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Warum so viele Junge im Osten AfD wählen

Die AfD liegt bei den Wählern unter 30 in Sachsen-Anhalt noch vor der CDU. In anderen Bundesländern im Osten ist das ähnlich. Wo die Gründe dafür liegen.

Die AfD ist bei den unter 30-Jährigen in Sachsen-Anhalt besonders stark.
Die AfD ist bei den unter 30-Jährigen in Sachsen-Anhalt besonders stark. © Ronny Hartmann/dpa

Von Maria Fiedler und Selina Bettendorf

Er hat ein kleines Deutschlandfähnchen neben seinem Nutzernamen und eine schwarz-rot-goldene Banderole über seinem Profilbild. „Heute in Sachsen-Anhalt AfD wählen“, postet der 18-Jährige Eric V. am Sonntag bei Twitter. Er selbst kommt aus Thüringen, will aber bei der Bundestagswahl bei der AfD sein Kreuz setzen – und macht schon jetzt Wahlwerbung für die Partei.

Tags darauf am Telefon erklärt er, dass ihn zum einen die Ungleichheit zwischen Ost und West bei Gehälter und Renten störe. „Meine Großmutter hat in der Textilindustrie und als Hausfrau gearbeitet, heute ist sie von Altersarmut betroffen.“ Der Berufsschüler sagt außerdem, er habe Angst, seine Heimat durch „massive Zuwanderung“ zu verlieren. In seiner vorherigen Schule habe es viele Schüler mit Migrationshintergrund gegeben, die sich nicht hätten anpassen wollen.

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Warum wählen so viele junge Menschen AfD? Die Frage wird nach Landtagswahlen im Osten immer wieder gestellt. In Brandenburg, Sachsen und Thüringen – und jetzt Sachsen-Anhalt. Bei den Unter-30-Jährigen lag die Partei bei der Wahl zum Magdeburger Landtag noch vor der CDU. Besonders stark tritt der Unterschied auch hervor, wenn man sich die Gruppe der 25- bis 34-jährigen Männer anschaut: Hier wählten 31 Prozent die AfD und 21 Prozent die CDU.

Die Gründe dafür allein in der DDR-Vergangenheit im Osten zu suchen, greift aus Sicht von Wissenschaftlern zu kurz. Tatsächlich dürfte eine ganze Reihe an Faktoren für den Wahlerfolg der AfD bei den jungen Erwachsenen verantwortlich sein.

"Geblieben sind die Angehörigen der bildungsfernen sozialen Schichten"

„Dass die AfD in den meisten östlichen Bundesländern bei den jungen Wählern stärkste Kraft ist, sollte nicht überraschen und ist auch nicht neu“, sagt der Soziologe Raj Kollmorgen von der Hochschule Zittau/Görlitz. „Auch NPD, DVU oder die Republikaner bekamen starken Zuspruch von Erst- und Jungwählern.“

Ein wichtiger Faktor ist aus Sicht von Kollmorgen die Abwanderung. Die betreffe zwar kaum die jetzige junge Generation. Für viele ostdeutsche Regionen seien die Wanderungssalden sogar positiv. „Aber die Frage ist: Welche Familien sind in den Abwanderungswellen der 1990er und frühen 2000er Jahre im Osten geblieben?“ Das seien nicht die mobilen, höher qualifizierten und veränderungsbereiten Menschen. „Geblieben sind eher die Angehörigen der unteren und bildungsfernen sozialen Schichten. Deren Kinder sind tendenziell empfänglicher für die Botschaften und Vorschläge der AfD.“

Natürlich hätten die heutigen jungen Wähler der AfD die DDR selbst nicht miterlebt und waren nicht unmittelbar von den Folgen der Vereinigung betroffen, sagt Kollmorgen. Aber es finde eine „Sekundärsozialisation“ über die Eltern, Familien und in den Freundeskreisen statt. Erfahrungen und Deutungsmuster würden weitergegeben, zum Beispiel zum „Überlegenheitsgestus“ der Westdeutschen, zur mangelnden Beteiligung der Ostdeutschen an der Transformation oder zu „gebrochenen Versprechen“ der Politik. „Zudem machen auch die jungen Wähler selbst oft die Erfahrung, dass die sogenannten etablierten Parteien an ihrer Lebenswirklichkeit im abgehängten ländlichen Raum wenig ändern.“

Einige wählen bewusst eine rechtsradikale Partei

Das sieht auch der Pädagoge Frank Greuel vom Deutschen Jugendinstitut in Halle so. „Wenn die ältere Generation von Benachteiligung berichtet, die ihr nach der Wiedervereinigung wiederfahren ist, und dann auch die aktuelle Generation wahrnimmt, dass sie als Ostdeutsche benachteiligt werden oder sich nicht repräsentiert fühlen – dann ist das etwas, wo die AfD einhaken kann.“

Aus Sicht von Greuel ist es ein nicht kleiner Teil der jungen AfD-Wähler, der über die Wahlentscheidung Protest ausdrücken oder provozieren will. Dabei würden auch rassistische und menschenfeindliche Ressentiments in Kauf genommen. Allerdings gibt es auch jene, die ganz bewusst eine rechtsradikale Partei ins Parlament wählen.

„In den Elternhäusern oder über das Umfeld können zudem Mentalitäten weitergegeben werden: etwa autoritäre oder fremdenfeindliche Einstellungen“, sagt Kollmorgen. Der sächsische Streetworker Sascha Rusch drückte es 2019 im Gespräch mit dem Tagesspiegel noch drastischer aus: „Die Neonazis, die in den 90ern Leute zusammengeschlagen, in Hoyerswerda, Solingen oder Rostock-Lichtenhagen rechte Gewalttaten verübt haben – die haben sich niedergelassen und Kinder bekommen.“ Eltern hätten eben einen großen Einfluss auf Kinder und Jugendliche. Und wenn es am Küchentisch normal sei, abfällig das N-Wort zu benutzen, dann würden diese das übernehmen.

Auch das erweiterte Umfeld spiele eine Rolle – gerade in Gegenden, wo Rechte insgesamt den Ton angeben. „Wenn Rechtsradikale unwidersprochen bleiben, weil sie Nachbarn sind oder weil man keinen Stress mit ihnen will, dann entsteht bei Jugendlichen der Eindruck, alle wären so drauf.“ Das führt dann zu der paradoxen Situation, dass Jugendliche mit ihrem Verhalten einerseits gegen „die da oben“, den vermeintlichen Mainstream protestieren – andererseits erleben, dass es scheinbar normal ist, wenn Verwandte oder Nachbarn AfD wählen.

Nur die Hälfte der Erstwähler wählt die gleiche Partei wie die Eltern

Aus Sicht von Kollmorgen spielen aber auch die eigenen Eindrücke eine Rolle. „Wenn die Jüngeren den Eindruck haben, dass für ,die Griechen‘ oder ,die Flüchtlinge‘ Geld da ist, bei ihnen aber nichts ankommt, dann trägt das zu einer Verstärkung fremdenfeindlicher Einstellungen bei.“ Wie viele der jungen AfD-Wähler tatsächlich ein gefestigtes rechtsradikales Weltbild hätten, sei schwer zu ermitteln. „Ich würde davon ausgehen, dass es etwa ein Drittel bis die Hälfte dieser Wählergruppe ist.“

In Sachsen-Anhalt waren Forscher auch beunruhigt über eine wachsende Ablehnung der Demokratie unter jungen Erwachsenen. Der Sachsen-Anhalt-Monitor 2020 etwa zeigte, dass 18 Prozent der 18- bis 29-Jährigen „eher“ oder „entschieden“ gegen die Demokratie sind.

Die AfD jedenfalls spricht die jungen Wähler im Osten gezielt an. Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat beobachtet, dass sie in Sachsen-Anhalt die einzige Partei war, die einen echten Erstwählerwahlkampf gemacht hat. So hatte die AfD über Anschreiben ganz gezielt junge Leute adressiert. Auch ihre Fokussierung auf die sozialen Medien kommt ihr dabei zu Gute.

Prinzipiell gilt laut Hurrelmann: Nur etwa die Hälfte der Erstwähler entscheidet sich für die gleiche Partei wie ihre Eltern. Ein großer Teil der jungen Wählerinnen und Wähler schaue durchaus auf die Themen. Neben der Ungleichheit zwischen Ost und West - ein Thema bei dem sich die AfD als Kümmerer-Partei präsentiere - könne auch Corona für Jüngere eine Rolle gespielt haben. „Da hatten die Jungen auch im Osten das Gefühl: Wir zählen für die Politik nicht, wir stehen mal wieder hinten an“, sagt Hurrelmann.

Greuel beobachtet zudem, dass es bei einem Teil der jungen Ostdeutschen so etwas wie eine ostdeutsche Identität gebe. „Man geht auf Ossi-Parties, hat entsprechende Heckaufkleber am Auto. Da wird über den vermeintlichen Außenseiterstatus eine spezifische Identität geformt.“ Das versuche die AfD, sehr konsequent anzusprechen.

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Was gibt am Ende den Ausschlag? Die Eltern des jungen AfD-Anhängers Eric V. jedenfalls wählen beide keine rechte Parteien, aber ein Freund von ihm war in der AfD. „Er hat mich aber nicht überredet“, sagt er. „Die Einstellung kam schon von mir selbst.“ In seinem Umfeld in Thüringen sei diese Einstellung ganz normal.

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