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Der seltsame Friedensapostel

Werner Klawun saß für die NPD im Dresdner Stadtrat, konvertierte später zum Islam und gibt sich heute friedensbewegt. In Pirna musste er auf die Anklagebank.

Symbolfoto.
Symbolfoto. © Symbolfoto: dpa

Von Friederike Hohmann

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Vor einigen Jahren beschäftigten sich nationale und sogar internationale Medien mit seiner Person: Werner Klawun hatte bis 2009 für die NPD im Dresdner Stadtrat gesessen, erklärte aber 2016, er habe sich inzwischen von der Partei abgewandt und sei zum Islam übergetreten. Dies und seine Angabe, dass er mehrere Flüchtlinge bei sich aufgenommen habe, bescherte ihm damals große Aufmerksamkeit.

Viel Aufmerksamkeit verlangt der 79-Jährige, der ein grellgelbes Hemd mit grauer Krawatte und passender Weste trägt, nun auch von Richterin Simona Wiedmer. Sie möchte von ihm wissen, was genau am Nachmittag des 3. Juni dieses Jahres auf dem Markt in Dohna geschehen war. Gegen Klawun lag zu diesem Zeitpunkt ein Vollstreckungshaftbefehl vor, weil er eine Geldstrafe nicht bezahlt hatte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm nun vor, dass er sich massiv gegen seine Festnahme gewehrt hatte. Er habe nach einem Beamten getreten, diesen aber nicht getroffen. Eine Beamtin habe er in die Hand gebissen, sie aber nicht verletzt, weil sie Handschuhe trug.

An all das könne er sich nicht erinnern, gibt Klawun an, der heute 1. Vorsitzender des Vereins Sachsen Marathon e. V. ist. Stattdessen nutzt er die Anklagebank als Bühne, um den Anwesenden sein Leid zu klagen. Er beschwert sich über die Justiz, die ihm seine Kinder entzogen hätte und über Psychiater, die in ihren Gutachten Lügen über ihn verbreitet hätten.

Chef des Sächsischen Friedensmarathons

Er kenne das inzwischen alles. Dutzende Verfahren würden gegen ihn laufen. Das seien alles Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Dazu würden Zeugenaussagen konstruiert. Man wolle ihn ja doch nur ins Gefängnis stecken. Überall würde er auf Vorurteile stoßen, besonders in der Sächsischen Schweiz, wo man ihn inzwischen anfeinde, weil er mit einer muslimischen Frau verheiratet ist.

Immer wieder versucht die Richterin vergeblich, ihre Fragen zum Sachverhalt zu stellen. Er könne keinen Satz zu Ende bringen, beschwert Klawun sich daraufhin jedes Mal und setzt erneut an, über die aus seiner Sicht wichtigen Themen zu sprechen. Nebenbei wühlt er sich durch seine mitgebrachte Zettelsammlung, darunter etliche Plakate oder Flyer, auf denen er selbst abgebildet ist.

Richterin und Staatsanwalt kommen bald zu dem Schluss, dass der betagte Angeklagte der Situation offensichtlich nicht mehr gewachsen ist. Um ihm ein faires Verfahren zu ermöglichen, soll ihm ein Pflichtverteidiger zur Seite gestellt werden.

Das Verfahren ist nun erst einmal ausgesetzt, ein neuer Termin zur Fortsetzung wird noch bestimmt. Noch im Saal vereinbart die Richterin einen Termin für übermorgen bei einem Pirnaer Anwalt für Werner Klawun. Eigentlich hat er an diesem Tag wenig Zeit, denn da müsse er zu einer Veranstaltung zum Weltfriedenstag, gibt er an. Auch ansonsten ist Klawun noch sehr aktiv: Als Vereinschef muss er sich wohl intensiv um die Vorbereitung des „Sächsischen Friedensmarathons“ kümmern, der in wenigen Tagen stattfindet. Außerdem sei er Bundesvorsitzender der „Deutschen Friedensunion“ und arbeite an einer Dissertation über Goethes Gedichtsammlung West-östlicher Divan, hat er zuvor dem Gericht erzählt. Ob er allerdings noch zum nächsten Termin kommen könne, bezweifelt er. Schließlich sei er sehr alt und von etlichen Leiden geplagt.

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