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Zu den Schlössern ins Hirschberger Tal

Der Schlesien-Tourismus wandelt sich. Görlitzer Reiseanbieter wollen davon profitieren.

Von Ines Eifler

Schlesien, das ist etwas für Vertriebene, die ihre Heimatorte wiedersehen möchten, die Bilder aus ihrer Kindheit mit der Wirklichkeit abgleichen oder erfahren möchten, was aus ihrem Dorf geworden ist. Oder nicht? Ist das alles Klischee? Sind die „alten Schlesier“ nicht längst ausgestorben oder zumindest weniger viel unterwegs als noch vor 20 Jahren?

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Tilman Brandt hatte jedenfalls erst vor zwei Jahren die Idee, genau auf diese Reisenden zu setzen, die in Schlesien nach ihren Wurzeln forschen. „Meine eigenen Urgroßeltern stammten von der früheren schlesisch-polnischen Grenze“, sagt der 53-Jährige. Als er vor wenigen Jahren mit seinen Eltern dort war, dachte er sich, an sehr persönlich begleiteten Individualreisen direkt zum Heimatort müssten auch andere mit schlesischen Vorfahren Interesse haben. Seitdem ist er als kleiner Reiseveranstalter unter dem Namen „Reisehirte“ im Internet zu finden und betreibt dieses Unternehmen neben seiner Tätigkeit als selbstständiger Restaurator historischer Möbel. „Aber das Geschäft ist mühsam“, sagt er. Es gebe zwar Enkel von Schlesiern, die solche Touren für ihre Großeltern organisieren. Aber für ihn seien es zu wenige, um auch seine beiden angestellten Fahrer gut durchs Jahr zu bringen.

Deshalb bietet Tilman Brandt außerdem regelmäßige Tages- und Mehrtagesfahrten zu festen Zielen wie Breslau an und seit Kurzem wöchentliche Fahrten zu schlesischen Schlössern. Während die Görlitztouristen gern im Sommer einen zusätzlichen Tagesausflug ins polnische Schlesien buchen, richtet er sich mit den Schlössertouren jetzt im Winter eher an die Leute aus Görlitz und Umgebung. „Das Hirschberger Tal ist ja reicher an Schlössern als jede andere Region Europas“, sagt er. „Aber die meisten wissen das gar nicht.“

Viele dieser prächtigen Häuser sind in den letzten Jahren zu tollen Hotels mit Spitzenrestaurants ausgebaut worden. Elf davon fahren Brandts Kleinbusse jetzt regelmäßig an, jedes Wochenende ein anderes. Die Reisenden erwartet dort eine Führung durch das Schloss – wenn man Glück hat, sogar durch den Besitzer –, ein im Preis inbegriffenes Menü und ein Ausflug zu einer nahen Sehenswürdigkeit.

Auf den Wandel vom „Nostalgietourismus“ der 90er-Jahre zu einem Reisen nach Schlesien aus vielerlei Gründen haben andere Görlitzer Reiseveranstalter und -anbieter längst reagiert. Matthias Buchwald von „Görlitz-Tourist“ am Klosterplatz etwa sagt, das Interesse der „alten Schlesier“ reiche zwar noch in die nächste Generation, aber die Massen kämen schon lange nicht mehr. Er finde jedoch immer wieder vieles Neues, das sich in Schlesien noch entdecken lasse. Neben den „Rennern“ Riesengebirge, Hirschberger Tal und Breslau bietet er zum Beispiel für sakral Interessierte die Tour „Via Sacra“ und für aktive Touristen mehrtägige Wanderreisen an. „Das Interesse und die Neugier für Schlesien sind auf jeden Fall da“, sagt er.

Dass sich das Publikum der Schlesienreisenden verändert, merkt auch die „Carpe Diem Touristik“ in der Neißstraße. Vorrangig Senioren sind hier Kunden, manche, die vor einiger Zeit noch unterwegs waren, reisten inzwischen weniger, sagt Mitarbeiterin Romy Metzner. „Deshalb versuchen wir die Region für jüngeres Publikum zu erschließen.“ Eine Schneeschuhwanderung für Aktivurlauber sei zum Beispiel im Programm und auch Kurzurlaube mit Wellnessangeboten.

Das ist auch eine von Alfred Theisens Ideen, der die Schlesische Schatztruhe in der Brüderstraße betreibt und mit Partnern Reisen und Tagesfahrten nach Polen anbietet, aber auch Kuren vermittelt. Viele Schlesische Schlosshotels seien mit großen Wellnessbereichen ausgestattet und böten außerhalb der Saison günstigere Preise als sonst. Deshalb will Theisen demnächst auch Wellnessarrangements vermitteln und damit Leute mit harten Jobs ansprechen, die vorher vielleicht noch nie mit Schlesien zu tun hatten, sich aber nach Entspannung sehnen. Unabhängig davon ist er fest davon überzeugt, dass der Tourismus in Schlesien eine große Zukunft vor sich hat und Görlitz unbedingt davon profitiert. Er schätzt, dass „alte Schlesier“ nur noch zehn Prozent des Tourismus in diese Region ausmachen. Aber Schlesien sei „schöner als die Toskana“, Breslau werde bald Kulturhauptstadt und die Schlösser machten denen in Frankreich und Großbritannien Konkurrenz. Hat er Recht, sollten Anbieter wie der „Reisehirte“ sich keine Sorgen machen müssen.