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"Aus Moskau sieht die Welt anders aus"

Fritz Pleitgen berichtete als TV-Reporter aus Moskau, Washington und Ost-Berlin. Ein Gespräch über Görlitz, Journalismus und den Umgang mit Putin.

„Nichts ist unmöglich. Auch nicht das Gute.“ Fritz Pleitgen, 83, zieht Bilanz.
„Nichts ist unmöglich. Auch nicht das Gute.“ Fritz Pleitgen, 83, zieht Bilanz. © dpa pa

Als Reporter war Fritz Pleitgen überall dort, wo in der Nachkriegszeit Geschichte geschrieben wurde: Er war „Tagesschau“-Korrespondent in Moskau, Ost-Berlin und Washington. Und er war ARD-Chefredakteur, als die Mauer fiel. Von 1995 bis 2007 prägte er als Intendant den WDR. Nach seiner schweren Krebs-Erkrankung hat der 83-Jährige nun ein Buch über seine Erlebnisse als Journalist geschrieben.

Herr Pleitgen, Sie haben mehrfach überlegt, nach Görlitz zu ziehen. Warum sind Sie nicht hier?
Görlitz hat viel Charme. Ich würde dort gerne wohnen, könnte mich allerdings nur schwer mit der starken Präsenz der AfD und ihren Ansichten zu Europa und dem Umgang mit Flüchtlingen gewöhnen.

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Sie wurden 1938 in Duisburg-Meiderich geboren. Wie hat Sie die Gegend in Ihrer Kindheit geprägt?
Ich bin ein Kind des Ruhrgebietes, vor allem geprägt durch die Kriegszeit, ausgebombt in Essen. Wir waren fünf Geschwister, mussten mit meiner Mutter nach Schlesien, nach Liegnitz flüchten. Das war damals eine Weltreise mitten im Krieg und mitten durch Deutschland. So habe ich als Kind ungefragt schon allerhand zu sehen bekommen. Die Nazizeit hat mir dieses zweifelhafte Vergnügen verschafft.

Sie schreiben in Ihrem Buch: „Nichts ist unmöglich. Auch nicht das Gute.“ Ist Heimat für Sie das Gute?
Na ja, so richtig sesshaft bin ich ja nirgends geworden. Für mich war Heimat immer, wo wir, wo ich mich wohl gefühlt habe, wo ich mit Menschen zusammen kam, die mir viel bedeuteten. Ich wohne jetzt in Bensberg, fünfzehn Kilometer vom Kölner Dom entfernt. Ich bin also ein sogenannter Immi, ein Immigrant. Aber die Rheinländer haben nichts dagegen, dass Zugezogene wichtige Posten übernehmen und die Arbeit machen. Das Gute muss man also vor allem selber schaffen, das stellt einem keiner einfach so hin.

Sie erzählen von der Begegnung am 23. November 1989 in Ost-Berlin mit Egon Krenz, dem letzten SED-Partei- und Staatschef der DDR. Sie schreiben, die Genossen hätten Krenz vermutlich „mit Absicht“ unvorbereitet in die Falle des Interviews laufen lassen. Haben Sie inzwischen Gewissheit darüber?
Nein, ich habe zu Egon Krenz keinen Kontakt. Das Interview kam wohl auf Anraten von Günter Schabowski, damals der Sekretär für Informationswesen, zustande. Ich vermutete, er habe Krenz gut vorbereitet. Die Fragen, die ich stellen würde, lagen auf der Hand. Es ging um die Wahlen am 8. Mai 1989, um Biermann, um Reisefreiheit, um die Zukunft des Landes.

Wie haben Sie Egon Krenz erlebt?
Als ich damals ankam, räumte mein Kamerateam gerade das ehemalige HoneckerBüro um, damit es für das Fernsehen interviewtauglich wurde. Bis heute ist mir ein Rätsel, warum Krenz so unvorbereitet in das Interview gegangen ist. Dabei hat er mir vorher gesagt, das sei sehr wichtig für ihn. Deshalb habe ich ihm geraten, die Wahrheit zu sagen.

Krenz war unsicher, Sie ganz gelassen. Haben Sie seine Schwäche genossen?
Nein. Aber nach der ersten Frage merkte ich, da war nichts von Offenheit, sondern da redete ein spießbürgerlicher DDR-Funktionär. In den Tagen nach der Sendung trafen viele Briefe in der Redaktion ein. Die Mehrheit fand, dass Krenz endlich in einer Weise befragt wurde, in der er immer hätte befragt werden sollen. Es gab auch einige, die der Meinung waren, ich hätte ihn über den Tisch gezogen.

Sie waren damals schon SPD-Mitglied. Sollte ein unabhängiger Journalist in einer Partei sein?
Eigentlich nein! Ich habe das schon in mehreren Interviews gesagt. Die Ostpolitik von Willy Brandt hatte mich sehr fasziniert. Deshalb bin ich 1969 in die SPD gegangen. Die Mitgliedschaft eines Journalisten in einer Partei kann nur zu Missverständnissen beim Publikum führen. Ich bin im Übrigen auch Christ und Protestant, da müsste ich mich wohl auch fragen, ob ich aus der Kirche austreten sollte.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird von AfD-Funktionären immer wieder als Staatsfunk kritisiert. Ist es ein Fehler, dass Sie als Reporter und später als WDR-Intendant an eine Partei gebunden waren?
Klares Nein. Die Verunglimpfung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks halte ich für unakzeptabel und geschichtslos. Er hat sehr zur Emanzipation unseres Gemeinwesens und zur Stabilität unserer Demokratie beigetragen. Meine berufliche Karriere habe ich nicht mit Hilfe der SPD gemacht. Ich hatte das Glück, mich nie bewerben zu müssen. Alle Positionen sind mir angeboten worden. Ich habe im Übrigen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gearbeitet und gespürt, wie es ist, unter den Bedingungen der Zensur und unter Freizügigkeit zu arbeiten. Und ich habe oft darüber berichtet, was für eine große Leistung der Menschen im Osten es war, dass sie Ihre Freiheit erkämpft haben.

Sie halten den 9. Oktober für den besseren Feiertag der deutschen Einheit. Warum?
Die mutige Demonstration am 9. Oktober in Leipzig hat dem Willkür-Regime der SED das Genick gebrochen und so der Deutschen Einheit den Weg geebnet. Diese epochale Leistung verdient es, durch einen Nationalfeiertag gewürdigt zu werden.

Deutschland ist im Ranking der Pressefreiheit schlechter gestellt als noch vor Jahren, nicht weil die Regierung Redaktionen einschränkt, sondern manche Bürger Journalisten bei ihrer Arbeit behindern. Wie schätzen Sie das ein?
Das muss uns alarmieren. Wir als Journalisten müssen uns prüfen, ob wir noch die Bürgerinnen und Bürger erreichen. Deshalb bin ich der Meinung, wir sollten in den Redaktionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Schichten der Bevölkerung haben und eng am Leben sein, um darüber zu berichten, was die Menschen wirklich bewegt. Tatsächlich ist die Frage, ob auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk nah genug dran ist, an den Problemen ihres Publikums.

Sie schreiben, wie Sie mit einem sowjetischen Führerschein einen Stasi-Mann überlisteten, der eine Messehalle in Leipzig bewachen sollte. Den Führerschein haben Sie in Moskau erworben. Sprechen Sie noch Russisch?
Nur noch ein wenig, ich habe ja keine Praxis mehr. Aber mein Sohn berichtet jetzt für CNN aus Moskau und lebt kurioserweise in dem selben Haus, in dem ich damals schon wohnte. Aber natürlich verfolge ich die deutsche Politik gegenüber Russland und wundere mich, wieso stets gefragt wird, was dem Putin gut tut oder nicht.

Westliche Politik spricht gern davon, Putin sei gefährlich, ist er das?
Darauf antworte ich Ihnen gern mit einem Zitat von Helmut Schmidt: ,Alle Großmächte sind gefährlich, egal, ob Sie China, USA oder Russland heißen.‘ Der russische Präsident sprach 2001 im Bundestag davon, wir sollten uns von unseren Vorurteilen trennen. Seine Rede ist von unseren Abgeordneten mit viel Beifall bedacht worden. Aber seine Vorschläge sind ungenutzt verhallt. Beide Seiten hätten aufeinander hören sollen.

Wird von deutscher Seite zu wenig respektiert, was Russland ausmacht?
Ja, wird es. Deutsche Politik sollte es unterlassen, ständig als Erzieher aufzutreten. Wir werden eine Atommacht nicht erziehen können. Außerdem sollten wir respektieren, dass andere Länder andere Kulturen, andere Geschichten und eine andere Perspektive haben. Aus Moskau sieht die Welt nun mal anders aus als aus Köln, aus Peking anders als aus Berlin und aus Washington anders als aus Leipzig. Das war auch die Formel von Gorbatschow: Schau auf die andere Seite und verstehe sie. Das war ebenso die Maxime der Ostpolitik des schon angesprochenen Willy Brandt.

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Sie haben gerade eine schwere Krebs-Erkrankung überstanden und Ihre Geschichten sind auch ein Vermächtnis…
… ja, ich bin auch jetzt von dem Gespräch etwas erschöpft, denn so richtig fit fühle ich mich noch nicht. Das Buch zu schreiben, hat mich sehr angestrengt. Lassen Sie mich deshalb zum Schluss sagen, dass ich die junge Generation ermutigen möchte, nicht aufzugeben. Die Deutsche Einheit galt auch lange als unmöglich und doch ist sie Realität.

Das Gespräch führte Peter Ufer.

Fritz Pleitgen: Eine unmögliche Geschichte. Als Politik und Bürger Berge versetzten, Herder, 356 Seiten, 24 €.

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