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Langer Fußmarsch auf der Zugreise

Vor 75 Jahren war eine Bahntour von Löbau nach Dresden eine Tagesreise. Der Grund dafür lag in den Folgen des Weltkriegs.

Mit dem Zug ging es im Juli 1945 von Seifhennersdorf über Sohland, Neustadt, Bad Schandau und Pirna mit Fußmarsch-Unterbrechungen nach Dresden. Die Seifhennersdorfer Eisenbahnfreunde bewahrten dieses Zeitdokument.
Mit dem Zug ging es im Juli 1945 von Seifhennersdorf über Sohland, Neustadt, Bad Schandau und Pirna mit Fußmarsch-Unterbrechungen nach Dresden. Die Seifhennersdorfer Eisenbahnfreunde bewahrten dieses Zeitdokument. © SZ

Nicht jeden gefällt in diesen Tagen eine Zugfahrt. Da empfinden manche die Mundschutzpflicht als lästig. Andere wiederum sind erbost, wenn sie sich plötzlich wegen einer Baustelle in einem Schienenersatzbus wiederfinden, der vom Anschlusszug unter Umständen nur noch die Rücklichter sehen lässt.

Vor 75 Jahren war man dagegen froh, wenn überhaupt ein Zug fuhr, denn das Schienennetz hatte Löcher wie ein Käse. Mit sinnlosen Brückensprengungen hatten die Nazis in den letzten Kriegstagen dafür gesorgt. Die wenigen Züge, die fuhren, waren zudem sinnlos überlastet mit Flüchtlingen, Heimatvertriebenen und Heimkehrern sowie Städtern, die Lebensmittel auf dem Lande suchten. Der Kittlitzer Ortschronist Karl-Heinz Noack schrieb von menschlichen Tragödien, die sich abspielten. "Die leidgeprüften Menschen saßen teils auf den Waggondächern oder hatten auf Trittbrettern Platz gefunden, um noch mitfahren zu können", schilderte er seine eigenen Erlebnisse.

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Wie beschwerlich es beispielsweise Ende Juni 1945 war, mit dem Zug von Löbau nach Dresden zu gelangen, offenbart eine damalige Fahrplanauskunft. Demnach verkehrte ein Zug 6.25 Uhr ab Löbau über Cunewalde nach Großpostwitz, Ankunft 7.23 Uhr. Dort hieß es aussteigen (mit hoffentlich nicht allzu viel Gepäck) und etwa 15 Kilometer nach Demitz-Thumitz marschieren. Man musste allerdings sehr gut zu Fuß sein, denn in Demitz-Thumitz fuhr bereits 11 Uhr ein Zug nach Dresden weiter, allerdings nur bis Arnsdorf, an 13.41Uhr. Hier angekommen, stand die nächste Wanderung nach Radeberg an - etwa 5 Kilometer. Für diese Strecke konnte man sich allerdings Zeit lassen, weil es in der Bierstadt erst 17.40 Uhr bis Dresden-Klotzsche weiterging. Dort endete der Zug 18.10 Uhr endgültig. Um weiter nach Dresden zu kommen, hieß es zunächst laufen bzw. danach, wenn möglich, die Straßenbahn nutzen.

Zerstörte Viadukte

Für diesen sehr besonderen Fahrplan gibt es logische Erklärungen: Der Zug musste in Löbau eingesetzt werden, da der Viadukt vor dem Bahnhof an der Zuckerfabrik am 7. Mai gesprengt worden war. Die Anfahrt von Bautzen war nicht möglich, weil der Niethener Viadukt bei Hochkirch bzw. der Spreetal-Viadukt in Bautzen dasselbe Schicksal erlitten hatten. Dass es erst in Demitz-Thumitz weitergehen konnte, war dem am 21. April 1945 gesprengten dortigen Viadukt geschuldet, der sich aus Richtung Görlitz unmittelbar vor dem Bahnhof befindet.

Nicht anders sah es auf weiteren Bahnstrecken aus. Beispielsweise zerstörte die Wehrmacht am 8. Mai den Mittelbogen des Höllengrundviadukts bei Großschweidnitz, was Auswirkungen auf die Verbindungen Löbau-Zittau bzw. Löbau-Ebersbach hatte. Das Schienennetz in der Oberlausitz wäre aber noch löchriger gewesen, wenn nicht mutige Einwohner die Sprengung zahlreicher Brücken verhindert hätten, indem sie den Dynamit entfernten. So geschehen in Obercunnersdorf oder in Seifhennersdorf.

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Etliche Wochen sollten vergehen, bis die größeren Brücken zumindest behelfsmäßig befahrbar waren. Über den Höllengrundviadukt rollte der erste Zug am 4. August 1945 wieder eingleisig. Am Löbauer Viadukt dauerte es bis November, ehe ein eingleisiges Provisorium fertig war, so der Eisenbahn-Historiker Hans von Polenz. Die zweigleisige Befahrbarkeit einiger Strecken war jedoch in weite Ferne gerückt, denn diese Schienen mussten abgebaut und als Reparationsleistungen (Wiedergutmachung für Kriegsschäden) an die Sowjetunion geliefert werden. So währte der eingleisige Zustand noch Jahrzehnte. Beim Löbauer Viadukt war er erst 1985 beendet, als laut Polenz der Lückenschluss Zoblitz-Löbau wiederhergestellt war. Fahrpläne mit „Wanderunterbrechungen“ gab es da allerdings schon lange nicht mehr.

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