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Porzellan platzt, wenn keiner hilft

Die Nikolaikirche in Meißen – eine weltweit einmalige Gedenkstätte für die Toten des Ersten Weltkriegs – ist in Gefahr. 

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Weinende Kinder, klagende Frauen, von den Männern nur die Namen: Emil Paul Börners Porzellankunstwerk in der Meißner Nikolaikirche.
Weinende Kinder, klagende Frauen, von den Männern nur die Namen: Emil Paul Börners Porzellankunstwerk in der Meißner Nikolaikirche. © Maren Wulf

Von Anne Buhrfeind

Meißen. Sie ringen verzweifelt die Hände, klammern sich an ihre Fackeln, die sie für die Toten halten, beugen sich schützend über weinenden Nachwuchs, den Fuß auf zerbrochenen Schwertern: Es sind Frauen, die hier trauern. Und Kinder. Die Männer sind im Krieg „gefallen“, 1 857 Männer, alle aus Meißen. Von ihnen blieben die Namen auf den 14 Epitaphen an den Wänden der kleinen Kirche im Triebischtal. 

Nur Namen auf Porzellan, keine Titel, keine Ränge, dazu die klagenden Gestalten, Die beiden neben dem Altar sind zweieinhalb Meter hoch und 300 Kilogramm schwer. Heldengedenken? So wäre es wahrscheinlich im Sinne des damaligen, „vaterländisch“ orientierten Kirchenvorstands gewesen, aber darum hat sich der Künstler nicht geschert.

Wie kam dieses ungewöhnliche Werk in die Nikolaikirche, das älteste Gebäude der Stadt? Im Jahr 1919 entstand die Idee, die Opfer des gerade vergangenen Krieges zu ehren. Eine Gedenkstätte in der Nikolaikirche, das schien eine gute Idee. 

Mit dem Gebäude hatte die Frauenkirchen-Gemeinde schon seit geraumer Zeit nichts mehr anfangen können, und Max Adolf Pfeiffer, damals noch ziemlich neu als Leiter der bis 1918 Königlichen, jetzt staatlichen Porzellan-Manufaktur, wollte sich um die Realisierung kümmern.

Er beauftragte seinen Chef-Gestalter Emil Paul Börner (1888 - 1970). Der war im Krieg gewesen, er wusste, worum es ging – nicht um Glanz und Gloria, sondern ums Leiden und Sterben. Und im Tod, das hatte Börner wohl auch gesehen, sind alle gleich, Heiden wie Christen. 

Deshalb wird jetzt in der Kirche aller Meißner gedacht, die in diesem Krieg gestorben sind. Nicht nur derer aus der Gemeinde der Frauenkirche. Es waren, so ist das damals notiert worden, 1 756 Evangelische, 52 Katholische, zwei „Israeliten“ und fünf „Dissidenten“.

Acht oder neun Jahre haben Börner und seine Kollegen an der Kirche gearbeitet, bis 1929. Damals, weiß Georg Krause, Architekt und Afra-Kirchvorsteher, ist die Gedenkstätte sehr beachtet, aber auch beargwöhnt worden. Später geriet sie in Vergessenheit, einerseits weil „diese Art der Kunst und des Materials“ in Kitschverdacht gekommen war.

Georg Krause, Afra-Kirchvorsteher, weiß alles über die Geschichte der Nikolaikirche im Triebischtal.
Georg Krause, Afra-Kirchvorsteher, weiß alles über die Geschichte der Nikolaikirche im Triebischtal. © Maren Wulf

 Andererseits konnte wohl auch die Kirche, die Gesellschaft mit der Art des Totengedenkens nichts anfangen. Bis man – nach der Wende – „den traurigen Aspekten der deutschen Geschichte wieder offener gegenüberstand“. Heute ist die Kirche offizieller Erinnerungsort.

Wer hat das Ganze eigentlich bezahlt? Der Manufaktur-Chef hatte zweimal Lotterien veranstaltet, durchaus erfolgreich, aber zur dritten Lotterie kam die Inflation dazwischen. 

Pfeiffer war ins Risiko gegangen, auch aus Überzeugung. Kein Wunder, dass er die Angelegenheit nicht unbedingt als kirchliche, sondern auch als seine eigene betrachtet hat. In die Stufe zum Altar hat er ein Buddha-Zitat prägen lassen. Das muss weg! Forderten die Kirchenoberen. Es steht da aber immer noch, wenn auch kaum noch zu entziffern: „Erscheinung vergeht, harret aus im Streben.“

Ja, Erscheinung vergeht. Auch die schneeweiße Trauerkunst in der Nikolaikirche vergeht. Sie platzt geradezu, wenn auch langsam. Das Hochwasser der Triebisch, der feuchte Untergrund setzen der Kirche zu.

 Die Porzellan-Epitaphe haben die Künstler und Handwerker wie Öfen gesetzt, auf einem eisernen Grundgestell, auf Schamottesteine wurden die Namenskacheln fugenlos aufgebracht – „fugenlos!“, das macht den Architekten heute fast fassungslos. Wie soll man das abbauen?

 Und das Eisen oxidiert, dehnt sich aus, treibt das Porzellan auseinander, Risse und Brüche entstehen. „Das ist unumkehrbar“, fürchtet Georg Krause.

„Da ist was dran“, sagt Manfred Richter, Baupfleger im Regionalkirchenamt. Dabei habe die Kirche schon viel gemacht an dem Gebäude, mithilfe des Kuratoriums „Rettet Meißen jetzt“ sei eine Heizung gegen die Feuchtigkeit eingebaut worden, aber wirklich aufhalten könne man den Prozess wahrscheinlich nicht. 

Die Gemeinde St. Afra, zu der das Gebäude gehört, habe genügend andere zu sanieren und zu erhalten. „Es müssten sich vielleicht ein paar Partner zusammensetzen, die Porzellanmanufaktur, die Stadt.“ Aber finanzielle Kapazität sieht er da auch nicht.

Nach Ansicht von Kreisdenkmalpfleger Andreas Christl könnte es sich – zehn Jahre nach der Hilfs- und Heizungsaktion durch das Kuratorium – durchaus lohnen, noch einmal nachzuforschen, ob der Stand der Technik heute mehr Möglichkeiten hergibt. 

Über die Finanzierung könne man nachdenken, wenn man mehr weiß. „Aber der Anstoß muss von der Kirchengemeinde kommen.“