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Zuflucht auf 45 Quadratmetern

Ebersbach-Neugersdorf nimmt Asylbewerber in Wohnungen auf. Wie sie dort leben, konnten sich Einwohner ansehen.

Von Romy Kühr

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Ein Tisch, fünf Stühle, fünf Betten, zwei Schränke. In der Küche gibt es einen Kühlschrank, eine Waschmaschine und eine Spüle. Mehr an Wohnungseinrichtung steht ihnen per Gesetz nicht zu, den Menschen, die hier bald einziehen werden. Hier, das ist eine Drei-Zimmer-Wohnung auf 45 Quadratmetern im vierten Stock eines Wohnblocks in der Ebersbacher Sachsenstraße. Einziehen soll eine fünfköpfige Asylbewerberfamilie. Um Vorurteilen vorzubeugen, haben Stadt und Landkreis Flüchtlingswohnungen jetzt für neugierige Einheimische geöffnet, bevor die ersten Bewohner kommen. Damit sie sehen können, wie die Menschen hier leben werden, dass sie wirklich nicht viel haben, erklärt Elke Glowna vom Landkreis. Sie leitet das Ordnungsamt in der Kreisbehörde, seit fast zwei Jahren gehören die Asylbewerber in ihren Zuständigkeitsbereich. Mit dieser Art der Öffentlichkeitsarbeit, sagt sie, habe man anderswo gute Erfahrungen gemacht.

Auch die Oberländer nehmen das an. Die meisten Besucher schnaufen, wenn sie oben ankommen. Nicht so eine fitte Rentnerin aus dem Oberland. Seit 1971 wohnt sie selbst in einem der Blöcke, im fünften Stock. „Das hält einen in Bewegung“, sagt die schlanke Seniorin. Aus Neugierde ist sie hergekommen. Verblüfft steckt sie den Kopf zur Badtür hinein. „Das ist ja sogar gefliest! Das hatten wir früher nicht.“ Die Fliesen hätten sie und ihre Familie damals selbst besorgt und angebracht. „Der Balkon sieht aber ganz schön mischand aus“, meint sie fast erleichtert beim Anblick von abbröckelndem Putz. Erleichtert darüber, dass tatsächlich nichts modernisiert wurde. Dass das so ist, bestätigt Andreas Stein, von der Ebersbacher Wohnungsunternehmen GmbH (EWU). Die Gesellschaft ist Eigentümer der Wohnung und zwei weiterer, die ebenfalls in Oberland-Blocks für Flüchtlinge vorgesehen sind. „Wir haben nichts extra schön oder extra hässlich gemacht, so Stein. Die Wohnung sei im Grunde so geblieben, wie sie nach dem Auszug des letzten Mieters aussah.

Der hellbraune Fußbodenbelag in Flur, Küche und Wohnzimmer sieht noch ganz gut aus, er ist in den letzten Jahren neu reingekommen. Das Muster erinnert an Laminat. In den Schlafzimmern allerdings bedeckt grauer Spannteppich aus DDR-Zeiten den Boden. Einige Risse hat er hier und da schon. Robust scheint das Zeug trotzdem zu sein, schließlich hat es 25 Jahre oder mehr und etliche Mieter überlebt. „Das war gar nicht so schlecht“, bestätigt eine Dame, ebenfalls Oberlandbewohnerin. „Das dämmt gut.“ Sie erzählt von ihren Enkeln, die öfter zu Besuch kommen. „Da geht es manchmal rund.“ Das sei für den Untermieter sicher nicht immer angenehm. Aber mit dem guten alten Spannteppich gebe es diese Probleme nicht.

Anderer Standort, gleiches Thema: eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Seifhennersdorfer Straße 7 in Neugersdorf. Sie ist für vier Leute vorgesehen, davon zeugt die Anzahl von Betten und Stühlen. Dafür gibt es eine Verwaltungsvorschrift in Sachsen, erklärt Elke Glowna vom Kreis. Pro Asylbewerber ein Tischplatz. Fernseher oder Sofa sieht die Vorschrift hingegen nicht vor. Die bekämen die Bewohner meist als Sachspenden. Bettzeug, Geschirr, Töpfe und Besteck werden die Neuankömmlinge aus ihrer bisherigen Unterkunft mitbringen. Denn sie leben bereits im Kreis Görlitz, in einem Heim. Dort haben sie ihre Erstausstattung erhalten, sagt Frau Glowna. Für den Rest der Grundausstattung ist Stefan Hasche zuständig. Mit seiner Firma richtet der Mann aus Grimma Asylbewerberwohnungen in ganz Sachsen ein. Er tritt als Generalvermieter auf, mietet die Wohnungen vom Eigentümer an, möbliert sie und vermietet sie dann an den Landkreis weiter. Damit ist seine Arbeit nicht erledigt. Einmal pro Woche sehen seine Hausmeister in den Wohnungen nach dem Rechten.

In den vergangenen Tagen haben sie Schränke, Waschmaschinen und Kühlschränke die Treppenaufgänge hochgeschleppt. Das alles ist nagelneu. Auch das erstaunt die Damen im Oberland. Gebrauchte Geräte bekomme er nicht, so Hasche. Und wenn, dann müssten sie technisch geprüft werden. „Der Aufwand ist teurer, als wenn ich neue kaufe.“ Die Möbel fertigt eine Tischlerei an. Oft verwende er für die Flüchtlingswohnungen auch ausrangierte Bundeswehrmöbel. „Aber die sind zu schwer. Die konnten wir hier nicht hoch wuchten.“ Die Frauen nicken verständig. Stefan Hasche zieht die Wohnungstür hinter sich zu. Wahrscheinlich zum letzten Mal, bevor die Bewohner kommen.

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