habe ich mein Auto abgemeldet“, erzählt Anne Koal. Mit der anteiligen Warmmiete von 235 Euro für jeden, inklusive Internet, Telefon und Strompauschale leben die beiden Studentinnen in der Stadt vergleichsweise luxuriös, denn Zittau hat noch billigeren Wohnraum zu bieten. Maklerin Cornelia Marter von Tri-Immobilien bestätigt, dass die Vermieter sehr flexibel sind, um ihre Wohnungen an den Mann oder die Frau zu bringen. So habe sie erst kürzlich eine Dreiraumwohnung vermittelt, die für einen Quadratmeterpreis von 3,45 Euro weggegangen ist. Teilweise würden Vermieter sogar die Kaltmiete senken, weil die Heizkosten ständig ansteigen.

Eine Studie bestätigt nun, was längst gängige Praxis ist. Die bundesweit niedrigsten Mieten in Städten ab 25 000 Einwohner werden derzeit bei Neuvermietungen in Zittau, Görlitz und dem thüringischen Gera mit 4,30 Euro pro Quadratmeter verlangt. Das geht aus dem Wohnindex des Marktforschungsunternehmens F+B hervor. Nirgendwo in Deutschland leben zudem die Studenten günstiger als in Zittau. Das hat die Studentenzeitung Unicum bei einer Umfrage ermittelt. Demnach muss ein Zittauer Student knapp 605 Euro im Monat für seinen Lebensunterhalt ausgeben. Die günstige Miete fällt dabei deutlich ins Gewicht. In Zittau kostet sie durchschnittlich 179 Euro im Monat. Am teuersten ist ein Studium im Großraum Bodensee und Stuttgart.

Von den günstigen Mieten profitieren nicht nur die Studenten, sondern alle Menschen, die es in die Stadt verschlägt. Ganz davon abgesehen, dass die Auswahl bei den Maklern in der Stadt riesengroß ist. Lediglich bei den Einraumwohnungen ist das Angebot nicht ganz so groß.

Paula Schrötter gehört seit September zum neuen Ensemble am Gerhart-Hauptmann-Theater. Die 27-Jährige hat zuvor in Zürich gelebt. In Zittau gebe sie nur ein Viertel dessen aus, was sie in der Schweiz für das Wohnen bezahlt hat, erklärt die Schauspielerin. „Das ist unschlagbar günstig hier“, so die Neu-Zittauerin. Sie muss es wissen, weil sie außer in Zürich auch schon in Dresden, Leipzig und Hildesheim gewohnt hat. Trotzdem sei man nicht am Ende der Welt, weil Zittau bei Gastronomie und Kultur mehr zu bieten habe als beispielsweise Hildesheim, so Frau Schrötter.

Die Ursachen für das Mieterparadies sind hinlänglich bekannt: Während in den Ballungszentren der Republik Wohnungsmangel herrscht, hat Zittau ein Überangebot an Wohnraum. Der damit einhergehende Wettbewerbsdruck auf die Vermieter resultiert vor allem aus der seit zwei Jahrzehnten anhaltenden Abwanderung, gepaart mit der demografischen Entwicklung. Grundbesitz rechnet sich nicht immer für Hausbesitzer. Das ist die Kehrseite der Medaille. Investitionen in Immobilien bleiben aus, die Grundstückspreise sind im Keller, deshalb verfallen noch immer Häuser in der Stadt. Erst wenn sich die schlechte Einkommenssituation verbessert, werden die Mieten wohl wieder steigen.