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Zu Gast bei den Ururgroßeltern

Die Ururenkelin von Teresa Carreño und Eugen d’Albert war in Kötitz, um eine Straße einzuweihen. Das war nicht ihr erster Besuch bei den Vorfahren.

© Norbert Millauer

Von Philipp Siebert

Andächtig geht Pascale Teresita Daur durch den Salon. Ganz langsam. Bei jedem Schritt knarzen die Holzdielen. Plötzlich bleibt sie stehen. „Das kenne ich noch von früher.“ Sie zeigt auf ein kleines Schwarz-Weiß-Bild, das zwischen Dutzenden anderen hängt. Darauf sind ihre Oma Teresita und Eugen d’Albert zu sehen. „Das Bild hing über dem Bett von Oma und Opa.“ Im Schlafzimmer stand auch das Telefon, das einzige im Haus. Als 14-Jährige kauerte sie auf dem Bettrand, sprach stundenlang mit Freunden. „Das Bild hatte ich immer im Blick.“

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Pascale Teresita Daur wuchs wie andere Teenager in den 1970er-Jahren in Reutlingen bei Stuttgart auf. Stundenlang am Telefon zu hängen, ist nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich sind nur die beiden Verwandten auf dem Bild, auf das sie beim Quatschen immer blickte. Die heute 48-Jährige ist eine von fünf Ururenkeln von Teresa Carreño und Eugen d’Albert – des weltberühmten Musikerehepaars, das von 1891 bis 1895 in Coswigs Villa Teresa lebte.

Mitten im Salon steht der Flügel des Komponisten Eugen d’Albert. Behutsam streicht Pascale Teresita Daur über die leicht vergilbten Tasten. An diesem Instrument hat ihr Ururgroßvater täglich gesessen. Eine Melodie aus „Tiefland“, der Oper die Eugen d’Alberts Durchbruch war, kommt ihr plötzlich in den Sinn. Ganz leise fängt die gelernte Zahnarzthelferin an zu summen. „Seine Musik hören wir jeden Sonntagmorgen beim Frühstück.“ Die Küche in der Berliner Wohnung, in die Ururenkelin mit ihrem Mann Hans-Ulrich und den beiden Töchtern Camille Teresita und Malin Teresa wohnt, wird einmal in der Woche zum Konzertsaal ihrer Vorfahren.

Nicht zum ersten Mal ist Pascale Teresita Daur zu Gast in der Villa ihrer Ururgroßeltern. Zuletzt war die ganze Familie vor wenigen Monaten da. Andrea Oehler gab in dem kleinen Kulturzentrum ein Konzert. Natürlich mit Stücken von Eugen d’Albert. Jetzt ist sie wieder nach Coswig gekommen – um eine Straße einzuweihen. Der Weg im neuen Baugebiet Am Urnenfeld gleich um die Ecke der Villa trägt nun den Namen Eugen-d‘Albert-Straße. „Das ist eine Ehre für unsere Familie.“

An ihren ersten Besuch in der Villa kann sich Pascale Teresita Daur genau erinnern. Es ist über zehn Jahre her. Das Haus war damals noch nicht das Schmuckstück, das es heute ist. Nur der Kammermusiksaal war renoviert. Im Obergeschoss und im Park sah es noch wüst aus. „Welches Flair hier einst das Leben bestimmte, ließ sich nur noch ahnen“, sagt sie. Heute geht sie staunend durch die Räume. „Es ist toll, was aus der Villa geworden ist.“

Im Kammermusiksaal geht die schlanke Frau minutenlang hin und her. Jedes Bild an der Wand schaut sie sich genau an. Vor dem Gemälde von Teresa Carreño und Eugen d’Albert gegenüber dem Kamin bleibt sie stehen, fängt auf einmal an laut zu lachen. „Das Bild ist politisch korrekt gezeichnet“, sagt Pascale Teresita Daur. Es zeigt die Köpfe der beiden ehemaligen Hausherren. Stirn an Stirn, beide gleich groß. „Eigentlich war Teresa Carreño einen Kopf größer“, sagt sie. „Eugen musste bestimmt für den Maler auf einen Hocker steigen.“ Den Größenunterschied malerisch festzuhalten, schickte sich um 1900 nicht.

Im kleinen Raum nebenan steht ein weiterer Flügel. Ein paar Notenblätter liegen darauf. Noten lesen kann sie – „nur mit dem Spielen habe ich es nicht so.“ Natürlich hat sie versucht, in die Fußstapfen der Ururgroßeltern zu steigen. Am Klavier hat sie sich ausprobiert. Auch am Saxophon. Musizieren liegt der Deutschen aber nicht – genau wie ihren Töchtern Camille und Malin. „Diese Familientradition können wir nicht hochhalten.“

Hochhält Pascale Teresita Daur dagegen ein anderes Erbe – den Namen. „Alle Frauen in der Familie heißen Teresa oder Teresita.“ Auch ihre Töchter. „Das ist bei uns so“, sagt Pascale Daur. „Und wir machen das auch, wenn wir einmal Kinder haben“, so die 18-jährige Camille.

Und noch eine Tradition wollen Pascale und ihre beiden Töchter beibehalten: die regelmäßigen Besuche in der Kötitzer Villa. „Im nächsten Jahr kommen wir wieder.“ Dann wird Eugen d’Albert 150 Jahre alt.

Vielleicht bringen die drei dann ein weiteres Erbstück der Familie mit. Vieles haben ihre Mutter und Großmutter den Kötitzern bereits gestiftet – Fotos, Noten, Bücher. Sogar die Totenmaske von Eugen d’Albert ist inzwischen im Besitz der Villa-Stiftung.

Einige Überbleibsel findet Pascale Teresita Daur aber immer wieder im Nachlass. Alle selbst aufzuheben, macht für sie keinen Sinn. „Hier wären sie in guten Händen.“