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Zugunglück forderte acht Tote

Vor 25 Jahren übersah ein Lokführer ein Signal. Bei Zentendorf stieß der Zug auf einen anderen.

Von Ralph Schermann

Das Gleis zwischen Horka und Wegliniec (Kohlfurt) zählt zu den meistbefahrenen Eisenbahnstrecken in der Region. Viele kennen dieses dem Güterverkehr dienende Bahnstück, das zwischen Zentendorf und der Kulturinsel Einsiedel über eine Neiße-Brücke führt. Kurz davor schwingt sich die Straße nach Rothenburg mit einer Brücke darüber, und genau an dieser Stelle gab es am 3. Dezember 1988 ein folgenschweres Unglück: Zwei Züge stießen aufeinander.

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Weil die Katastrophe direkt an der Straßenbrücke geschah, waren Kraftfahrer die ersten Zeugen. Um 7.45 Uhr sahen Christoph S. und sein Beifahrer Sven F. das entsetzliche Bild. Die beiden Rothenburger waren mit einem Auto für den Martinshof unterwegs und fuhren sofort zum nächsten Telefon, um Hilfe zu organisieren. Auch Hans-Georg G., Fahrdienstleiter im Bahnhof Horka, wurde informiert. Er hatte das Unglück bereits geahnt. Doch um das zu verstehen, muss man den damals üblichen Ablauf kennen:

Horka war ab 1946 für den Güterverkehr zum Grenzbahnhof ausgebaut worden. Die gesprengte Neißebrücke wurde von sowjetischem Militär schnell wiederhergestellt und später ordentlich ausgebaut, blieb allerdings eingleisig. Am Kilometer 12,7 befand sich der Bahnhof Niederbielau, der als Haltepunkt Bielawa Dolna auf polnischer Seite für die Zugabfertigungen ausgestaltet wurde. Begegnungen von Zügen erfolgten immer in Horka oder in Bielawa Dolna. Weil immer nur eine Richtung befahrbar war, warteten die Gegenzüge an diesen beiden Stellen. Auch am Sonnabend, den 3. Dezember 1988, sollte der aus Polen kommende Durchgangsgüterzug TDg 45508 auf einen aus der DDR kommenden Zug in Bielawa Dolna warten. Das war der Dienstpersonenzug Dstp 2241. Solche internen Züge bestanden aus der Lok und drei Reisezugwagen und beförderten die diensthabenden Eisenbahner sowie Grenz- und Zollbeamte.

Um 7.33 Uhr hatte Hans-Georg G. über die bahneigene Telefonleitung seinem Kollegen in Bielawa Dolna den zu erwartenden Güterzug bestätigt und den Dienstpersonenzug gemeldet. Vom polnischen Bahnhof kam die Abfahrerlaubnis, die Streckenfreimeldung und blockelektrisch die Bestätigung. Bei Passkontrolle und Zollverwaltung war der Zug ebenfalls freigegeben, sodass er sich pünktlich 7.36 Uhr in Bewegung setzte. Vorschriftsmäßig meldete Fahrdienstleiter G. die Ausfahrt nach Bielawa Dolna weiter. Doch nur sieben Minuten später klingelte in Horka das Zugmeldetelefon, und ein aufgeregter polnischer Fahrdienstleiter radebrechte: „Klassa halt über Radiotelefon, Katastropha, 508 na schlag.“ Hans-Georg G. saß wie erstarrt. „508 na schlag“ hieß nichts anderes, als dass der polnische Güterzug das Signal Halt überfahren hatte und in Richtung DDR weiterzog. „Klassa“ heißen die Personenwagen, doch diese über „Radiotelefon“ aufzuhalten, war undenkbar. Im Gegensatz zur polnischen Eisenbahn gab es auf der Horkaer Strecke keinen Zugfunk.

Dass Hans-Georg G. selbst mit Zugfunk nichts mehr verhindern hätte können, war ein schwacher Trost. Der Fahrdienstleiter sperrte die Gleise. Bahnhofsdispatcher L. machte sich von Horka aus zur Lageerkundung auf den Weg. Am Unfallort waren nach den Hilferufen der beiden Kraftfahrer bereits drei Krankenwagen und vier Feuerwehrfahrzeuge eingetroffen. Die Lokomotiven standen in Flammen. Acht Wagen waren entgleist. Uta P. und Christian M. wurden verletzt ins Görlitzer Bezirkskrankenhaus gefahren, die polnischen Bürger Rudi G. und Josef S. ambulant behandelt. Doch für weitere Menschen kam jede Hilfe zu spät. Fünf Deutsche und drei Polen starben beim Zusammenstoß, darunter die Lokführer Enrico H. und Piotr D.

Die Wucht des Zusammenstoßes zerstörte 200 Meter Gleis. Sieben der mit Steinkohle beladenen Waggons erlitten ebenso Totalschaden wie zwei deutsche Reisezugwagen und beide Dieselloks. Auf mindestens 1,9 Millionen DDR-Mark wurde der Schaden geschätzt. Zahlreiche Feuerwehren der Umgebung rückten an, eine Formation der Zivilverteidigung, Mitarbeiter der Forstwirtschaft Niesky. Die polnische Bahn schickte einen kompletten Hilfszug, die deutsche Reichsbahn Schienenkräne, Gleisraupen und schwere Rettungsscheren. Bei der Nationalen Volksarmee in Löbau wurden Bergepanzer angefordert.

   Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft ermittelten und gaben Gutachten an der Hochschule für Verkehrswesen in Auftrag. Fest stand: Der polnische Lokführer hatte das Haltsignal nicht beachtet. Ob er es tat, weil die Bremsen versagten, war nicht mehr herauszufinden, wurde aber auch nicht ausgeschlossen. Alle Wagen der Züge wurden in der Cottbusser Reichsbahnverwaltung der Wagenwirtschaft ausgiebigen Bremskontrollen unterzogen. Der Sachverständige M. stellte zwar mehrere defekte Teile an den Druckluftbremsen der Güterwaggons fest, bescheinigte dem polnischen Zug aber dennoch ausreichende Bremskraft. Im September 1990 stellte die Staatsanwaltschaft alle Ermittlungen endgültig ein.

Heute ist die Strecke nach wie vor ein Güterschwerpunkt. Der Ausbau zur elektrifizierten Schienenmagistrale steht ebenso bevor wie der Bau einer neuen Brücke über die Neiße. Dienstpersonenzüge indes gibt es schon seit 1998 nicht mehr.

Foto: SZ-Archiv/Opitz/Sammlung Schulz