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Slowakischer Premier Fico nach Attentat außer Lebensgefahr

Der slowakische Regierungschef Fico wurde am Mittwoch von einem Rentner niedergeschossen. Inzwischen wurde er zweimal operiert. Sein Zustand ist stabil, aber weiter ernst. Welches Motiv hatte der Täter?

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Ein Mann hält die slowakische Fahne in der Hand vor dem F. D. Roosevelt Universitätskrankenhaus, in dem der angeschossene und verletzte slowakische Premierminister Fico behandelt wird.
Ein Mann hält die slowakische Fahne in der Hand vor dem F. D. Roosevelt Universitätskrankenhaus, in dem der angeschossene und verletzte slowakische Premierminister Fico behandelt wird. © Denes Erdos/AP/dpa

Bratislava. Der Angriff auf den slowakischen Regierungschef Robert Fico erschüttert die Slowakei und hat international Entsetzen ausgelöst. Drei wichtige Fragen und Antworten:

Was ist passiert?

Der Angriff ereignete sich am Mittwoch um 14.30 Uhr. Fico befand sich in der Kleinstadt Handlová, wo eine Kabinettssitzung stattgefunden hatte. Außerhalb des Sitzungsortes hatten sich Anhänger versammelt. Als Fico auf die Menschen zuging, um sie zu begrüßen, fielen die Schüsse. Auf einem Video des Lokalfernsehens RTV Prievidza ist zu sehen, wie sich ein Mann an den Zaun drängt und aus unmittelbarer Nähe auf den Ministerpräsidenten schießt. Nach Augenzeugenberichten soll der Täter den Politiker laut zu sich gerufen und dann fünf Schüsse auf ihn abgegeben haben.

"Kurz bevor ich ihm die Hand geben wollte, habe ich vier Schüsse gehört. Robert fiel auf den Boden", sagte ein Augenzeuge am Mittwoch auf dem Platz vor dem Kulturhaus in Handlová im öffentlich-rechtlichen Sender RTVS. Er stehe unter Schock. "Das ist etwas Schreckliches, das waren Schüsse von hinten", fügte er hinzu. Über den Schützen sagte eine Frau dem Sender: "Der Mann stand dort von Anfang an. (...) Er hat nur noch gewartet."

Leibwächter bringen den slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico in einem Auto vom Ort des Geschehens in Sicherheit.
Leibwächter bringen den slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico in einem Auto vom Ort des Geschehens in Sicherheit. © Radovan Stoklasa/TASR/dpa

Das Portal der Zeitung "Dennik N" veröffentlichte Videoaufnahmen, auf denen zu sehen ist, wie Personenschützer den nach den Schüssen zu Boden gegangenen Fico aufheben und in zusammengekrümmter Haltung zu seiner Limousine tragen. Dort legen sie ihn auf den Rücksitz. Während das Auto mit Vollgas davonrast, wird der Angreifer von Polizisten festgenommen.

Wie geht es Fico?

Der 59-jährige Fico wurde nach dem Attentat in die Regionalhauptstadt Banská Bystrica geflogen, wo er sich im Roosevelt-Krankenhaus zunächst einer fünfstündigen Notoperation unterziehen musste. Zuvor sei ein CT-Scan gemacht worden, berichtete die Krankenhausdirektorin Miriam Lapuniková am Donnerstag. An der Operation seien zwei Ärzteteams beteiligt gewesen. Inzwischen wurde der Politiker ein zweites Mal operiert. Der Eingriff sei ein "Standard-Schritt" gewesen, teilten Vizepremier Robert Kalinak und die Leiterin der Klinik in der Regionalhauptstadt Banska Bystrica, Miriam Lapunikova, nach Angaben der Nachrichtenagentur TASR mit. Das Regierungsamt in Bratislava hatte zuvor bestätigt, dass der 59 Jahre alte Politiker weiterhin auf der Intensivstation behandelt wird.

Bei dem Attentat habe Fico mehrere Schussverletzungen erlitten. Seine Genesung könne wegen der Folgen dieser Verletzungen schwierig werden, sagte Krankenhausdirektorin Miriam Lapuniková am Donnerstag.

Innenminister Matúš Šutaj-Eštok und Verteidigungsminister Robert Kaliňák, der auch stellvertretender Regierungschef ist, hatten am Mittwochabend direkt in der Klinik verkündet, Ficos Zustand sei lebensbedrohlich und "außerordentlich ernst". Das Krankenhaus verhängte eine Informationssperre.

Krankenhausdirektorin Miriam Lapuniková spricht während einer Pressekonferenz zusammen mit dem stellvertretenden Premierminister und Verteidigungsminister der Slowakei Robert Kaliňák (rechts) vor dem F. D. Roosevelt Universitätskrankenhaus, wo der angesch
Krankenhausdirektorin Miriam Lapuniková spricht während einer Pressekonferenz zusammen mit dem stellvertretenden Premierminister und Verteidigungsminister der Slowakei Robert Kaliňák (rechts) vor dem F. D. Roosevelt Universitätskrankenhaus, wo der angesch © Denes Erdos/AP/dpa

In der Nacht berichteten Medien, Fico habe nach der Operation das Bewusstsein wieder erlangt. Der BBC sagte einer der Vizeregierungschefs, der Umweltminister Tomáš Taraba, nach seinem Kenntnisstand sei die Operation gut verlaufen und Fico befinde sich "im Moment nicht in lebensbedrohlichem Zustand".

Am Donnerstagmorgen dann sagte Verteidigungsminister Kaliňák der Nachrichtenagentur TASR, Ficos Zustand habe sich "stabilisiert, ist aber weiterhin ernst". Krankenhausdirektorin Lapuniková, sagte: "Der Patient wies mehrere Schussverletzungen auf." Die Folgen dieser Verletzungen könnten eine Genesung erschweren. Weitere Informationen gab es zunächst nicht.

Am Sonntag präzisierte Kaliňák seine Aussage gegenüber der Nachrichtenagentur noch einmal. Fico sei nach dem Attentat endgültig außer Lebensgefahr, so der Vizepremier.

Welche Beweggründe hatte der Täter?

Bei dem Täter handelt es sich nach Angaben von Innenminister Matúš Šutaj-Eštok um einen 71-Jährigen aus der Kleinstadt Levice. Eine erste Vernehmung habe ergeben, dass er ein "klar politisches Motiv" gehabt habe, nämlich die Ablehnung der Regierungspolitik.

Medienberichten zufolge soll Juraj C. in der Vergangenheit für einen privaten Sicherheitsdienst gearbeitet und deshalb einen Waffenschein besessen haben. Die Tatwaffe habe er legal besessen. In seiner Heimatregion soll er sich nach Medienberichten auch als Schriftsteller versucht haben. Levice liegt eine Autostunde südlich von Handlová, wo Fico sich aufgehalten hatte.

Ein Reporter des öffentlich-rechtlichen Fernsehens RTVS, der den Täter nach der Festnahme aus der Nähe sehen konnte, schilderte, dass der Angreifer desorientiert gewirkt und Blut auf der Stirn gehabt habe. Das sei aber wohl damit zu erklären gewesen, dass ihn die Polizisten nach der Tat überwältigt und auf den Boden gedrückt hatten.

Der slowakische Regierungschef Fico ist nach einer Kabinettssitzung in der Stadt Handlova angeschossen und verletzt worden.
Der slowakische Regierungschef Fico ist nach einer Kabinettssitzung in der Stadt Handlova angeschossen und verletzt worden. © Radovan Stoklasa/TASR/dpa

Der TV-Nachrichtensender TA3 und andere Medien bekamen eine Videoaufnahme aus der Polizeistation zugespielt. Darin sagt der benommen wirkende mutmaßliche Attentäter: "Ich stimme der Regierungspolitik nicht zu." Als Beispiel nannte er mit undeutlicher Stimme die von der Regierung geplante Medienreform, gegen die seit Wochen Tausende Menschen demonstrieren. Auch die Frau des mutmaßlichen Täters wurde nach Medienberichten von der Polizei verhört.

Scheidende Präsidentin und ihr Nachfolger rufen zur Besonnenheit auf

Am Vormittag hatten die scheidende Präsidentin Zuzana Čaputová und ihr gewählter Nachfolger Peter Pellegrini mit einem gemeinsamen Auftritt im Präsidentenpalais in Bratislava ein ganz besonderes Signal gesetzt. Beide wollten damit die aufgeheizte Lage in der Slowakei nach dem Attentat beruhigen helfen. Übereinstimmend nannten sie den Anschlag einen „Schlag gegen die Demokratie“. Čaputová rief zur Besonnenheit auf. Sie kündigte ein Treffen der Chefs aller großen politischen Parteien im Präsidentenpalais an, um die gesellschaftlich angespannte Lage zu besprechen und Lösungen zu suchen. Die parteipolitischen Spannungen müssten abgebaut und Land und Menschen wieder zusammengeführt werden.

Pellegrini rief zu einer besonderen Reaktion der Parteien auf: sie sollten ihren Europawahlkampf vorübergehend aussetzen oder zumindest deutlich einschränken. „Das Land kann sich keine weitere Konfrontation leisten“, mahnte der künftige Präsident.

Der Sozialdemokrat Pellegrini hatte Anfang April die Stichwahl um das Präsidentenamt gewonnen und wird seine Arbeit in einem Monat aufnehmen. Die scheidende Präsidentin Čaputová hatte nicht für eine zweite Amtszeit kandidiert. Einer der Gründe dafür waren die Anfeindungen, denen sie von politischen Gegnern ausgesetzt gewesen war.