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Pöbeleien hinter Gittern

Im Gefängnis herrscht ein rauer Ton. Die Bediensteten zeigen nicht jede Beleidigung an – bestimmte Worte aber immer.

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© Lutz Weidler

Von Stefan Lehmann

Zeithain. Mirco P.* gilt in der JVA Zeithain als vergleichsweise ruhiger Gefangener. Als er aber im Oktober 2015 zur Urinprobe soll, tickt er völlig aus. Eine Amtsinspektorin des Gefängnisses beleidigt er aufs Übelste, nennt sie Fotze und droht „die mach’ ich fertig“. Auch die Versuche der Justizbeamten, ihn zu beruhigen, schlagen fehl. „Ich fahr mich nicht runter“, schreit er, und „fickt euch, ihr Spacken!“

Fälle wie dieser sind in der JVA Zeithain keine absolute Seltenheit, sagt Pressesprecher Thomas Kebsch. Der Umgangston in Gefängnissen sei generell etwas rauer. Ein juristisches Nachspiel hat das eher selten, sagt Kebsch. „Gefühlt kommt es in zehn Prozent der Fälle zu Sanktionen.“ Es gebe aber eine rote Linie, einen Katalog von Beschimpfungen, bei denen Anzeige erstattet wird. Das F-Wort gehöre da beispielsweise dazu. „In solchen Fällen verhängt das Amtsgericht häufiger Geldstrafen im dreistelligen Bereich“, erklärt der Pressesprecher.

Bevor es so weit kommt, versuchen die Bediensteten der JVA meistens, die Lage zu entspannen. Schon bei der Auswahl der künftigen Mitarbeiter werde „auf eine hohe soziale Kompetenz, gute kommunikative Fähigkeiten und eine hohe Belastbarkeit der Bewerber geachtet“, erklärt der Sprecher des sächsischen Justizministeriums, Jörg Herold. Darüber hinaus seien Strategien zur Deeskalation bei Konflikten wichtiger Teil der Aus- und Fortbildung im Justizvollzug. Auch in Zeithain ist das der Fall, bestätigt Thomas Kebsch. „Grundsätzlich ist die Ausbildung sehr vielschichtig und beinhaltet unter anderem auch Pädagogik und Psychologie.“ Wenn ein Gefangener verbal ausfallend wird, dann gehe es darum, „aus der Tretmühle herauszukommen“. Sonst schaukle sich die Situation immer weiter auf – und das sei dann auch nicht im Sinne der JVA-Bediensteten. Letztlich gehe jeder der mehr als 200 Bediensteten in Zeithain anders damit um. „Es gibt da keinen Königsweg“, erklärt Kebsch.

Benimmt sich ein Gefangener daneben, dann könne es außerdem interne Disziplinarmaßnahmen geben. „Wir sind aber bestrebt, Konflikte einvernehmlich beizulegen.“ Geraten ein Wärter und ein Gefangener aneinander, dann stehe ein vermittelndes Gespräch an erster Stelle. „Oft endet das dann mit einer Entschuldigung und mit sozialer Arbeit.“

So endet auch der Ausraster von Mirco P. Fast neun Monate nach seinem Ausraster steht der 28-Jährige vor Gericht. Seine eigentliche Haftstrafe hat er da schon abgesessen, ist bereits seit einem Monat auf freiem Fuß. Dass er im Herbst 2015 so ausgetickt war, daran seien Drogen schuld gewesen. „Ich habe damals viel Crystal genommen“, erklärt er. Das sei auch der Grund für seinen Ausraster gewesen: Er wusste, dass ihn die Urinprobe auffliegen lassen und er dann bestraft werden würde. „Schon am nächsten Tag, als ich wieder normal war, tat es mir leid.“ Der junge Mann entschuldigt sich mündlich und in einem Brief bei den Gefängnismitarbeitern, die er beleidigt hat. „Für mich ist der Fall damit erledigt gewesen“, sagt die Amtsinspektorin, die vor dem Gericht als Zeugin auftritt. Sie zieht ihren Strafantrag zurück, das Verfahren wird eingestellt. Ihr Kollege, der ebenfalls beschimpft worden war, hatte schon im Vorfeld auf eine Anzeige verzichtet.

*Name geändert