merken
PLUS

Zurück aus Minsk

Michael Schiewack ist nicht nur Ergotherapeut, sondern engagiert sich auch für behinderte Kinder in Weißrussland.

Von Ina Förster

Die eine Woche war wieder einmal zu kurz. Zu kurz, um die vielen Eindrücke in dem Minsker Waisenhaus aufzunehmen. Zu kurz, um alles mit den Kollegen zu besprechen. Zu kurz, um mit den Kindern zu spielen. Michael Schiewack, Ergotherapeut aus Kamenz, genoss seinen bereits dritten Aufenthalt in Weißrussland dennoch. Zusammen mit Kollegin Julia Latta hatte er sich ein weiteres Mal auf den Weg ins Kinderheim Novinki gemacht. Dort engagiert sich der Verein „Gumpo“ seit Jahren. Und Schiewack engagiert sich im Verein. „Wir sind eine bunt zusammen gewürfelte Truppe mit etwa 20 Mitgliedern. Jeder hilft nach seinem Ermessen und mit dem, was er kann“, erzählt der 33-Jährige. Gelebte Unterstützung, die direkt beim Hilfesuchenden ankommt. So gefällt es ihm. Und so war auch schnell klar, dass der Kamenzer in seiner Berufung als Ergotherapeut vor Ort tätig wird. Der Verein finanziert seit 2008 im Minsker Waisenhaus zwei Physiotherapeuten auf sogenannten Liegestationen, die Anregungen dringend nötig hatten. Kaum einer wusste vor ein paar Jahren in Weißrussland überhaupt etwas über die Ergotherapie. Viele Krankenschwestern oder Pfleger im Heim traten den Kamenzern deshalb skeptisch entgegen. Nach dem dritten Besuch ist das endgültig Geschichte. „Seit diesem Jahr hat sich in Weißrussland sowieso einiges getan, es gibt mittlerweile sogar den ersten Studiengang dafür“, erzählt der Kamenzer.

Anzeige
Altmarkt-Galerie am 1. Oktober bis 23 Uhr geöffnet
Altmarkt-Galerie am 1. Oktober bis 23 Uhr geöffnet

Die 200 Shops der Altmarkt-Galerie haben beim "Late Night Shopping" extra lang geöffnet und bieten besondere Rabatte an.

Die Zustände im Heim allerdings werden sich wohl nie großartig ändern. Leider. Die Hospitalisierung ist das Schlimmste, was Michael Schiewack je gesehen hat. Und was ihn auch diesmal wieder stark berührte. „Da braucht man starke Nerven“, sagt er. Sechs bis acht Kinder unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Behinderungen in einem Raum. Teilweise fixiert am Bett, immer nur liegend, ernährt durch eine Sonde. Vom Baby bis zum 18-jährigen Fast-Erwachsenen wird hier jeder gleich behandelt. Früh gestellte Diagnosen werden später kaum hinterfragt. Ob alle Waisen sind, ist überhaupt fraglich. Sicherlich wurden viele einfach von den Eltern wegen ihren Behinderungen abgeschoben.

„Aber auch hier ist das Land auf einem guten Weg. Der Staat zahlt mittlerweile Pflegegeld an Eltern behinderter Kinder, damit sie diese zu Hause aufziehen“, weiß er. Im Kinderheim haben ihn alle groß angeschaut, wenn er davon berichtete, dass es in Deutschland schon immer anders geht und die meisten Behinderten in den eigenen Familien leben. „Das konnte sich hier niemand vorstellen!“ Nun plötzlich sollen diese Waisenhäuser bis 2015 geschlossen werden. Doch was wird aus den Kindern, die schon seit Jahrzehnten hier leben, gar nichts anderes kennen? Eine schwierige Frage, die auch Michael Schiewack umtreibt. Viele der Behinderten sind ihm ans Herz gewachsen, wie der 27-jährige Pascha, der sogar extra ein paar Worte Deutsch für die Kamenzer gelernt hat. Oder das Mädchen, das plötzlich erstmals in ihrem Leben mit Hilfe eines Schmetterlingsgurtes im Rollstuhl saß. Aber die Arbeit mit seinen weißrussischen Kolleginnen ist abgeschlossen. „Wir können ihnen nicht mehr viel beibringen. Und so ist es auch gut. Aber wir wollen hier als Verein anderweitig tätig werden“, so Schiewack. „Vielleicht war ich persönlich zum letzten Mal ins Minsk. Unsere Arbeit ist aber noch lange nicht getan!“

www.www.gumpo-ev.de